SZ 02.06.2026
08:20 Uhr

(+) Bahn-Chefin zu Italo: Palla warnt vor „ungesteuertem Wettbewerb“ im Fernverkehr


Die DB bekommt im Fernverkehr Konkurrenz aus Italien. Aus Sicht der Bahn-Chefin „eine gute Nachricht“. Doch sie hat auch Bedenken – und fordert den Verkehrsminister zum Handeln auf.

(+) Bahn-Chefin zu Italo: Palla warnt vor „ungesteuertem Wettbewerb“ im Fernverkehr
Fordert die Politik auf, für neue Rahmenbedingungen zu sorgen: Bahn-Chefin Evelyn Palla. Carsten Koall/dpa

Lange hat sie andere sprechen lassen. Doch nun hat sich auch Bahn-Chefin Evelyn Palla erstmals öffentlich zu dem angekündigten Markteinstieg des italienischen Eisenbahnunternehmens Italo in Deutschland geäußert. Dass ein neuer Wettbewerber auf den Markt dränge, sei „zunächst eine gute Nachricht“, sagte Palla am Montagabend vor Journalisten. „Wettbewerb belebt das Geschäft, Wettbewerb fördert Innovationen, Wettbewerb fördert das Angebot und es kommt den Menschen zugute.“

Doch Palla mahnte auch, man müsse bei all der Euphorie über neue Anbieter „achtsam sein“ – „achtsam, dass diese Vorteile auch wirklich bei allen Menschen in Deutschland ankommen und nicht nur bei einigen wenigen“ etwa in den Metropolen, wo das Angebot ohnehin bereits gut sei.

Italo möchte von 2028 an auf der Strecke München–Köln–Dortmund im Stunden-Takt und auf der Strecke München–Berlin–Hamburg im Zwei-Stunden-Takt fahren. Bislang werden diese Verbindungen von der Bahn-Tochter DB Fernverkehr bedient. Allzu viele freie Kapazitäten auf dem Netz und insbesondere in den großen Knoten gibt es nicht – und somit droht kein zusätzliches Angebot, sondern ein Verdrängungswettbewerb auf den lukrativen Schnellfahrtrassen.

Die Hoffnung, die Wettbewerbshüter damit verbinden: ein besseres Angebot, sinkende Preise und eine stärkere Kundenorientierung. In all diesen Punkten ist aktuell bei DB Fernverkehr noch viel Luft nach oben. Die Gefahr gleichwohl: Würde die Bahn-Tochter einen Teil ihrer Trassen beispielsweise an Italo abgeben, würde sie auch einen Teil ihrer dort erwirtschafteten Gewinne verlieren und könnte weniger profitable Strecken in der Fläche möglicherweise nicht aufrechterhalten – oder nicht aufrechterhalten wollen. Palla spricht genau das aus. Man müsse aufpassen, „dass am Ende nicht auf einigen wenigen Strecken ein neuer Anbieter fährt, während wir in der Fläche Verbindungen verlieren“, sagte sie.

Palla selbst weiß genau, wie es sich anfühlt, im täglichen Wettbewerb zu stehen. Die 52-Jährige war vor ihrer Berufung zur Bahn-Chefin im Herbst 2025 drei Jahre Vorstandschefin der Konzerntochter DB Regio. Die steht seit vielen Jahren in einem umkämpften Wettbewerb mit anderen Regionalbahnen. Bereits in der Vergangenheit hatte Palla sich mehrfach positiv über die dort herrschende Konkurrenz geäußert, die auch die eigenen Leute antreibe. „Der Wettbewerb diszipliniert uns jeden Tag“, sagte sie einmal, als sie noch DB-Regio-Chefin war.

Mit ihren jetzigen Aussagen befindet sie sich Palla jedoch einem neuen Spannungsfeld: Einerseits ist sie als Bahn-Chefin letztlich verantwortlich für die Leistungen der Konzerntochter DB Fernverkehr, dem Quasi-Monopolisten, der wenig Lust auf Konkurrenz durch Italo hat. Gleichzeitig ist sie aber auch Aufsichtsratschefin der Konzerntochter DB Infrago, die das Schienennetz der Deutschen Bahn betreibt, und zwar qua Satzung strikt am Gemeinwohl orientiert, sprich: ausgerichtet an den Bedürfnissen der Bürger und frei von Diskriminierung einzelner Anbieter. Italo hingegen wittert eine Benachteiligung durch die DB Infrago und kritisiert, diese setze die Markteintrittsbarrieren für Neueinsteiger unnötig hoch.

Die Erwartungen an die Deutsche Bahn sind ja nicht mehr hoch, die an die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla dafür umso höher. Sie räumt jetzt erst mal in der Führungsetage auf: Pünktlicher wird so kein einziger Zug, aber immerhin sie ist voller Zuversicht.

Vor diesem Hintergrund fordert die Bahn-Chefin Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) nun zum Handeln auf. Es brauche dringend „neue und bessere politische Rahmenbedingungen“, sagte Palla, „sonst droht ein ungesteuerter Wettbewerb“. Ziel der Politik müsse es sein, „auch mit mehr Wettbewerb ein verlässliches und vertaktetes Gesamtsystem für alle Menschen in Deutschland auch in der Fläche aufrechtzuerhalten“, sagte sie an Schnieder gerichtet. Der hatte den Markteinstieg von Italo und die damit einhergehende neue Wettbewerbssituation – bislang fährt die Deutsche Bahn im Fernverkehr 93 Prozent aller Verkehre – zuletzt begrüßt. Dass es hier und da aktuell noch hake, liegt seiner Auffassung nach vor allem „am Rechtsrahmen“.

Tatsächlich ist derzeit noch unklar, wie die Rahmenbedingungen für einen Markteinstieg von Italo in Deutschland konkret aussehen würden. Die Italiener fordern sogenannte Rahmenverträge, die ihnen über viele Jahre bestimmte Trassen verbindlich sichern, sowie eine Bevorzugungs-Klausel für „Newcomer“. Die Infrastruktur-Tochter der Bahn, DB Infrago, steht dem skeptisch gegenüber, genau wie ein Großteil der Güterverkehrs- und Nahverkehrsunternehmen. Noch in diesem Monat will die Bundesnetzagentur entscheiden, wie es weitergeht.

Trotz der bisher kaum vorhandenen Konkurrenz im Fernverkehr sieht Palla dies nicht als Hauptproblem. „Der eigentliche Engpass in Deutschland ist nicht der Wettbewerb“, sagt sie, „der eigentliche Engpass ist die Infrastruktur.“ Die wird in den kommenden Jahren für viele Milliarden Euro aufwendig saniert, unter anderem durch viele Vollsperrungen, die den Verkehr über Monate hinweg beeinträchtigen. Aus Pallas Sicht ist dieses erhöhte Baugeschehen jedoch alternativlos: „Ohne ein leistungsfähiges Netz wird weder die Deutsche Bahn noch irgendein anderer Anbieter den Ansprüchen der Menschen in diesem Land gerecht werden können.“

Mit Italo und Flixtrain drängen zwei neue Zugbetreiber auf den Markt. Sie versprechen mehr Wettbewerb. Für die Kunden soll alles besser werden. Aber stimmt das überhaupt?

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