Heise 19.08.2026
08:29 Uhr

„Mortal Shell 2“ angespielt: Ostereier-Suche im Soulslike-Format


„Mortal Shell 2“ fordert das Genre der Soulslikes mit einer neuen Formel heraus. Das neue Spiel sucht keine taktischen Schachspieler, sondern gierige Bestien.

„Mortal Shell 2“ angespielt: Ostereier-Suche im Soulslike-Format

„Mortal Shell 2“ ist ein sogenanntes Soulslike und das bedeutet: Es ist düster, es ist brutal und es ist unglaublich schwierig. Doch das berüchtigte Hardcore-Genre verspricht nicht automatisch Erfolg – wer diesen Titel wählt, muss ihm auch gerecht werden. Seit „Dark Souls“ das Genre begründete, gab es viele Spiele, die seinen Stil kopieren wollten, aber nicht allen gelang dies. Die Spielerschaft hat dank des Originals hohe Ansprüche, der Markt an Nacheiferern ist mittlerweile überschwemmt, womit das Hervorstechen immer schwieriger wird. Der Olymp ist sozusagen voll. Wer hier noch Zutritt erhalten will, muss die Türen nicht auftreten, sondern sprengen.

Der Vorgänger „Mortal Shell“ aus dem Jahr 2020 zählt zu den besseren Kandidaten, allerdings war seine Formel noch nicht besonders ausgereift. Ein Spiel mit Ecken und Kanten für zwischendurch, aber mehr auch nicht. Nun kehrt das Studio Cold Symmetry mit einem zweiten Teil zurück. „Mortal Shell 2“ geht einen interessanten Mittelweg: Auf der einen Seite ist es zugänglicher, auf der anderen ist es herausfordernder und dazwischen interpretiert es die Standards neu. Allerdings: Soulslikes sind für ihre kryptischen Geschichten bekannt. Dass aber „Mortal Shell 2“ mich Ostereier suchen lässt, ist ein Schlag, von dem ich mich nur schwer erhole.

Playstack

„Mortal Shell 2“ hat eine der merkwürdigsten Hintergrundgeschichten überhaupt. Zum Glück muss ich mich damit nicht lange beschäftigen: Die göttliche Urmutter schickt ihren würdigsten Diener auf die Suche nach mysteriösen Eiern. Der Grund mag albern sein, die Mission selbst ist es nicht, da sie mich erstens an meine Grenzen treibt und mir zweitens die Möglichkeit bietet, den Fahrplan individuell zu gestalten. Ich entscheide, welche Gebiete ich wann besuche. Ich entscheide, welche Gegner ich wann herausfordere. Diese Erkundung geschieht organisch: Entweder weckt ein Ort in der Ferne meine Neugierde oder ich erfahre über ein Gespräch von einem interessanten Flecken. Dieses Prinzip erinnert an die offene Welt aus „Elden Ring“ und wurde gut kopiert. Mit Kompromissen: Die Welt sieht toll aus, bleibt aber überschaubar. Es ist kein Platz für Leerlauf.

Während Entwickler Cold Symmetry den Genre-Begründer auf vielen Ebenen spiegelt, bringt „Mortal Shell 2“ auch genügend Eigenes mit. Im Gegensatz zum ersten Teil kann „Mortal Shell 2“ nun viel besser seine eigene visuelle Identität hervorbringen – über die gruseligen Schauplätze, die ekligen Monster und melancholischen Charaktere. Das ist keine düstere 0815-Fantasy mehr. Es ist eine aus Stahl und Fleisch bestehende Friedhofswelt rund um einen Krater, mit tragischen Wesen, die dazu bereit sind, ihre Seelen in den Schlund zu stürzen.

Die titelgebenden Shells erhalten auch mehr Raum: So kann ich die Überreste acht legendärer Krieger aufsuchen und beim Wiedererwecken in ihre Rollen schlüpfen. Damit erhalte ich nicht nur Zugang zu ihren Schicksalen, sondern auch zu ihren Kräften, beispielsweise Unsichtbarkeit und Hulk-Kräften. Damit kommt ein großes Paket an spielerischen Möglichkeiten zusammen, die eigenen Fähigkeiten noch nicht hineingerechnet.

Diese Philosophie zeigt sich vor allem beim Kampfsystem: Es verzichtet auf eine Ausdauerleiste, was sehr ungewöhnlich für ein Soulslike ist. Ich kann so oft angreifen und ausweichen, wie ich möchte. Das erleichtert das Ressourcenmanagement, macht die Kämpfe aber nicht einfacher. Ich habe zwar unzählige Möglichkeiten, Waffen, Manöver, Spezialangriffe, aber mit simplem Draufhauen lassen sich die Gegner nicht besiegen. Zumal die auch brutal zurückschlagen können. Nur wenn ich gelernt habe, meinen Schaden zu vervielfachen, meine Kombos effektiv aneinanderzureihen, Schläge zu parieren und eingesteckten Schaden auszugleichen, fliege ich durch die Kämpfe wie ein umherwirbelndes Messer. „Mortal Shell 2“ belohnt einen aggressiven Spielstil und bestraft diejenigen, die zu lange warten oder defensiv spielen.

Mit epischen Luftattacken und coolen Finishern sieht das Ganze dazu noch sehr cool aus. Es fühlt sich auch genauso cool an, selbst wenn es komplett auf den langwierigen Auswendig-Lern-Fleiß der Souls-Spiele verzichtet. Damit ist „Mortal Shell 2“ ein gelungener Einstieg in das Genre, zumal es von Anfang an auch die Möglichkeit bietet, das Spiel noch einfacher zu stellen oder sogar noch schwerer. Doch wer auf Einfach spielt, erhält keine Trophäen und Achievements. Ein fairer Deal. Ein weiterer Umstand macht das Spiel unfreiwillig noch einfacher: Da „Mortal Shell 2“ über eine begrenzte Anzahl von Gegnern verfügt, kommt es gegen Ende kaum noch zu Überraschungen, da ich mittlerweile alle Attacken-Sets der Feinde kenne. Was mir natürlich bei den Bossgegnern nichts mehr bringt.

Das erste „Mortal Shell“ wirkte noch sehr Indie und sah auch genauso aus. Aber das Potenzial war dennoch spürbar, „Mortal Shell 2“ hat es nun befreit. Die Systeme sind geschmeidiger, die Optik und die Effekte runden das Ganze ab. Selbst Kämpfe, die ich verliere, sehen toll aus. Die Atmosphäre lässt mich an keiner Stelle entkommen. Stellenweise bekomme ich das Gefühl, hier das geheime „Dark Souls 4“ zu spielen. Doch das i-Tüpfelchen fehlt. Mancher Bosskampf ist zu einfach, ein anderer zu schwer. Die Speicherpunkte sind nicht immer fair gesetzt, was dazu führt, dass ich an manchen Stellen unnötige Laufwege vor mir habe und in nervigen Schleifen zwischen Sterben und Wiedergeboren feststecke.

Doch das sind Punkte, die noch Patches richten können und sollen. Das erste Spiel mag eine Kopie gewesen sein, das zweite findet seinen eigenen Weg und präsentiert eine neue Formel, die schwer zu vereinenden Hardcore-Gamer und Neulinge tatsächlich unter einen Hut bringen könnte. Das ist „Dark Souls“ bisher noch nicht gelungen.

„Mortal Shell 2“ erschien am 17. August für PC, PS5 und Xbox Series für Vorbesteller und am 20. August für alle Käufer der Standard-Edition. Es kostet je nach Version 50 bis 60 Euro.

(dahe)