Heise 10.09.2026
15:01 Uhr

Kommentar: Wenn Transparenz mit einem Rätsel beginnt


Digitale Brieftasche wäre verständlich. d-you ist es nicht. Warum der Name mehr als Kosmetik ist, kommentiert Moritz Förster.

Kommentar: Wenn Transparenz mit einem Rätsel beginnt

In weniger als vier Monaten sollen die Deutschen ihren Ausweis, Führerschein und vielleicht irgendwann auch ihr Schulzeugnis und den Kaninchenzuchtstammbaum auf dem Smartphone vorzeigen können. Eine Brieftasche als App halt. Ein echter, guter Fortschritt – den die EU ja auch erzwingt. Angesichts des offensichtlichen Security-Schabernacks ist das aber auch ein Projekt, das dringend Vertrauen bei den Bürgern aufbauen muss. Der neue Name, den Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) dafür bei einer Veranstaltung in Berlin verkündet hat, lautet: d-you.

Stop mal – d-you. Was ist denn das? Eine Dating-App? Ein Jugendportal? Ein Motivationspodcast? Wer nicht ohnehin schon von der EUDI-Wallet gehört hat, wird daraus niemals schlau und installiert die App schon einmal gar nicht. So wird ein dämlicher Name zu einem unnötigen Problem.

Natürlich entscheidet kein Name allein darüber, ob eine Technologie bei IT-affinen Nutzern angenommen wird oder nicht. Sicherheit, Datenschutz, einfache Einrichtung und echte Anwendungsfälle zählen da mehr. Aber der Name ist der erste Berührungspunkt für den Otto-Normal-Bürger. Der kommt dann noch nicht einmal zum Download, liest den verklausulierten Datenschutzhinweis oder erkundet die tollen Funktionen in der App. Ein guter Name beantwortet schon davor und in Millisekunden die Frage: Worum geht es hier, und ist das etwas für mich?

Die Technikakzeptanzforschung weiß das seit Jahrzehnten. Fred Davis zeigte bereits 1989 in seinem Technology Acceptance Model, dass Menschen neue Technologien vor allem dann nutzen, wenn sie deren Nutzen verstehen und sie als leicht handhabbar wahrnehmen. Spätere Forschung ergänzte soziale Einflüsse und Rahmenbedingungen. Was all diese Modelle gemeinsam haben: Der erste kognitive Eindruck zählt. Und im Gegensatz dazu erzeugt ein Name, der keine Orientierung gibt, Reibung – und zwar noch bevor jemand die Funktionen der App überhaupt wahrgenommen hat.

Die berechtigte Kritik an d-you ist keine Kulturkritik an Anglizismen. Kunstnamen können funktionieren. Apple erklärt keine Computer, O2 erklärt keinen Mobilfunk. Aber private Marken kaufen sich über Jahre Bedeutung ein: durch Werbung, durch Nutzung, durch Wiederholung. Eine staatliche Identitätsinfrastruktur startet unter anderen Bedingungen. Sie und das Technikkonzept sind für die Bürger neu. Sie berührt sensible Daten. Und sie muss von möglichst vielen Menschen verstanden und genutzt werden, damit sie sich durchsetzt. Dafür genügen nicht nur wenige Early Adopter, die sich ohnehin für digitale Verwaltung interessieren.

d-you ist dabei nicht einmal ein besonders starker Kunstname. Das „d“ könnte für Deutschland stehen, muss es aber nicht. „you“ verspricht Individualität, sagt aber nichts über die Funktion. Der Bindestrich macht die Schreibweise erklärungsbedürftig. Und die Aussprache? „Di-ju“? „Dü“? In Behördenbriefen, Suchmaschinen und mündlicher Weitergabe werden schon bald Varianten kursieren. Vor allem aber: Kein Wort im Namen verrät, dass es hier um Ausweis, Nachweise oder digitale Identität geht. d-you ist also nicht zu Englisch, sondern zu leer.

Mein Gegenvorschlag: schlicht „Digitale Brieftasche“ und gut ist. Das ist technisch gesehen natürlich keine perfekte Bezeichnung. Eine Brieftasche liegt in der Tasche, ist offline, gehört einem allein. Und eine staatliche Wallet ist Software, Sicherheitsarchitektur und Schnittstelle zu Behörden und Unternehmen zugleich. Die EU-Kommission beschreibt die EUDI-Wallet als Ort für digitale Identitätsdaten und attestierte Nachweise. Die Metapher hängt sich also in vielen Details auf.

Aber sie stimmt im Wesentlichen: Eine Brieftasche verwahrt persönliche Dokumente, gibt sie auf Nachfrage vor und bleibt unter der Kontrolle ihres Besitzers. Das ist genau das, was die Wallet verspricht. Die Metapher ist eben ein brauchbarer Einstieg. Und genau deshalb hätte man sie nicht durch einen Fantasienamen ersetzen müssen.

Wildberger betonte bei der Vorstellung, wie wichtig ihm Kontrolle und Transparenz für die Bürgerinnen und Bürger seien. Das ist das offensichtlich richtige Versprechen. Aber wer Datensouveränität verspricht, sollte nicht mit sprachlicher Intransparenz beginnen.

(fo)