Heise 28.05.2026
06:51 Uhr

TI-Umbau: Gematik plant Zentralisierung und mehr Macht für sich selbst


Die Gematik will vom Regulierer zum Betreiber werden. Die alten TI-Server sollen jedoch erst 2032 abgeschaltet werden.

TI-Umbau: Gematik plant Zentralisierung und mehr Macht für sich selbst

Die Telematikinfrastruktur (TI) des deutschen Gesundheitswesens sollte eigentlich längst modernisiert sein: Bereits 2021 kündigte die Gematik an, Konnektoren und elektronische Gesundheitskarte bis 2025 abzulösen. Daraus wurde nichts, wie aus einem vertraulichen Strategiepapier hervorgeht, das sich wie ein Masterplan für einen zweiten Anlauf liest. Die Gematik rechnet darin mit der TI 1.0 ab: zu komplex, zu störungsanfällig, zu langsam. Die Organisation, die das System jahrelang verantwortet hat, nutzt die Selbstkritik nun als Begründung dafür, künftig deutlich mehr Macht zu bekommen.

Das 72-seitige Dokument „Konzept TI-Betriebsstabilität und Transformationsplan 2030“ vom 8. Mai 2026 wurde von einer internen Taskforce unter Federführung der Gematik-Geschäftsleitung erarbeitet und ist als „vertraulich – TI-Ausschuss" klassifiziert. Am 19. Juni soll die Gesellschafterversammlung der Gematik über die Umsetzung abstimmen.

Das Papier beschreibt die aktuelle Lage der TI in deutlichen Worten. Im Jahr 2025 war die Nutzung von TI-Anwendungen durchschnittlich 25 Mal pro Monat beeinträchtigt. Allein 162 Störungen betrafen die elektronische Patientenakte (ePA), 164 das E-Rezept. Die Gematik führt das nicht auf einzelne Fehler zurück, sondern auf die Architektur selbst: Über 800 technische Abhängigkeiten zwischen TI-Produkten führen dazu, dass die Gesamtverfügbarkeit beim E-Rezept-Einlösen per elektronischer Gesundheitskarte rechnerisch nur 97,975 Prozent beträgt – was rein rechnerisch rund sieben Tagen Ausfall pro Jahr entspricht. Das, obwohl die beteiligten Einzeldienste jeweils 99 bis 99,99 Prozent Verfügbarkeit erreichen. Hinzu käme, dass bekannte Fehler im heutigen System ein bis drei Jahre benötigen, um durch den Spezifikations- und Zulassungsprozess behoben zu werden.

Als Lösung schlägt das Papier den Wechsel vom dezentralen Marktmodell zu einer zentralen TI-Plattform auf Basis souveräner Public-Cloud-Infrastruktur vor. Nach dem sogenannten Einmaligkeitsprinzip soll jede Backend-Funktion künftig nur noch einmal implementiert und betrieben werden. Die Zahl der Backend-Produktinstanzen soll von derzeit 114 auf 31 sinken. Die TI 1.0 mit Konnektoren, Kartenterminals und dem proprietären VPN-Netz soll bis Ende 2030 vollständig abgebaut werden.

Kern des Vorschlags ist eine weitreichende Rollenänderung der Gematik: Statt als Spezifikations- und Zulassungsbehörde zu agieren, soll sie künftig alle Vertragsbeziehungen kontrollieren, Betreiber direkt beauftragen und die Ende-zu-Ende-Verantwortung für Verfügbarkeit und Sicherheit der gesamten TI übernehmen. Das zentrale ePA-Aktensystem soll unter Verantwortung der Gematik zentral entwickelt und betrieben werden – als Open-Source-Lösung auf der gemeinsamen Cloud-Plattform. Krankenversicherungen, die bisher eigene ePA-Backends kontrollierten, würden damit zentrale Teile des bisherigen Backend-Betriebs an die Plattform abgeben.

Die Empfehlung stammt von der Gematik selbst. Das Dokument räumt ein, dass die Organisation für die neue Rolle Fähigkeiten benötigt, die sie heute nicht vollständig besitzt, und die Übergangsphase zunächst mehr Komplexität erzeugen wird.

Auf der Gesundheits-IT-Messe DMEA im April beschrieb Gematik-Geschäftsführer Florian Fuhrmann die Rolle seiner Organisation mit einer Metapher: Die Gematik sei „die Bühnentechnik", unsichtbar, hinter den Kulissen. Sie bestimme nicht, was gespielt werde, sondern sorge dafür, dass das Zusammenspiel überhaupt möglich sei. Dass die Gematik der Dirigent sei, schloss er dabei zunächst als Provokation ein – um es dann umso deutlicher zu verneinen: „Wir sind weder Dirigent, Dirigentin, wir sind nicht Intendantin, wir sind kein Musiker."

Dennoch beschreibt das Strategiepapier die Gematik eher in einer Indendantenrolle: als eine Organisation, die alle Vertragsbeziehungen kontrolliert, alle Zahlungsflüsse steuert, Betreiber direkt beauftragt, die Verantwortung trägt und mit Selbstvornahmerechten ausgestattet ist. Was gespielt wird, also welche Apps Ärzte nutzen oder wie medizinische Prozesse ablaufen, will die Gematik auch künftig nicht bestimmen. Das Frontend bleibe dem Markt überlassen.

Das Papier skizziert einen Zeitplan in drei Phasen. Bis Ende 2026 sollen die gesetzliche, regulatorischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, darunter möglicherweise notwendige Gesetzesänderungen. Ab 2027 beginnt die eigentliche Umsetzung: Die Cloud-Infrastruktur wird ausgeschrieben und aufgebaut, erste Anwendungen werden migriert. Den ersten großen Praxistest soll ein neues E-Rezept-Backend liefern, das gemeinsam mit der E-Überweisung zum 1. September 2028 auf der neuen Plattform live gehen soll. Die elektronische Patientenakte folgt laut Plan in Q4 2029, der neue einheitliche Kommunikationsdienst, der den E-Mail-Dienst KIM und den TI-Messenger TIM ablösen soll, in Q1 2030.

Damit ist der Umbau aber noch nicht abgeschlossen. Die zentralen TI-1.0-Dienste werden derzeit von Arvato betrieben. Das Dokument sieht drei aufeinanderfolgende Vertragsverlängerungen vor – mit jeweils schrumpfendem Leistungsumfang. Die letzte Verlängerung läuft demnach bis Anfang 2032. Erst dann sollen die vermeintlich letzten Server der alten Telematikinfrastruktur abgeschaltet werden.

Am 19. Juni trifft sich die Gesellschafterversammlung – mit Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums, GKV-Spitzenverband, Kassenärztlicher Bundesvereinigung, Deutscher Krankenhausgesellschaft und weiteren Akteuren. Auf dem Tisch liegen mehrere Fragen, etwa ob die Gematik das ePA-Aktensystem zentral entwickeln und betreiben soll und ob sie einen einheitlichen Kommunikationsdienst aufbauen soll. Konkrete Zahlen nennt das Papier nicht. Es heißt lediglich „die Kosten bis 2030 liegen über dem Status quo (Aufbauinvestition), die laufenden Kosten im eingeschwungenen Zustand jedoch deutlich darunter“.

(mack)