FAZ 06.10.2026
15:53 Uhr

Wirtschaftswende: Ideen braucht das Land


Deutschlands Wohlstand ist in Gefahr. Trotz mauer Wirtschaftslage finden sich aber auch Lichtblicke. Wo zeigt sich Zuversicht?

Wirtschaftswende: Ideen braucht das Land

Sie hatten die Wahl zwischen Amerika und Deutschland. Und sie haben sich für die Rückkehr in die Heimat entschieden, um ein Unternehmen zu gründen. Lisa Oberaigner hat am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge ihre Abschlussarbeit geschrieben, heute digitalisiert sie von München aus die Produktdaten von Baumaterialherstellern. André Petry war für einen Forschungsaufenthalt an der University of California in Berkeley, inzwischen arbeitet er in Deutschland mit Künstlicher Intelligenz daran, dass Industrieunternehmen ihre Materialkosten senken. Warum setzen Jungunternehmen noch dazu mit digitalen Ideen auf Deutschland? Die allgemeine Wirtschaftslage kann es kaum sein. Das Wirtschaftswachstum verharrt seit rund fünf Jahren auf einem geringen Niveau. Selbst die Erwartung von einem realen Wachstum um 1,3 Prozent in diesem Jahr gilt als frohe Botschaft. In der Industrie gehen Arbeitsplätze verloren, Konzerne wie Volkswagen planen den Abbau von Zehntausenden Stellen, Mercedes droht mit der Schließung eines Werkes in Deutschland. Alarmstufe Rot lautet die düstere Sicht auf die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den Vereinigten Staaten von Amerika und China. Da war es ein greller Lichtblick, wie sich das Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace gerade erst selbst feierte. Das Unternehmen aus München hatte eine seiner Spectrum-Trägerraketen erfolgreich in den Orbit geschickt. Erstmals schaffte es eine Rakete in die Erdumlaufbahn, die in Deutschland entwickelt und gebaut wurde. Unternehmensgründer Daniel Metzler spricht von einer technischen Meisterleistung: Europa und Partner können jetzt souverän in den Weltraum starten. 3053 neue Start-ups im ersten Halbjahr Zahlreiche solcher jungen Unternehmen arbeiten in Deutschland an hochkomplexen technischen Herausforderungen. Agile Robots und Neura Robotics arbeiten an humanoiden Robotern. Gropyus will mit Automatisierung und Vorfertigung in der Fabrik günstige Wohnungen bauen. Proxima Fusion, Marvel Fusion und andere forschen an der Zukunft der Energieversorgung. In der Rüstungsindustrie arbeiten Start-ups mit daran, das Land mit oder auch gegen Drohnen zu verteidigen. Die Zahl der Jungunternehmer wächst in Deutschland. Im ersten Halbjahr wurden 3053 Start-ups gegründet, wie der Start-up-Verband gezählt hat: ein Plus um die Hälfte zum Vorjahreszeitraum und schon mehr als im gesamten Jahr 2024. Lisa Oberaigner und ein Mitgründer haben ihr Start-up Emidat vor drei Jahren in München gegründet, heute haben sie 40 Mitarbeiter. „Wir haben uns bewusst für Deutschland entschieden, weil wir die europäischen Werte mögen und Europa voranbringen wollen“, sagt sie. André Petry sieht Deutschland sogar als Standortvorteil. Von München aus kommt er in 20 Minuten zu zahlreichen produzierenden Unternehmen, in San Francisco nicht. Vor sechs Jahren haben er und zwei weitere Mitgründer das Unternehmen Tacto daher in der Stadt gegründet, heute haben sie 120 Mitarbeiter. Sie bieten Produzenten mit KI an, deren Produkte nach den eingesetzten Materialien und Lieferketten zu untersuchen: Liegen etwa die Aluminiumpreise niedriger, als das Unternehmen zahlt, wird zum Nachverhandeln geraten. „Wir streben zu sehr nach Amerika und schauen zu wenig, was wir selbst haben und welche Strategie wir brauchen“, sagt er. „Sicht auf unsere Fähigkeiten ist schlechter, als wir wirklich sind“ An einer wegweisenden Zukunftstechnik arbeitet Michael Förtsch, Gründer und Geschäftsführer von Q.ant, in Stuttgart: Das Unternehmen entwickelt photonische Computerprozessoren, die mit Licht arbeiten und damit weniger Strom verbrauchen und leistungsfähiger sein sollen. Gerade für den Einsatz von Programmen mit Künstlicher Intelligenz (KI) ist das nötig. „Unsere eigene Sicht auf unsere Fähigkeiten ist deutlich schlechter, als wir wirklich sind“, sagt er. Förtsch sieht Innovationen auf vielen Ebenen in Deutschland, aber auch, dass Konzerne in gewerkschaftlichen Debatten festhängen, ob sich die Unternehmen überhaupt restrukturieren dürfen. „Dringende Reformen im Staat und in den Unternehmen stecken fest“, sagt er. Förtsch vermisst eine Aufbruchstimmung. „Vielleicht hat Deutschland auch in der Glückseligkeit der Wiedervereinigung viel verpennt, wie den Aufstieg des Internets mit enormer Wirtschaftskraft.“ Der Wirtschaftsmotor, der Deutschlands Wohlstand aufgebaut hat, setzt sich aus bestimmten Industriebranchen zusammen: Autohersteller, Petrochemie, Pharma. „Die Konzerne hatten große Erfolge, aber auch das klassische Innovator’s Dilemma und haben neue Techniken nicht kommen sehen“, sagt Förtsch. Er nennt als Beispiel den Elektromotor, der dem Verbrenner langsam den Rang ablaufe. Daher müsse man sich umso mehr zukunftsorientierten Wirtschaftsfeldern zuwenden. Der Staat als Ankerkunde Der SPD-Politiker Armand Zorn hat im Sommer Großunternehmen wie Siemens und Airbus, aber auch Start-ups besucht. „Die Ausgangslage ist nicht einfach, aber viele von denen sagen, dass sie Chancen sehen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion. Er will den Reformkurs fortsetzen, Vorschriften mit einer Beweislastumkehr von Behörden verringern und etwa Unternehmern mehr Freiheiten geben. Vor allem soll sich der Fokus auf junge Unternehmen, auf Innovationen und deren Fortkommen richten. Dafür sollte der Staat zum Ankerkunden für junge Unternehmen und Innovationen werden, wo immer das möglich ist, sagt Zorn. „Wir brauchen mehr Mut in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um schneller Entscheidungen zu treffen und den Rückstand zu anderen Ländern aufzuholen.“ Doch wie schnell wird die Politik handeln? Zwar goutieren die Gründer den Anspruch der Bundesregierung, mit einem eigenen Digitalministerium die Verwaltungen zu digitalisieren. Den fehlenden Anpassungswillen spüren sie aber trotzdem oft genug. Häufig ärgert sie die Bürokratie. Pensionskassen sollten stärker mit Risikokapital in junge Unternehmen investieren dürfen und Mitarbeiter von Start-ups leichter Beteiligungen am Unternehmen erhalten können. Starrer Arbeitsmarkt So hält André Petry den Arbeitsmarkt für zu starr, etwa durch Vorgaben für Arbeitszeiten und Pausen. Oder durch lange Kündigungsfristen, die selbst für ein Gehalt von 200.000 Euro im Jahr gelten. „Wenn ich eine neue Fachkraft brauche, kann diese erst in vier oder sechs Monaten anfangen“, sagt er. In Amerika, in der Schweiz oder Dänemark gehe das rasch. „Wenn ich schneller Mitarbeiter gewinnen kann, kann ich auch schneller Innovationen erreichen.“ Für Oberaigner braucht es eine bessere Zusammenarbeit in Europa und eine Angleichung zwischen den Staaten, dazu günstigere Energie und weniger Bürokratie. Sie sorgt sich auch um die Verlässlichkeit der europäischen Klimapolitik. Größere Investitionen rechneten sich erst in zehn oder 15 Jahren. „Wenn Unternehmen nicht mit dem Emissionshandel planen können oder Zusagen nicht trauen, machen sie erst einmal nichts.“ In geringen Investitionen zeigt sich für den Ökonomen Achim Wambach die schwierige Lage. „Die Unternehmen investieren nicht, weil sie erst wissen wollen, was sie in fünf und zehn Jahren erwartet“, sagt der Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Deswegen brauche es längerfristige Reformen, um etwa die Rentenzahlungen einzudämmen. Für Wambach hängt die übermäßige Bürokratie an fehlender Digitalisierung, aber auch an Übererfüllung europäischer Vorgaben. Er hofft auf Reformen, auf Innovationen durch eine stärkere Verteidigungsindustrie und auf weitere Handelsabkommen Europas. „Der Rohstoff unseres Landes ist das, was in den Köpfen der Menschen steckt“ Nils Aldag, Mitgründer von Sunfire, sieht die Basis in Deutschland als stark an: Das Elektrolyse-Unternehmen mit Hauptsitz in Dresden hat seit der Gründung vor rund 15 Jahren eine Milliarde Euro an Kapital, Finanzierungen und Fördermitteln eingeworben. „Wir haben mit einem weißen Blatt Papier in einer kleinen Wohnung in Berlin angefangen, heute beschäftigen wir 750 Menschen aus rund 40 Nationen.“ Er fordert für Bildung mehr finanzielle Mittel und mehr gesellschaftliche Anerkennung. „Der Rohstoff unseres Landes ist das, was in den Köpfen der Menschen steckt“, sagt Aldag. Zugleich plädiert er dafür, dass sich mehr Menschen direkt in Schulen engagieren, insbesondere an sozialen Brennpunkten. Als Beispiel nennt er die Initiative „Life Teach Us“, die Berufstätige und Ehrenamtliche in Schulen vermittelt, damit sie von ihren Erfahrungen und Lebenswegen berichten. So finden sich doch viele Stellschrauben, um die Wirtschaft voranzubringen. Fortschritt setzt allerdings voraus, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft daran auch drehen. „Bei der nächsten großen Welle, wie KI und Photonik, haben wir noch die Chance, vorne mitzuspielen“, sagt Förtsch. Trotz aller Einschränkungen macht das auch Hoffnung für den deutschen Standort. Weniger Bürokratie, mehr Bildung: Das kann ein Anker für die Zukunft sein. Manchmal muss sich die Lage erst verschlechtern, damit es wieder besser werden kann.