Heise 30.08.2026
08:02 Uhr

IFA: Zwischen Mythos und Verkaufsschau


Die IFA ist ein Schaufenster in die Zukunft. Der Blick in die Vergangenheit zeigt aber auch: Nicht alles, was hier gezeigt wird, hat Bestand.

IFA: Zwischen Mythos und Verkaufsschau

Seit über einem Jahrhundert stellt die IFA (stand früher für „Internationale Funkausstellung“, steht seit 2022 für „Innovation Für Alle“) Produktneuheiten und technische Innovationen vor. Hersteller feiern im Rahmen der Messe immer noch Premieren, wenngleich ihr nachgesagt wird, dass die Zeiten vorbei seien, in denen neue Technologien erstmalig auf der IFA gezeigt werden.

Das lässt sich rückblickend leicht sagen. Schließlich ist die lange Geschichte der IFA mit Highlights gespickt, die erstmalig auf der Messe gezeigt wurden. Daneben gab es aber auch vieles zu sehen, das nur von kurzer Lebensdauer war. Oder wissen Sie, was unter Kunstkopf-Stereophonie zu verstehen ist?

Der Startschuss fiel am 4. Dezember 1924. Eigentlich sollte die „Große Deutsche Funk-Ausstellung“ ihre Pforten bereits im September öffnen, aber die Veranstalter wollten die Messe in einem Holzbau präsentieren, um Störungen bei den Radioübertragungen zu vermeiden. Die Fertigstellung des „Hauses der Funkindustrie“ zog sich allerdings hin, sodass die Funkausstellung erst im Dezember stattfand.

Schon damals war die Ausstellung auf dem Berliner Messegelände beheimatet. Auf etwa 7.000 Quadratmetern stellten 242 Unternehmen ihre Produkte vor. Das Interesse war groß. Bis zum 14. Dezember 1924 bewunderten zwischen 170.000 und 180.000 Besucher unter anderem neben den bereits bekannten Detektorradios mit Kopfhörern die neuen Modelle mit Elektronenröhren.

Bei der „3. Großen Deutschen Funk-Ausstellung“ wurde der Funkturm eingeweiht, den die Berliner wegen seiner Länge von 138 Metern „Langer Lulatsch“ nennen und der seitdem eines der Wahrzeichen der Stadt ist. Radios wurden für die Bevölkerung immer erschwinglicher und auch in der Bedienung einfacher.

Vor allem die Einführung von Lautsprechern, die die bis dato notwendigen Kopfhörer ablösten, sorgten für steigendes Interesse. So stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer stetig an, wohingegen die der Aussteller und Besucher in den Anfangsjahren schwankte. Im Jahr 1930 präsentierten sich 360 Aussteller, vier Jahre später über 100 weniger. Mal zählte die Ausstellung über 360.000 Besucher, mal nur 175.000.

Dabei gab es große Errungenschaften zu sehen. 1931 stellte Manfred von Ardenne erstmals einen vollelektronischen Fernseher mit Kathodenstrahlröhre vor. Ein Jahr später sahen die Besucher das erste europäische Autoradio. Allerdings wog der Koloss stolze 15 Kilogramm. Das Hauptgerät musste wegen seiner Größe im Kofferraum verstaut werden. Dazu lag der Preis dieser Innovation bei rund einem Drittel dessen, was damals der dazugehörige Kleinwagen kostete.

Dass die Funkausstellung nicht frei von politischer Einflussnahme war, wurde 1933 deutlich. Vor der 10. Auflage übernahm das Reichspropagandaministerium der Nationalsozialisten die Entscheidungsgewalt über den Rundfunk. Die Produktion billiger Kleinradios startete, um die Nazi-Propaganda in jedes Wohnzimmer zu bringen. Auf der Funkausstellung wurde 1933 der Volksempfänger VE 301 gezeigt. Die Zahl spielt auf den Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten an: Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Der VE 301 kostete 76 Reichsmark. Im Vergleich zu den üblichen Preisen, die zwischen 200 und 400 Reichsmark lagen, würde man den Volksempfänger heute als „Schnapp des Tages“ bezeichnen. So sollen in den ersten zwei Tagen der Funkausstellung auch 100.000 Geräte über den Ladentisch, besser Ausstellertisch, gegangen sein. Wurden 1926 noch 1,4 Millionen Rundfunkteilnehmer gezählt, waren es 1934 bereits fünf und 1937 8,2 Millionen – kein Land in Europa hatte damals mehr Radiohörer als Deutschland.

Die Funkausstellung blieb aber auch ein Ort für technische Innovationen. Radio und Fernsehen wurden in Klang, Ton und Bedienung immer besser, die Geräte erschwinglicher. Es wurden erstmals ein Tonbandgerät oder Schallplattenlaufwerke mit elektrischem Tonabnehmer gezeigt, die man ans Radio anschließen konnte. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 schloss die Funkausstellung ihre Pforten bis 1950.

Wegen der politischen Lage in Berlin entschied man sich nach dem Krieg, die Funkausstellung in Düsseldorf wieder aufleben zu lassen. Sie markiert 1950 den Beginn der UKW-Ära. Sogenannte Tonmöbel, Tische oder Schränke mit integriertem Radio bzw. Fernseher, kamen immer mehr in Mode. Zudem wurden Geräte wie das „Tefifon“ vorgestellt, dass anstelle einer Schallplatte eine Schallbandkassette besaß. Das ebenfalls auf der Funkausstellung präsentierte „Optaphon“ gilt als erstes Kassettentonbandgerät der Welt.

1953 und 1955 fand die Funkausstellung ebenfalls in Düsseldorf statt, bevor sie 1957 und 1959 nach Frankfurt am Main wechselte. Ab 1961 kehrte sie nach Berlin zurück. Ein schlechtes Timing, denn im August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die Funkausstellung blieb aber in Berlin. Der große Andrang gab den Veranstaltern recht: Allein in den ersten beiden Tagen kamen 100.000 Besucher aufs Messegelände.

Zwei Jahre später feierte die ARD in einer Jubiläumsausstellung 40 Jahre Rundfunk. Im Rahmen der Funkausstellung wurden zusammen mit dem ZDF über 100 Fernsehveranstaltungen übertragen. Außerdem wurde 1963 ein Produkt vorgestellt, dass die Musikbranche später mit Argwohn betrachtete: die Kompaktkassette. Sie ist quasi der Startschuss für die Privatkopie.

Nach einem erneuten Abstecher 1965 nach Stuttgart kam 1967 in Berlin der große Moment fürs Farbfernsehen. Als der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf den roten Knopf drückte, wurde das Fernsehbild allerdings schon einen Moment vorher in Farben getaucht. Der nervöse Finger eines Mitarbeiters hinter der Bühne hatte dafür gesorgt, dass die Technik schneller war als die Politik.

IFA

Nach einer lebhaften Debatte wurde die „Große Deutsche Funkausstellung“ 1971 zur „Internationalen Funkausstellung“ mit Berlin als festem Veranstaltungsort. Hintergrund war die Öffnung für internationale Aussteller – oft gefordert und nun umgesetzt. Während die Musikwiedergabe durch die Einführung des Kofferradios mobil wurde, und Radiogeräte in immer mehr Küchen standen, hatte Fernsehen mit Mobilität noch wenig am Hut. Auf der IFA 1971 schien die Fernsehkomfort-Liege „Futura 2001“ sagen zu wollen: Von wegen mobil – Aufstehen war gestern. Der TV-Zuschauer fläzte sich auf der Couch-ähnlichen Liege unter einer Lampe, genoss die leichte Brise eines integrierten Ventilators und bediente in diesem einteiligen Möbelstück den am Fußende eingebauten Fernseher mit Drucktasten an seiner Seite. Es fehlten eigentlich nur Kühlschrank und Toilette. Ob die „Futura 2001“ von Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ inspiriert wurde, ist nicht überliefert.