SZ 11.05.2026
10:37 Uhr

(+) Automatisierung: Warum Festo 1300 Stellen in Deutschland streicht


Zuletzt war der Umsatz des Automatisierungsspezialisten drei Jahre in Folge gesunken. Nun muss die Firma sparen und will schlanker und effizienter werden. Standorte in Deutschland sollen aber nicht schließen.

(+) Automatisierung: Warum Festo 1300 Stellen in Deutschland streicht

Das Unternehmen Festo aus Esslingen will 1300 Stellen in Deutschland streichen. „Unser Umfeld verändert sich stark: geopolitische Konflikte, wirtschaftspolitische Spannungen und maximale Dynamik in den Märkten“, schreibt ein Firmensprecher der SZ. Gleichzeitig gebe es einen massiv zunehmenden Wettbewerbsdruck, der sich noch verstärken werde – vor allem aus Asien.

Festo ist eines dieser Unternehmen, die kaum jemand kennt, obwohl eigentlich jeder damit in Kontakt kommt. Ob man ein Eis isst, ein E-Auto fährt oder ins Smartphone tippt – all diese Dinge wurden in der Herstellung von Festo-Technik gegriffen, geschoben, gedreht oder gehalten. Das Familienunternehmen hat sich auf Steuerungs- und Automatisierungstechnologien in der Industrie spezialisiert, bietet Roboter an und Technik für die vernetzte Fabrik. Festo ist in vielen Branchen unterwegs, die wichtigsten: Nahrungsmittel-, Automobilindustrie, Medizintechnik.

Da das Geschäft jedoch nicht läuft wie gewünscht, setzt Festo nun ein globales Transformationsprogramm auf, mit dem das Unternehmen 200 Millionen Euro jährlich einsparen, effizienter werden und wieder wachsen will.

Noch beschäftigt das Familienunternehmen hierzulande 8200 Menschen: in der Zentrale in Esslingen-Berkheim und an den Produktionsstandorten Scharnhausen, ebenfalls Baden-Württemberg, und Rohrbach im Saarland. Nach dem Abbau soll es in Deutschland insgesamt 16 Prozent weniger Stellen geben, keiner der drei deutschen Standorte solle aber schließen, so der Unternehmenssprecher.

In welchen Bereichen die Jobs gestrichen werden sollen, ist noch nicht klar. Eine stärkere internationale Ausrichtung und Positionierung in Wachstumsmärkten ist dem Sprecher zufolge wichtig, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Das kann man so verstehen, dass Stellen ins kostengünstige Ausland verschoben werden sollen. Die Frage danach lässt Festo unbeantwortet. Vorstandschef Thomas Böck sagte der Stuttgarter Zeitung, auch im Ausland würden Stellen abgebaut. Das Sparprogramm solle die ganze Organisation zukunftsfähiger machen, auch den Standort Deutschland.

Deutliche Kritik an dem geplanten Stellenabbau kam von der IG Metall. „Das hat uns und die Beschäftigten eiskalt erwischt“, sagte Funktionär Max Czipf von der Gewerkschaft in Esslingen der Deutschen Presse-Agentur. Das Ausmaß der geplanten Maßnahmen sei überraschend und mache große Sorgen über die Auswirkungen auf die Arbeits- und Wirtschaftsregion. Die IG Metall Esslingen halte den Schritt für falsch. „Wer in dieser wirtschaftlichen Krise Jobs abbaut, verantwortet den Schaden am Industriestandort“, warnte Czipf.

Unternehmen und Konzernbetriebsrat stünden seit mehreren Monaten in Austausch über das Transformationsprogramm, schreibt der Sprecher. „Über die konkrete Dimension des notwendigen Stellenabbaus in Deutschland wurde der Konzernbetriebsrat Mitte April informiert.“ Nun sprechen Geschäftsführung und Betriebsrat darüber, wie der Stellenabbau möglichst verantwortungsvoll und sozialverträglich gestaltet werden kann.

Ende 2025 beschäftigte das Unternehmen weltweit rund 20 600 Menschen. Die maue Wirtschaftslage hatte das Geschäft des Familienunternehmens aber belastet. Vergangenes Jahr ist der Umsatz um 3,7 Prozent auf rund 3,33 Milliarden Euro gesunken – es war der dritte Umsatzrückgang in Folge. 2022 hatte Festo noch einen Umsatz von 3,81 Milliarden Euro erwirtschaftet. „Unser Anspruch ist, dieses Niveau schnell wieder zu erreichen und im besten Fall sogar deutlich zu übertreffen und nachhaltig zu wachsen“, so der Festo-Sprecher. In gewissen Bereichen sehe man wieder eine leichte Entspannung.

Thomas Böck leitet das Esslinger Unternehmen seit fast zweieinhalb Jahren. Sechs Monate nach seinem Antritt sagte er im Gespräch mit der SZ: „Festo ist ein Spiegel der Weltwirtschaft.“ Wenn es anderen Unternehmen schlecht gehe, merke Festo das sofort, weil seine Automatisierungslösungen weniger nachgefragt würden. Bisher sei man aber „ganz gut durchgekommen“ durch die Krise. Jammern über den Standort sei nichts für ihn, sagte Böck. „Wir haben hier alle Möglichkeiten. Wir glauben an den Standort Deutschland“, sagte der Chef, der damals nichts von der schlechten Stimmung hielt und stattdessen „mit Begeisterung anstecken“ wollte.

Keine zwei Jahre später ist von der Begeisterung wenig übrig. Zwar sagt Böck immer noch, er stehe zum Standort Deutschland – trotzdem streicht er hierzulande 16 Prozent der Stellen.

Lange war der Automatisierungsspezialist Festo aus Esslingen ein verschwiegener Laden. Doch der neue Geschäftsführer Thomas Böck traut sich in die Öffentlichkeit. Und spricht ungewohnt über den Standort Deutschland.

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