Die Eule der Minerva beginnt nach Hegel bekanntlich in der Dämmerung ihren Flug, und über der Welt der großen Warenhäuser geht schon seit Längerem die Sonne unter. Die große Zeit des „Paradieses der Damen“, so der deutsche Titel von Émile Zolas berühmtem Roman von 1884, ist nach über hundert Jahren vorbei. Erst in einer „Sandwich“-Position zwischen Billigmärkten und dem Spezialhandel eingequetscht, dann von Amazon und Co. in puncto Auswahl, Preis und Bequemlichkeit geschlagen, sind die Warenhäuser in den Innenstädten einfach zu teuer und zu wenig rentabel. Der Konzentrationsprozess der 1990er-Jahre führte zum Aufkauf von Hertie und Horten durch Karstadt und Kaufhof und auch der dann folgende Zusammenschluss dieser beiden Ketten zu Galeria Karstadt Kaufhof, nun nur noch Galeria, kämpft heute um das Überleben. Entsprechend dieser Lage hat die Geschichtswissenschaft, Abteilung Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, zuletzt einige Bilanzen erarbeitet, so zum „Kaufhauskönig“ Helmut Horten (F.A.Z. vom 16.9.2024) und zur „Arisierung“ von Hertie (F.A.Z. vom 15.1.2024). Jetzt haben die zwei renommierten Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe und Ralf Banken einen opulenten, aber nicht unkritischen Prachtband über die Gesamtgeschichte von Hertie vorgelegt. Plumpe widmet sich dabei der Gründungsepoche, Blanken der Zeit ab dem Dritten Reich. Zahlungsschwierigkeiten in der Weltwirtschaftskrise 1929 Der namensgebende Herman Tietz war nur der Kapitalgeber, sein Neffe Oscar Tietz baute Hertie auf, dessen Bruder Leonhard Tietz gründete die später unter „Kaufhof“ firmierende Warenhaus AG. Auch Hertie verströmte den Glanz der modernen Warenhauswelt, war aber vor allem ein Ort des Massenkonsums. Hohe Umsätze wurden durch Massenabsatz standardisierter Güter zu niedrigen Preisen an zentralen Innenstadtlagen erzielt. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde damit Massenkonsum und Massenproduktion entfesselt und zum Inbegriff der kapitalistischen Hochmoderne. Den Ersten Weltkrieg überstand man relativ unbeschadet, ebenso die Inflationen, welche die Altschulden verringerte. Oscars Söhne Georg und Martin Tietz und der Schwiegersohn Hugo Zwillenberg führten das Unternehmen als persönlich haftende Gesellschafter weiter. Am Ende der Weimarer Republik verfügte man bereits über 20 Häuser, davon allein zehn in Berlin. Durch die Übernahme des Jandorf-Konzerns 1926 und vor allem die Weltwirtschaftskrise 1929 geriet man aber angesichts sinkender Kaufkraft und Nachfrage in ernste Zahlungsschwierigkeiten. Der Umsatzrückgang beschleunigte sich nach der „Machtergreifung“ durch die antisemitischen Boykotte und die folgende Änderung des Konsumverhaltens. Angesichts der ökonomischen Größe wollten die Nationalsozialisten trotz ihrer Ressentiments gegen die „jüdischen Warenhäuser“ diese nicht bankrottgehen lassen. Die Liquiditätshilfen und die Sanierung wurden aber an die Entlassung des jüdischen Führungspersonals gekoppelt. Die „Arisierung“, das heißt das Herausdrängen der Tietz-Brüder und des Mitgesellschafters Hugo Zwillenberg war vor dem Hintergrund der Schuldenbewirtschaftung ein mehrstufiger Prozess, der keine Enteignung, aber ein Herausdrängen der jüdischen Eigentümer und Entschädigung unter Wert bedeutete. Es folge die schrittweise Übernahme der Mehrheit an dem nun von „Hermann Tietz & Co.“ in „Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH“ umbenannten Konzern durch den versierten Chefeinkäufer Georg Karg. Patriarchalische Führungsstruktur Dieser wurde bis zu seinem Tod der alles bestimmende Faktor, darin seinem Kollegen Helmut Horten in dessen Warenhauskonzern ähnlich. Karg war wie dieser kein Nationalsozialist, nutzte aber ebenso die sich bietenden Chancen, ging nach dem Kriegsende trotz der Verluste der Häuser in der sowjetisch besetzten Zone wieder direkt in die Vollen und einigte sich im Vergleich mit den Alteigentümern, von denen er nach Rückgabe der drei Warenhäuser in München, Stuttgart und Karlsruhe diese direkt wieder pachtete. Von 1952 bis 1972, dem Tod Kargs, stieg die Anzahl der Hertie-Filialen und der Häuser der neu gegründeten Billigkette Bilka von 21 auf 101, der Umsatz von 297 Millionen DM auf fünf Milliarden DM und die Anzahl der Beschäftigten von 15.000 im Jahr 1957 auf dann knapp 60.000 Mitarbeiter. Doch je größer der Konzern wurde, den Karg über zwei Stiftungen steuerte, desto überkommener war die patriarchalische Führungsstruktur. Und wie bei all diesen dominanten Führungsfiguren konnte der Erbe, in dem Falle Kargs Sohn Hans-Georg, das Konglomerat nicht mehr adäquat weiterführen. Georg Karg lebte quasi in seinen Warenhäusern, er war ein Workaholic, der neben seinem Konzern nur noch der Familie Bedeutung zumaß. Den Abstieg nach seinem Tod bis hin zur Übernahme von Hertie durch Karstadt 1993, nach 111 Jahren, musste er nicht mehr erleben. Ralf Banken lastet dem Management diesen Niedergang an, aber es war auch ein Zug der Zeit, wie der vergleichende Blick zeigt: Die große Zeit der Warenhäuser ging zu Ende, das Konsumverhalten hatte sich verändert. Was damit verschwand, kann man an den vielen Fotografien der Hertie-Häuser, zu denen seit 1926 auch das KaDeWe in Berlin gehörte, anschaulich nachvollziehen. Die beiden Autoren haben auf schwieriger Quellengrundlage ein breites Panorama eines der vier großen Warenhauskonzerne Deutschlands entfaltet, eine bewundernswerte Leistung. Werner Plumpe und Ralf Banken: Die wunderbare Welt von HERmann TIEtz. Warenhaus und Massenkonsum in Deutschland in der Moderne. Siedler Verlag, München 2026, 752 Seiten, 58 Euro.
