Heise 19.05.2026
19:45 Uhr

Google: Von der Such- zur Machmaschine


Die Suchmaschine wird zur KI-Plattform: Agenten, Mini-Apps, automatische Recherchen und Buchungen – und noch weniger Gründe, andere Websites zu besuchen.

Google: Von der Such- zur Machmaschine

Im Rahmen seiner Entwicklerkonferenz I/O hat Google eine umfassende Neuausrichtung seiner Suchmaschine angekündigt. Im Mittelpunkt steht eine runderneuerte Suchbox, die Google als größtes Upgrade seit 25 Jahren bezeichnet: Sie erweitert sich dynamisch, schlägt KI-gestützte Umformulierungen vor und nimmt neben Texten auch Bilder, Videos und Chrome-Tabs als Eingabe entgegen. Als Standardmodell in AI Mode löst Gemini 3.5 Flash den bisherigen Vorgänger ab.

Neu sind außerdem sogenannte Search Agents: Im Hintergrund laufende Informationsagenten sollen rund um die Uhr Web, News, Social Media und Echtzeit-Daten zu Finanzen und Sport beobachten und Nutzer proaktiv benachrichtigen – etwa wenn eine Wohnungsanzeige den eigenen Kriterien entspricht. Das Feature startet „im Sommer“ zunächst für zahlende Google-AI-Pro- und -Ultra-Abonnenten.

Ausgeweitete agentische Buchungsfunktionen ergänzen das Paket. Die neue Suche soll ab dem Sommer Buchungen abwickeln und in bestimmten Kategorien wie Handwerk oder Beauty sogar selbst Anrufe bei Unternehmen tätigen können, vorerst allerdings nur in den USA. Dabei kommt ein „Universal Cart“ zum Einsatz – ein händlerübergreifender KI-Warenkorb für Suche, Gemini, YouTube und Gmail.

Darüber hinaus bringt Google seine Antigravity-Technik in die Suche: In Kombination mit den Coding-Fähigkeiten von Gemini 3.5 Flash soll Search on-the-fly individuelle Oberflächen generieren – von interaktiven Visualisierungen über Tabellen bis hin zu Mini-Apps für Aufgaben aller Art, etwa Hochzeitsplanung oder Umzugsorganisation. Diese Funktion soll „in den nächsten Monaten“zunächst nur für Pro- und Ultra-Nutzer in den USA verfügbar sein.

Personal Intelligence, Googles Funktion zur Anbindung persönlicher Apps wie Gmail und Google Photos, weitet Google auf knapp 200 Länder und 98 Sprachen aus, ohne Abonnementpflicht.

Ein Jahr nach dem Start von AI Mode meldet Google eine Milliarde monatlicher Nutzer; die Zahl der Anfragen habe sich seit dem Launch quartalsweise verdoppelt.

Für alternative Suchmaschinen wie Kagi, Brave Search oder Mojeek dürften die Neuerungen den Druck weiter erhöhen. Google demonstriert, dass es seinen Datenvorteil – Milliarden von Suchanfragen täglich, dazu Gmail, Calendar und Google Photos – direkt in personalisierte KI-Erlebnisse ummünzen kann, die unabhängige Anbieter strukturell kaum replizieren können. Wer keine eigene Nutzerbasis in dieser Größenordnung hat, kann Personal Intelligence nicht in vergleichbarer Tiefe anbieten.

Publisher und Medienhäuser stehen vor einem verschärften Dilemma. Wenn Search künftig nicht nur Ergebnisse zusammenfasst, sondern über Informationsagenten dauerhaft im Hintergrund mitliest, Inhalte auswertet und Nutzer direkt benachrichtigt, sinkt der Anreiz, überhaupt noch auf eine Website zu klicken. Das Modell, das Journalismus und viele andere Inhaltsanbieter trägt – Werbeeinnahmen durch Seitenaufrufe – wird weiter ausgehöhlt.

Im E-Commerce könnte die Kombination aus agentischer Buchung und Search-Agenten die Plattformabhängigkeit neu definieren. Wer bislang auf Amazon oder booking.com als Mittler angewiesen war, bekommt mit Google nun einen weiteren mächtigen Gatekeeper. Und der vergleicht nicht nur die Preise, sondern wickelt den Kaufabschluss gleich selbst ab. Für kleinere Händler und Dienstleister bedeutet das: Ihre Sichtbarkeit wird noch stärker davon abhängen, ob und wie gut ihre Daten in Googles Ökosystem eingebunden sind.

(jo)