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21.05.2026
14:52 Uhr
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Google betreibt zukünftig keine Suche mehr, sondern ein Full-Service-Portal. Das restliche Web? Nur noch Lieferant für Rohdaten, kommentiert Jo Bager.

Das KI-Momentum. Ask YouTube. Sprachgesteuerte Live-Dokumente. Das „Weltmodell“ Gemini Omni. Ein überarbeitetes KI-Wasserzeichen SynthID. Noch ein neues KI-Modell: Gemini 3.5 Flash. Version 2.0 der Entwicklungsumgebung Antigravity. Der KI-Agent Gemini Spark.
Es ist schon ein wenig auffällig, wie viele, auch nebensächliche, Themen Google-Chef Sundar Pichai bei seiner Keynote der Entwicklerkonferenz I/O behandelte beziehungsweise behandeln ließ, bevor die Suche an der Reihe war. Erst nach einer knappen Dreiviertelstunde kam Liz Reid auf die Bühne, die Leiterin der Google-Suche, um die Neuerungen bei Googles Kernprodukt vorzustellen.
Fast konnte man den Eindruck gewinnen, Google wollte das Publikum der Keynote einlullen, damit es nicht gleich verstand, welche Bombe Google zünden würde. Denn als eine Art Bombe kann man die Neuerungen der Suche verstehen, oder wie tante es treffend formuliert: „Google hat den Überresten des Webs den Krieg erklärt“.
Google Search soll zu einer vollständigen KI-Plattform werden. Eine runderneuerte, multimodale Eingabemaske für Informationsagenten, die rund um die Uhr das Web beobachten und Nutzer proaktiv benachrichtigen. Dazu automatische Buchungen und Anrufe im Auftrag des Nutzers, on-the-fly generierte Benutzeroberflächen und Mini-Apps für wiederkehrende Aufgaben – und obendrauf die tiefe Einbindung persönlicher Google-Dienste wie Gmail, Photos und Calendar. Google Search hört auf, ein Wegweiser zu sein. Es wird zum Ziel.
Für das restliche Web wird Google zu einem noch mächtigerem Gatekeeper – einem, der nicht nur Preise vergleicht, sondern den Kauf ebenso selbst abwickelt. Händler und Dienstleister können froh sein, wenn sie in Googles Ökosystem eingebunden sind, in seinem händlerübergreifenden „Universal Cart“. Alles in allem wirkt die neue Suche wie eine neue Bedienoberfläche für das restliche Web. Eine Oberfläche, die Google kontrolliert.
Google hat sich beim Thema KI viel Zeit gelassen, die Konkurrenz zu überholen – aber es hatte ja auch die Zeit und die Ressourcen dafür. OpenAI mag als erstes Unternehmen mit der Veröffentlichung eines Chatbots vorgeprescht sein. Dennoch darf man nicht vergessen: Die technischen Grundlagen kommen von Google. Das „T“ am Ende von ChatGPT steht für die Transformer-Architektur – die bei Google erfunden worden ist.
Google entwickelt seine eigenen KI-Chips, aktuell bereits in der achten Generation, ist also weniger auf Zulieferer wie Nvidia angewiesen. Es betreibt bereits massenhaft eigene Rechenzentren. Vor allem aber hat es unter den großen KI-Anbietern einen wesentlich direkteren Kontakt zu Nutzern: Google betreibt alleine neun Dienste mit mindestens einer Milliarde Anwendern, vorneweg die Suche und Chrome. (Wer sich für einen ausführlichen Überblick über die KI-Branche mit einem Schwerpunkt auf die Finanzen interessiert, dem sei der Vortrag von Philipp Klöckner bei der OMR ans Herz gelegt).
Kurzum: Google hat sich in aller Ruhe angesehen, wie sich der Markt der Chatbots entwickelt. Jetzt nutzt es seine Ressourcen, um den Markt von hinten aufzurollen – ganz so, wie es Microsoft früher zum Beispiel mit seinem Browser gemacht hat.
Es ist ja nicht so, dass es keine Versuche gibt, die marktbeherrschende Stellung von Google zu brechen. In den USA hat ein Bundesgericht Google im vergangenen Jahr wegen illegaler Monopolstellung im Suchmarkt verurteilt – Google soll daher Suchdaten mit Konkurrenten teilen.
In Europa steht ein ähnliches Verfahren im Rahmen des Digital Markets Act kurz vor dem Abschluss. Bis Juli muss die EU-Kommission eine bindende Entscheidung fällen, welche Such-Daten Google mit Konkurrenten teilen muss. Doch die Mühlen der Gerichte und Gesetzgeber mahlen sehr langsam. Google läuft der Regulierung davon und macht die Suche schlicht zu etwas anderem.
Und die Nutzer? Sicherlich werden jetzt einige von Googles Bevormundungen endgültig zu viel haben und dem Branchenriesen oder gleich allen großen Tech-Unternehmen davonlaufen. Es steht aber zu erwarten, dass ein Großteil freudig die bequemen Angebote nutzen wird, die Google ihnen unterbreitet. Das offene Web ist dann nur noch eine Randerscheinung für Nerds.
Früher stand „googeln“ für „im Web recherchieren“. Zukünftig wird man es wohl umdefinieren müssen in „irgendetwas online machen“.
(jo)