Dies ist der erste Teil von „Nackt im Netz". Der zweite Teil wird in einer Woche veröffentlicht. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Revenge Bytes“.
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02.06.2026 16:02 Uhr |

Dies ist der erste Teil von „Nackt im Netz". Der zweite Teil wird in einer Woche veröffentlicht. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Revenge Bytes“.
Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.
JACK: Okay, gleich vorweg eine inhaltliche Warnung. In dieser Folge geht es um sexuell explizite Themen. Wir sprechen über Nacktheit, und es wird auch geflucht – diese Episode ist also für erwachsene Hörer. Ihr seid gewarnt.
Okay, also – sind schon mal Nacktfotos online geleakt worden? Vielleicht ja. Ihr wisst es vielleicht nur nicht, denn da draußen passieren wirklich verrückte Dinge. Lasst es mich erklären. Erstens hat die Polizei Zugriff auf einige ziemlich heftige Werkzeuge – Datenbanken, die das Internet durchsuchen und dann jede Menge Informationen über eine Person speichern. Das soll wohl Ermittlungen unterstützen, damit Beamte schnell und einfach an alle möglichen Daten zu einer Person kommen. Sie sehen euren Familienstand, eure Adresse, euren Job, euer Gehalt, euer Auto, eure Flugdaten, eure Social-Media-Konten und natürlich auch Fotos von euch. Nun ja, einige Polizisten sind dabei erwischt worden, dieses Werkzeug zu missbrauchen. Ein Beamter wurde dabei ertappt, wie er auf Tinder nach Dates suchte – das ist okay. Polizisten dürfen auf Tinder nach Dates suchen. Aber er hat seine Matches in dieser Polizeidatenbank überprüft. Ein anderer Polizist nutzte die Datenbank, um eine Frau zu stalken, in die er verknallt war, und ein dritter, Bryan, ufff – der versuchte, mit dem Werkzeug Nacktfotos von Frauen zu finden.
Er nutzte seinen Zugang, um Informationen über Frauen zu sammeln, und arbeitete dann mit einem Hacker zusammen, um in deren Konten einzudringen und an Nacktfotos zu kommen. Ja, ein Polizist hat seine Macht missbraucht, um Nacktfotos von Frauen zu stehlen, und versuchte dann, sie damit zu erpressen. Dafür ist er ins Gefängnis gewandert. Aber es spielt eigentlich keine Rolle, ob es nun ein Polizist war oder nicht. Allein die Vorstellung, dass ein Hacker in euer Konto einbrechen und private Fotos von eurem Handy stehlen kann, ist ein riesiges Problem. Ich habe unzählige Geschichten gelesen von Männern, die Kameras an Orten platziert haben, wo sie nichts zu suchen haben – in Damentoiletten, in Umkleiden. Und mit immer kleineren, immer schwerer zu entdeckenden Kameras wird das Problem nicht kleiner. Aber tatsächlich installiert ihr selbst auch jede Menge Überwachungskameras in euren Wohnungen. ADT zum Beispiel ist eine Sicherheitsfirma, bei der ihr Kameras in eurem Zuhause platzieren könnt, um eure Sicherheit zu überwachen. Aber ratet mal: Ein ADT-Mitarbeiter wurde dabei erwischt, wie er seinen Zugriff missbrauchte und Frauen sowie Menschen beim Sex in ihren Wohnungen ausspionierte und Screenshots von ihnen machte.
Ach, und vergessen wir nicht LOVEINT. Der Begriff wird verwendet, wenn Geheimdienstmitarbeiter ihre Spionagebefugnisse nutzen, um ihre Liebespartner auszuspionieren. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen NSA-Mitarbeiter ihren Zugriff auf die nationale Überwachungsinfrastruktur genutzt haben, um zu prüfen, ob ein Partner fremdgeht, oder um jemanden, an dem sie Interesse hatten, genauer im Auge zu haben.
Es gibt also jede Menge Fälle da draußen, die zeigen, wie eure Nacktfotos geleakt werden können, ohne dass ihr irgendetwas falsch gemacht habt. Denkt mal darüber nach, wenn ihr das nächste Mal eine Kamera seht – und wahrscheinlich seht ihr jeden Tag unzählige Kameras. Bei all unseren vernetzten und smarten Geräten sind wir nicht die Einzigen, die sie steuern können. Und die Leute, die Zugriff auf eure Kamera haben, können diesen Zugriff missbrauchen – und sie werden es tun. Vielleicht ist die Kamera auch einfach nur unsicher und jemand, der eigentlich keinen Zugriff haben sollte, kommt rein. Kameras sind heute allgegenwärtig in unserem Leben, macht euch bewusst, dass ihr nicht darauf vertrauen solltet, dass sie euer Privatleben privat halten. Denkt mal an all die Orte, an denen ihr nackt vor einer Kamera seid. Heutzutage nimmt doch jeder sein Handy mit auf die Toilette - - - oder?
JACK: Okay, also – lass uns einfach erstmal kurz’n bisschen kennenlernen. Wie heißt du, und wie sah dein Leben aus, bevor das alles angefangen hat?
MADISON: Ich heiße Madison, und meine Güte, das ist – die erste Frage, die du mir stellst, ist schon ziemlich schwer, weil ich mich kaum noch erinnern kann, wie mein Leben vorher war.
JACK: Madison, kein Problem. Ich versuche zu helfen. Madison ist in Florida aufgewachsen und ging nach der Highschool auf ein College in Florida.
MADISON: Ich habe Marketing und Kommunikation studiert.
JACK: Madison hat eine Zwillingsschwester namens Christine.
CHRISTINE: Ja.
MADISON: Ja, also, meine Zwillingsschwester und ich sind damals auf dasselbe College gegangen.
JACK: Christine wollte Anwältin werden, und an der Uni lernte sie einen Typen kennen.
CHRISTINE: Dana war in einer Verbindung, ich war in einer Mädchenverbindung, und wir wurden für die Homecoming-Feier zusammengelost. Er war damals der Präsident seiner Verbindung, und ich war für meine Verbindung als Homecoming Queen nominiert.
JACK: Dana, was hast du an der Uni gemacht?
DANA: Ich bin Verkehrspilot und war damals in meiner Ausbildung. Ich hab Luffahrt studiert und das Fliegen im College gelernt.
JACK: Dana war damals ziemlich aktiv in seiner Studentenverbindung; er traf sich mit den Jungs, schloss Freundschaft mit ihnen und knüpfte zu ein paar von ihnen andauernde Freundschaften. Christine aber war diejenige, die ihm am meisten gefiel. Dana und Christine fingen dann auch an, sich im College zu verabreden. Manchmal kam sie vorbei und verbrachte auch Zeit mit den Jungs aus der Studentenverbindung. Sie lernte einige von ihnen ziemlich gut kennen, und natürlich lernte Dana mit der Zeit auch Christines Zwillingsschwester Madison kennen.
DANA: Ich weiß nicht, ob du jemals Mary-Kate und Ashley Olsen gesehen hast – aber das waren so ihre Idole, als sie aufwuchsen. Die beiden haben ja so ein Art „wir lösen jeden Fall noch vor dem Abendessen“-Mentalität. So sind Christine und Madison auch seit sie fünf Jahre alt sind.
MADISON: Ich war so um die neunzehn oder zwanzig, und ich erinnere mich, dass ich aufgewacht bin, und – eine Bekannte aus der Highschool hatte mir eine Direktnachricht geschickt: Hey, jemand belästigt dich im Internet und postet Fotos von dir. Ich war nur so: Was? Nein. Schick mir Links. Was ist los?
JACK: Sexuell explizite Bilder von Madison waren öffentlich im Internet gepostet worden - für jeden zu sehen.
MADISON: Auf den Fotos war ich bedeckt, aber – ich nenne das Nip-Slips.
JACK: Diese Fotos entstanden im Rahmen eines Fotoshootings, das sie mit einem Fotografen in Florida gemacht hat. Eigentlich sollten sie keine Nacktszenen zeigen. Aber als sie sich während des Shootings bewegte, wurde ihre Brustwarze auf einigen Fotos teilweise sichtbar – doch das waren Fotos die eigentlich nur bei ihrem Fotografen hätten bleiben sollen. Niemand hätte diesen Nippelblitzer sehen dürfen. Wie konnte das passieren?
MADISON: Ich weiß bis heute nicht genau, wo die Leute die herhatten.
JACK: Wo wurde es gepostet?
MADISON: Also, da war 4chan – das ist die große Plattform, die du sicher kennst.
JACK: Mhm.
MADISON: Eine Zeit lang war es auch moe.com und 4archive, das ist eine Archivseite für 4chan. Dann gibt es motherless.com. Es gibt noch einige weitere, aber 4chan und das 4chan-Archiv sind die größten – diese richtig üblen Webseiten, auf denen sich Leute herumtreiben.
JACK: Okay, also wurden ihre Fotos nicht nur dort hochgeladen, sondern derjenige, der sie postete, schrieb auch noch Sachen wie: Helft mir, mehr Nacktfotos von ihr zu finden – und postete ihren Namen und ihre Daten zusammen mit den Fotos.
MADISON: Ja, ich glaube, es war mein vollständiger Name, mein Snapchat, mein Facebook und meine Telefonnummer.
JACK: Könnt ihr euch vorstellen, aufzuwachen und auf verschiedenen Webseiten Beiträge zu finden mit Fotos von euch, wo ihr teilweise nackt zu sehen seid? Beiträge, in denen jemand andere dazu aufruft, euch ins Visier zu nehmen, euch zu verletzen und mehr Nacktfotos von euch zu beschaffen? Klingt schlimm.
MADISON: Ich glaube, meine erste Reaktion war einfach Schock und Hilflosigkeit, weil ich nicht wusste, wer mir das antun wollte. Das war wahrscheinlich das Schlimmste – dass das jemand war, der mich vielleicht kannte oder auch nicht, der mir aber schaden wollte, und ich keine Ahnung hatte, wer es war. Das war sehr beängstigend.
JACK: Auf 4chan ist jeder anonym. Es gibt also kaum Anhaltspunkte, um herauszufinden, wer das sein könnte. Es ist ein anonymer Nutzer. Da aber in dem Beitrag ihre Social-Media-Profile aufgelistet waren, bekam sie jetzt seltsame Nachrichten und SMS.
MADISON: Das war schrecklich, weil mein Handy zu bestimmten Zeiten buchstäblich nonstop explodierte. Natürlich nie an einem Dienstagmittag, sondern um 3 oder 4 Uhr nachts an einem Montag, wenn man am nächsten Tag arbeiten muss. Es war ziemlich übel. Selbst Kleinigkeiten – das klingt vielleicht blöd, aber um mein Handy ausschalten zu können, musste ich mir einen Wecker kaufen. Unsere Handys sind ja unsere Wecker. Mitten in der Nacht musste ich also mein Handy ausschalten und habe dann verschlafen und kam zu spät zur Arbeit, weil ich einfach mal etwas Schlaf brauchte, um am nächsten Tag einen normalen Tag zu haben. Das Handy war also damals das Schlimmste. Am Anfang habe ich noch geantwortet, wenn mich Leute angeschrieben haben – ich habe versucht, herauszufinden, wer es ist. Damals wusste ich noch nicht, dass es mehrere Leute waren. Es hat wirklich lange gedauert, das ganze Ausmaß zu begreifen – was die Leute vorhatten und wie sie es taten. Es hat mich offensichtlich nicht weit gebracht.
JACK: Aber sie speicherte alles – Nachrichten, Telefonnummern und Benutzernamen –, falls irgendwann ein Sinn darin auftauchen würde. Es war nicht nur einmal. Wer auch immer das gepostet hatte, tat es unermüdlich, immer und immer wieder, Woche für Woche, und führte diese Kampagne gegen sie fort. Das gefiel ihr nicht. Sie wollte nicht, dass ihre Nacktfotos online sind. Sie wollte die Belästigung stoppen, dass die Nachrichten auch aufhören. Aber wie schafft man das?
Weil die Situation peinlich ist, fällt es einem wohl auch schwer, irgendjemanden um Hilfe zu bitten. Was willst du machen – deinen Vater bitten, dabei zu helfen, herauszufinden, wer Fotos von deinen halb entblößten Brustwarzen gestohlen hat? Nein, um Gottes willen. Aber sie hatte einen Freund, und den bat sie um Hilfe. Er fing an, der Sache nachzugehen. Weil sie ihrer Zwillingsschwester Christine so nah stand, wandte sie sich irgendwann panisch an Christine.
CHRISTINE: Okay, lass uns mal kurz durchatmen. Das wird sich legen. Du bist jung. Es ist keine große Sache. Aber dann wurde es immer schlimmer und schlimmer und schlimmer. Also haben wir versucht, es bei der Polizei zu melden. Ich war also irgendwie involviert, habe meiner Zwillingsschwester geholfen, mit der Polizei zu kommunizieren, recherchiert. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Jura-Studium oder kurz davor, also – ich war noch keine Profi, aber ich war ein bisschen besser ausgerüstet, um zu recherchieren, Leute zu kontaktieren. So bin ich anfangs reingerutscht – ich wollte einfach meiner Schwester helfen, mit dieser schrecklichen Sache umzugehen.
JACK: Sie mussten sich hinsetzen und erstmal verstehen, wie diese Webseiten überhaupt funktionieren. Und es war für die Schwestern wirklich heftig, sich dafür auf 4chan herumzutreiben, dieser Ort ist einfach grauenhaft.
Die Menge an Gewaltdarstellungen und Pornografie, die sie gesehen haben müssen, hat wahrscheinlich für immer Narben hinterlassen. Es ist ein echt hässlicher Ort. Es ist die Unterwelt des Internets, und sie waren da unterwegs, um die Moderatoren zu finden, fragten sich, warum Beiträge nach einer Weile verschwinden. Wo gehen die hin? Kann man andere Nutzer hier anschreiben? Kann man die Seite bitten, Beiträge zu entfernen? Was ist das für eine merkwürdige Sprache, die die Leute benutzen – Sauce, Winds, Sage? Welche anderen Seiten greifen diese Inhalte ab, hören mit, beobachten, archivieren? Und wie bringt man diese Seiten dazu, Fotos zu entfernen? Hat das alles irgendwelche rechtlichen Konsequenzen? Während Christine das intensiv erforschte, machten Madison und ihr Freund einen Trip in die Florida Keys. Die Florida Keys sind ja für ihre wunderschönen Sonnenuntergänge bekannt, und Madison war am Strand und schaute sich so einen wunderschönen Sonnenuntergang an. Sie zückte ihr Handy und machte ein Foto davon. Sie postete es auf Snapchat und bekam fast augenblicklich eine SMS von einem Fremden auf ihr Handy.
MADISON: Ich bekam eine Nachricht: „Was für ein wunderschöner Sonnenuntergang, den du gerade gesehen hast. Ich hoffe, du hast Spaß in den Keys mit Jeff" – meinem damaligen Freund.
JACK: Was soll das, warum wird sie nicht in Ruhe gelassen und belästigt? Lasst Leute einfach ihren Urlaub genießen, ohne ihnen hinterherzuschleichen. Das hat Madison jedenfalls erschüttert. Sie war völlig durch den Wind. Wer beobachtet ihren Snapchat so genau? Moment mal, das ist eine gute Frage. Wer beobachtet ihren Snapchat?
MADISON: Bei Snapchat sieht man ja, wer die Bilder angesehen hat. Also bin ich sofort auf Snapchat gegangen und habe einen Screenshot von den Leuten gemacht, die das Foto gesehen hatten. Ich dachte: Es muss einer von denen sein – zu dem Zeitpunkt hatten wahrscheinlich 35 Leute es gesehen. Das waren nicht viele Leute, aber eben auch nicht nur eine Person. Also habe ich sofort einen Screenshot gemacht und das mal in der Hinterhand behalten.
JACK: Okay, ein guter Hinweis, denn das schränkt es wirklich ein. Die Belästigung ging nun schon so lange, dass sie ihre Social-Media-Konten auf privat gestellt hatte. Nur Leute, die sie kannte, durften die Fotos sehen, die sie postete. Ihr Belästiger könnte also jemand sein, den sie kannte?
MADISON: Diese 35 Leute waren zu diesem Zeitpunkt meine Verdächtigen, und das war wahrscheinlich vier oder fünf zwei Jahre nach Beginn der Belästigung. Es lief schon eine ganze Weile.
JACK: Zwei Jahre.
MADISON: Ja.
JACK: Zwei Jahre. Oh mein Gott. Wir haben noch nicht mal richtig angefangen, und schon zwei Jahre. Das ist so furchtbar.