Heise 28.05.2026
10:59 Uhr

Gewerkschaftsgründung bei Wikimedia: Community-Protest nach Entlassungen


Beschäftigte der Wikimedia-Stiftung gründen derzeit eine Gewerkschaft. Nach Entlassungen bieten nun ehrenamtliche Autoren an, sich an Streiks zu beteiligen.

Gewerkschaftsgründung bei Wikimedia: Community-Protest nach Entlassungen

Die Wikimedia-Stiftung (WMF) hat angekündigt, ein internes Technik-Team aufzulösen, das bislang für die Umsetzung von Funktionswünschen der freiwilligen Wikipedia-Autoren zuständig war. Wie aus einer Mitteilung vom 20. Mai hervorgeht, sollen künftig mehrere Abteilungen diese Aufgaben übernehmen, wofür die Stiftung fünf Software-Entwickler und einen Manager entlässt. Ein zentralisiertes Team habe demnach zu Engpässen geführt. Die Community reagiert auf die Entlassungen vor allem mit Kritik, insbesondere deshalb, da bei Wikimedia derzeit eine Gewerkschaft gegründet wird, an der die meisten der betroffenen Angestellten beteiligt sein sollen.

Als Reaktion auf die Entlassungen haben rund 760 freiwillige Wikipedia-Autoren, darunter etwa 50 Administratoren, eine Petition unterzeichnet. Darin bieten sie der neuen Gewerkschaft an, sich bei Bedarf an Streikmaßnahmen zu beteiligen. Die Diskussionen gehen dabei so weit, zentrale technische Infrastruktur ruhen zu lassen, etwa Spendenbanner der Stiftung technisch zu blockieren oder die Datenbanken für Schreibzugriffe zu sperren. Die Petition entwickelte sich innerhalb einer Woche zur zweitmeistunterzeichneten auf der Plattform.

Die Stiftung hat auf die Reaktionen aus der Community inzwischen mit mehreren öffentlichen Mitteilungen geantwortet. Darin entschuldigt sich die WMF-Führung für Kommunikationsfehler und verspricht, gemeinsam mit den Autoren einen neuen Prozess für die Bearbeitung technischer Wünsche zu erarbeiten. Die WMF bestreitet in den Stellungnahmen zudem den Vorwurf der Gewerkschaftsunterdrückung und erklärt, dass die betroffenen Entwickler sich auf andere offene Positionen innerhalb der Stiftung bewerben können. Kritiker merken jedoch an, dass auf der Karriereseite der Stiftung aktuell weniger Entwickler-Stellen ausgeschrieben sind, als Personen entlassen wurden.

Bereits eine Woche zuvor hatte das WMF-Management die langjährige Chefentwicklerin Brooke Vibber entlassen. Sie hatte seit 2003 die MediaWiki-Software verantwortet, die die technische Basis der Stiftungsprojekte bildet. Auch sie engagierte sich laut einem Bericht des ehemaligen WMF-Mitarbeiters Jake Orlowitz im Vorfeld aktiv für die Gründung der Gewerkschaft. Orlowitz wirft der WMF vor, sich zunehmend an den Praktiken kommerzieller Tech-Konzerne zu orientieren.

Das mit der WMF verbundene hiesige Chapter Wikimedia Deutschland (WMDE) erklärt auf Anfrage, in die Prozesse in den USA nicht eingebunden zu sein. Die Rolle der neuen Gewerkschaft könne zudem noch nicht beurteilt werden.

Der Betriebsrat des Vereins begrüßt die gewerkschaftliche Organisation aber ausdrücklich: „Unsere Kolleg*innen bei der WMF genießen unsere volle Solidarität und Unterstützung. Wir beobachten die Entwicklung und hoffen auf eine schnellstmögliche Lösung des Konflikts“, erklärt Lucas Werkmeister, Betriebsratsvorsitzender, gegenüber heise online.

Die neue Arbeitnehmervertretung „Wiki Workers United“ (WWU) begann sich Anfang 2026 zu formieren. Die Gewerkschaft fordert unter anderem konsistente Praktiken bei Einstellungen und Entlassungen sowie die Einbeziehung der Mitarbeiter in die Jahresplanung. Auf der Plattform Meta-Wiki sammeln die Organisatoren weiterhin formelle Unterstützungsunterschriften aus der weltweiten Freiwilligen-Community.

Die gemeinnützige Wikimedia-Stiftung betreibt weltweit verschiedene Projekte für freies Wissen, darunter Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata. Sie verfügt über Rücklagen in Höhe von fast 300 Millionen US-Dollar und erschließt zunehmend neue, lukrative Geldquellen. So bietet die Stiftung mit Wikimedia Enterprise bereits seit 2021 einen kostenpflichtigen Zugang für Geschäftskunden an. Durch die Lizenzierung der Inhalte an KI-Unternehmen für das Training von Algorithmen erzielt die WMF mittlerweile Millionenumsätze.

Stellungnahme von Wikimedia Deutschland ergänzt und Petitionsangaben aktualisiert.

(egia)