Heise 01.09.2026
14:45 Uhr

Poco F9 Ultra: Aus der Preis-Leistungs-Marke wird ein Premiumanbieter


Poco bringt mit F9 Ultra und F9 Pro zwei aufwendige Gaming-Flaggschiffe. Doch bei bis zu 1400 Euro UVP stellt sich die Frage, wie sie sich von Xiaomi abgrenzen.

Poco F9 Ultra: Aus der Preis-Leistungs-Marke wird ein Premiumanbieter

Poco war lange die Marke für die, die vor allem eines wollten: möglichst viel Rechenleistung für vergleichsweise wenig Geld. Kameras, Materialien oder Zusatzfunktionen durften dabei etwas einfacher ausfallen – entscheidend war, dass ein Poco beim Spielen und bei anspruchsvollen Apps mit deutlich teureren Smartphones mithalten konnte.

Mit dem Poco F9 Ultra und F9 Pro verabschiedet sich die Xiaomi-Tochter zumindest bei den offiziellen Preisen weiter von diesem Prinzip. Das F9 Ultra startet bei 1099,90 Euro, die Version mit 16 GByte Arbeitsspeicher und 1 TByte Speicher kostet 1399,90 Euro. Das kleinere F9 Pro beginnt bei 899,90 Euro und kostet mit 512 GByte Speicher knapp 1000 Euro.

Damit bewegt sich Poco endgültig im Preisbereich klassischer High-End-Smartphones – also gerade dort, wo Xiaomi unter eigenem Namen seine Topmodelle positioniert. Das Xiaomi 17T Pro etwa, das wir im Test unter die Lupe genommen haben, kostet in der 12/512-GByte-Variante rund 1000 Euro und zeigt, womit Poco nun konkurriert. Der Aufpreis wird allerdings nicht allein mit dem schnellen Prozessor begründet: Poco verbaut dieses Mal ein komplettes Paket aus starker Hardware, großem Akku, hochwertigeren Kameras, IP68-Schutz und drahtlosem Laden.

Dazu kommt: Die Early-Bird-Preise fallen deutlich niedriger aus. Bis zum 21. September soll das F9 Ultra ab 829,90 Euro und das F9 Pro ab 739,90 Euro erhältlich sein. Diese Preise passen besser zu Pocos bisheriger Rolle. Die hohen UVPs setzen dennoch eine neue Marke: Poco soll offenbar nicht mehr bloß als günstige Leistungsalternative wahrgenommen werden, sondern als Premiumanbieter für Gaming und Multimedia.

Beide Modelle nutzen Qualcomms Snapdragon 8 Elite Gen 5, gefertigt in 3 nm. Beim F9 Pro handelt es sich allerdings um die V-Series-Variante (SM8850-1-AB) mit etwas schwächerer GPU. Dazu kommt jeweils der dedizierte Bildchip VisionBoost D8. Er soll Spiele nicht nur hochskalieren und HDR-Effekte ergänzen, sondern per Zwischenbildberechnung Bildraten von bis zu 185 fps ermöglichen.

Poco spricht von mehr als 20 Spielen mit nativer 185-fps-Unterstützung; fünf weitere Titel sollen über die Zwischenbildberechnung auf diesen Wert kommen. Genannt werden unter anderem PUBG Mobile, Call of Duty: Mobile und Garena Delta Force. Die Einschränkung ist wichtig: Die maximale Bildrate gilt nur in ausgewählten Spielen und unter bestimmten Einstellungen.

Auch die übrige Gaming-Ausstattung liest sich eher wie ein Datenblatt eines Spezialisten als wie das eines einstigen Preisbrechers: Das Display arbeitet mit bis zu 185 Hz, die Abtastrate soll im Game-Turbo-Modus bis zu 4800 Hz erreichen. Die reguläre Zehnfinger-Abtastrate liegt bei bis zu 480 Hz. Beim F9 Pro nennt Poco außerdem eine Gyro-Abtastrate von bis zu 200 Hz; die Funktion soll ab September per Update kommen und nur in ausgewählten Spielen funktionieren.

Für anhaltende Leistung sollen beim Ultra ein „3D Dual-Layer IceLoop“-Kühlsystem und beim Pro ein „Poco 3D IceLoop“ sorgen. Beide Geräte nutzen LPDDR5X-Arbeitsspeicher mit bis zu 9600 Mbit/s und UFS-4.1-Speicher. Das Ultra wird mit 12/256 GByte, 16/512 GByte oder 16 GByte/1 TByte angeboten, das Pro mit 12/256 oder 12/512 GByte.

Besonders auffällig ist der Akku des F9 Ultra: Mit 8050 mAh ist er deutlich größer als bei fast allen üblichen Oberklasse-Smartphones. Beim Poco X8 Pro Max hatte Xiaomi bereits einen 8500-mAh-Akku verbaut – die F9-Serie setzt diese Linie mit großen Energiespeichern fort. Poco verspricht bis zu zwei Tage Laufzeit, wobei dies naturgemäß auf Labortests mit einem simulierten Nutzungsmix basiert. Das 235 Gramm schwere Gerät lädt mit bis zu 100 Watt per Kabel und 50 Watt drahtlos. Außerdem kann es andere Geräte mit maximal 27 Watt per Kabel oder 22,5 Watt drahtlos laden.

Das kompaktere F9 Pro bringt einen immer noch sehr großen 6330-mAh-Akku mit. Auch hier unterstützt Poco 100 Watt über USB-C und 50 Watt induktiv. Nach Herstellerangaben soll das Pro mit dem 100-Watt-Netzteil in 19 Minuten von 1 auf 50 Prozent laden können; drahtlos sollen 50 Prozent unter speziellen Testbedingungen nach 35 Minuten erreicht werden. Ob das Netzteil bei allen Verkaufsvarianten beiliegt, sollten Käufer allerdings vor dem Kauf prüfen: Poco verweist dazu auf lokale Händler und Märkte.

Das F9 Ultra hat ein 6,9 Zoll großes AMOLED mit 2608 × 1200 Pixeln, das F9 Pro ein 6,59-Zoll-Panel mit 2510 × 1156 Pixeln. Beide setzen auf eine RGB-Subpixelstruktur, die Poco „HyperRGB“ nennt. Das soll die Schärfe eines 2K-Displays annähern, ohne dessen Energieverbrauch zu übernehmen.

Bei der Helligkeit nennt Poco Spitzenwerte von 4500 cd/m² bei 25 Prozent Bildfläche sowie bis zu 10.000 cd/m² bei einem einprozentigen HDR-Fenster. Solche Peak-Angaben sind vor allem für punktuelle HDR-Highlights relevant und sagen wenig über die dauerhafte Helligkeit im Alltag aus. Als High-Brightness-Mode nennt Poco 2200 cd/m², die typische Helligkeit soll bei 850 cd/m² liegen. Diese Werte müssen sich im Test noch bestätigen.

Zur Ausstattung der Bildschirme gehören außerdem HDR10+, Dolby Vision, 12-Bit-Farbtiefe, DC-Dimming und Gorilla Glass 7i als Schutz. Poco wirbt zudem mit vier TÜV-Rheinland-Zertifizierungen für Blaulichtreduktion, Flimmerfreiheit, zirkadiane Verträglichkeit und intelligente Augenpflege.

Poco stattet beide Geräte erstmals mit einer 200-Megapixel-Hauptkamera samt optischer Bildstabilisierung aus. Sie besitzt eine f/1,68-Blende und fasst 16 Pixel zu einem 2-µm-Superpixel zusammen.

Beim Tele- und Ultraweitwinkel unterscheiden sich die Modelle deutlich. Das F9 Ultra erhält eine 50-Megapixel-Periskopkamera mit 120 Millimeter Kleinbildäquivalent, fünffachem optischem Zoom und optischer Stabilisierung. Hinzu kommt ein 50-Megapixel-Ultraweitwinkel. Poco verspricht außerdem einen zehnfachen „verlustfreien“ Zoom sowie KI-gestützten Zoom bis 20-fach.

Das F9 Pro setzt auf ein 50-Megapixel-Floating-Tele mit 60 Millimeter Kleinbildäquivalent und 2,5-fachem Zoom. Dank eines Mindestabstands von zehn Zentimetern soll es auch für Makroaufnahmen geeignet sein. Als Ultraweitwinkel dient dagegen nur eine 8-Megapixel-Kamera. Das Ultra bietet damit auf dem Papier die erheblich vollständigere Kameraausstattung. Ob die 200-Megapixel-Hauptkamera und insbesondere die Zoomqualität tatsächlich mit etablierten Flaggschiffen mithalten, muss ein Test zeigen. Die Auflösung allein ist dafür kein hinreichender Maßstab. Ergänzt werden die Kameras jeweils durch eine 32-Megapixel-Frontkamera.

Beim Klang setzt Poco die Kooperation mit Bose fort. Das F9 Ultra kombiniert zwei symmetrische Stereolautsprecher mit einem eigenständigen Subwoofer zu einem 2.1-System. Das F9 Pro muss ohne Subwoofer auskommen, soll aber mit zwei symmetrischen Lautsprechern, Dolby Atmos und zwei Bose-abgestimmten Klangprofilen ebenfalls gehobenen Klang liefern.

Beide Smartphones bieten zudem IP68-Schutz gegen Staub und Wasser, Wi-Fi 7, Bluetooth 6.0, NFC, einen Ultraschall-Fingerabdrucksensor im Display sowie USB 3.2 Gen 1 (5 Gbit/s) über den Typ-C-Anschluss. Sie unterstützen zwei physische Nano-SIMs, eine Kombination aus Nano-SIM und eSIM oder zwei eSIMs. Als Betriebssystem kommt Xiaomis HyperOS 3 zum Einsatz. Laut Hersteller sollen die Geräte 4 Jahre Android-Updates und 6 Jahre Sicherheitsupdates erhalten.

Hinzu kommt „Xiaomi Offline Communication“ für Sprachkommunikation zwischen kompatiblen Geräten über begrenzte Distanz ohne Mobilfunknetz. Die Funktion ist nach Herstellerangaben von Regionen, kompatiblen Geräten und der Umgebung abhängig und ausdrücklich nicht für Notrufe gedacht.

Das F9 Ultra hat ein dynamisches Lichtelement auf der Rückseite, das bei Anrufen, Benachrichtigungen, Musik oder Spielen leuchten kann. Das F9 Pro ist in der Farbe Aurora Green mit einer nach Lichteinwirkung im Dunkeln leuchtenden Rückseite erhältlich. Ein kurioses Detail: Poco verweist darauf, dass sich mit einem separat verkauften blauvioletten Laserpointer Muster auf der Rückseite erzeugen lassen.

Die F9-Serie ist nicht mehr einfach ein leistungsstarkes Smartphone mit kalkulierten Abstrichen. Poco liefert beim Ultra ein 235 Gramm schweres, aber technisch voll ausgestattetes Gerät mit Periskopkamera, großem Akku, drahtlosem Laden, IP68-Zertifizierung und 1-TByte-Option. Auch das F9 Pro bietet für ein 206-Gramm-Gerät ein bemerkenswert dichtes Ausstattungspaket, spart gegenüber dem Ultra aber unter anderem beim Ultraweitwinkel und beim Audio-System.

Gerade deshalb ist die Preisfrage spannender als die Frage, ob Poco dieses Mal die Hardware stark genug gemacht hat. Das Unternehmen setzt nicht länger auf die alte Gleichung „Topchip zum Mittelklassepreis“. Stattdessen verlangt Poco für das F9 Ultra Preise, die sich an der klassischen Premiumklasse orientieren – und tritt damit in direkte Konkurrenz zu den teuersten Xiaomi-Smartphones der Konzernmutter.

Der günstigere Early-Bird-Preis entschärft das Problem, beseitigt es aber nicht. Denn eine UVP von 1399,90 Euro verändert die Wahrnehmung der Marke: Poco verkauft nicht mehr nur möglichst viel Leistung fürs Geld. Poco verkauft ein Flaggschiff.

(sht)