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08.05.2026
15:36 Uhr
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Die Unicredit will die Commerzbank übernehmen. Vorstand und Belegschaft der zweitgrößten deutschen Privatbank stemmen sich dagegen. Es ist die wohl spektakulärste Übernahmeschlacht in Europa – und längst ein Machtkampf von nationaler Bedeutung.

Unicredit-Chef Andrea Orcel wirft der Commerzbank pauschal schlechtes Management vor. Imago (2), Collage: Hofer
Man sieht ihn nicht sofort. Erst hinter einem Pfeiler in der Lobby des Commerzbank-Turms in Frankfurt taucht er auf, noch einmal in Klein: der Turm als Lego-Installation, 2,80 Meter hoch, 25 Kilogramm schwer. Ein Bereichsleiter des Hauses hat ihn aus 15 233 Steinen gebaut, zusammen mit seinem elfjährigen Sohn. Rund um das Modell hat die Bank ein schwarzes Absperrband spannen lassen, davor steht ein Schild: „Bitte nicht berühren“. Könnte ja kaputtgehen.
Der Lego-Turm ist nur ein Ausstellungsstück. Und doch erzählt er ziemlich viel über die Stimmung im großen Turm – im „NH“ oder „Neuen Hochhaus“, wie viele ältere Mitarbeiter das Gebäude aus dem Jahr 1997 noch immer nennen. Ein Turm, der wie kaum ein anderer für den Selbstanspruch der Bankenwelt steht: groß, sichtbar, bedeutend. 300 Meter ragt er in den Himmel und prägt die Frankfurter Skyline. Besonders nachts, wenn die Fassade in gelbem Licht leuchtet, wirkt das Gebäude wie ein Symbol aus einer Zeit, in der Banken sich für unangreifbar hielten.
Ganz oben im Turm, in der 47. Etage, will Vorstandschefin Bettina Orlopp an diesem Freitag den Aktionären wieder beweisen, dass die Commerzbank eigenständig bleiben kann. Gute Quartalszahlen legt sie in der Telefonkonferenz mit Analysten vor und sehr ehrgeizige Renditeziele für die nächsten Jahre, aber eben auch: weniger Arbeitsplätze. Weitere 3000 Stellen sollen gestrichen werden. Das soll die Aktionäre motivieren, ihre Aktien nicht zu verkaufen.
„Unsere Strategie funktioniert – und hat mehr Potenzial als ursprünglich geplant“, sagte Orlopp am Freitagvormittag. Der Plan der Unicredit, die Commerzbank zu übernehmen, ginge mit großen „Umsetzungsrisiken“ einher. Das beschreibt in nüchternen Worten die Stimmung in vielen Filialen zwischen Flensburg und Freiburg ziemlich gut: Bitte nicht berühren. Nicht dass am Ende alles auseinanderbricht. Denn die Gefahr, dass die Commerzbank bald verschwindet, ist real.
Seit Monaten leben viele im Haus in Alarmbereitschaft. Am 11. September 2024 kaufte Andrea Orcel, der Vorstandschef der italienischen Großbank Unicredit, quasi über Nacht Anteile der Commerzbank und vermeldete wenige Tage später bereits eine Beteiligung von fast 21 Prozent. In den Monaten danach beteuerte er zwar unablässig, er plane keine feindliche Übernahme, unterdessen kaufte er aber munter weiter zu. An diesem Dienstag dann machte er den Commerzbank-Aktionären schließlich direkt ein Angebot.
In diesen Tagen wirkt es also, als würden die Mitarbeiter am liebsten selbst ein Absperrband um den Konzern ziehen und ein Schild davorstellen. Damit alles so bleibt, wie es ist. Bitte nicht berühren.
Die Frage ist nur: Kann das gelingen? Die Commerzbank-Führung hatte zuletzt viele „Herausforderungen“ zu bewältigen, wie man im Turm sagt. Vor allem in der „M&A“-Strategie, also bei der Frage, wie sich ein Vorstand verhält, wenn plötzlich ein Übernahmeangebot auf dem Tisch liegt. Wehrt man es ab? Verhandelt man frühzeitig – und wenn ja, wie? Was sagt man Mitarbeitern, die um ihren Arbeitsplatz fürchten? Oder versucht man, wie die Commerzbank, erst einmal nicht zu verhandeln, aber den Kurs so weit nach oben zu treiben, dass die Übernahme für den Käufer zu teuer wird?
Vorbilder für feindliche oder zumindest unerwünschte Übernahmen gab es in Deutschland zuletzt einige – Covestro, Thyssenkrupp, Schaeffler/Continental. Allerdings alles Fälle aus der Industrie. Eine Übernahme unter Großbanken, noch dazu gegen den Willen von Management und Regierung, das wäre ein Präzedenzfall – nicht nur in Europa. Schließlich bestehen die Werte einer Bank nicht aus Maschinen oder Fabriken, sondern vor allem aus den Beziehungen der Mitarbeiter zu ihren Kunden. Bankbilanzen gelten zudem oft als schwer durchschaubar, selbst bei börsennotierten Instituten. Und ihr Geschäft ist aus guten Gründen strenger reguliert als das der Industrie.
So ist aus der Sache inzwischen einer der spektakulärsten Übernahmekämpfe Europas geworden – und zugleich ein Duell zweier sehr unterschiedlicher Managerpersönlichkeiten. Auf der einen Seite steht Andrea Orcel, 62 Jahre, graues Haar, Haifischlächeln, gebürtiger Römer: ein Investmentbanker, der auf Konferenzbühnen raumgreifend in Sesseln sitzt und sichtbar Gefallen daran findet, Konkurrenten mit überraschenden Manövern unter Druck zu setzen.
Auf der anderen Seite steht Bettina Orlopp, 52 Jahre, die seit zwei Jahren die Commerzbank führt – als erste Frau in der mehr als 150-jährigen Geschichte des Konzerns. Sie hat keinen Hang zu großen Gesten, eher den Habitus einer Konzernfunktionärin. Doch in diesem Abwehrkampf scheint sie ihre Rolle gefunden zu haben. Bei vielen Mitarbeitern genießt sie inzwischen hohes Ansehen. „Sie strahlt trotz allem eine unglaubliche Ruhe aus, keine Ahnung, wie sie das macht“, sagt ein Kollege aus dem mittleren Management.
Mitte März kündigte Orcel – der zu diesem Zeitpunkt bereits fast 30 Prozent der Commerzbank kontrollierte – schließlich ein sogenanntes freiwilliges Übernahmeangebot an. Angeblich nur ein technischer Akt, ein „Lowball-Offer“, wie es in der Fachsprache heißt. Er wolle damit verhindern, versehentlich die 30-Prozent-Schwelle zu überschreiten, die automatisch ein deutlich teureres Pflichtangebot ausgelöst hätte. Doch seitdem wirkt Orcel, als wolle er es tatsächlich wissen. „Das Pferd hat den Stall verlassen“, sagte er gerade der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Immer wieder wirft Orcel der Commerzbank vor, sich Gesprächen zu verweigern. Dabei hatten sich Orcel und Orlopp über Ostern sogar getroffen – in Zürich, auf neutralem Terrain also. Bei der Commerzbank glaubte man danach durchaus, man befinde sich im Dialog. Doch dann veröffentlichte Orcel offenbar ohne Vorwarnung die Einladung zur Hauptversammlung. Die Führung der Commerzbank fühlte sich brüskiert. Auf der anderen Seite wiederum wurde lanciert, die Commerzbank habe sich geweigert, Arbeitsgruppen zu bilden. Inzwischen hat die Sache etwas von einem Scheidungsdrama – nur dass eine Seite eigentlich gar keine Ehe will.
Und doch hat der Abwehrkampf im Inneren der Bank offenbar Kräfte freigesetzt, die selbst viele Mitarbeiter überraschen. Der Betriebsrat verteilt Sticker und Kapuzenpullis mit dem Slogan, der den Besitzanspruch markiert: We own yellow steht darauf, Gelb gehört uns. Die Fenster des Commerzbank-Turms leuchten regelmäßig als gelbes Herz, in Whatsapp-Gruppen kursieren Memes und Galgenhumor. Die Commerzbank, gegründet im Kaiserreich, später staatlich gerettet und danach lange unter dem Schutz einer bequemen Staatsbeteiligung, wirkt in dieser Abwehrschlacht plötzlich fast wie ein Start-up – jedenfalls emotional.
„Ich bin schon lange bei dem Laden“, sagt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Aber ich habe mich noch nie so gelb gefühlt.“ Betriebsratschef Sascha Uebel schwärmt: „Diese Bank wächst wieder mal über sich hinaus.“ Vertrieb, Betriebsrat, Führung – es wirkt jetzt wirklich so, als zögen alle mal an einem Strang. Tatsächlich kann die Führungsebene plötzlich manches durchsetzen, was früher vermutlich zerrieben worden wäre.
Besonders Orcels Auftritt am 20. April hat in Frankfurt viele empört. Montagmorgen, Analysten-Call, Investorenpräsentation. Orcel wirft der Commerzbank pauschal schlechtes Management vor: mittelmäßig geführt sei die Bank, letztlich erst durch ihn wachgerüttelt worden. Am Abend lädt dann der Bankenverband zum Empfang mit Bundeskanzler Friedrich Merz in die Berliner Bolle-Festsäle in Alt-Moabit. In der Ecke der Commerzbanker hofft man, der Kanzler werde sich äußern. Und tatsächlich sagt Merz etwas. Übernahmen seien okay, erklärt er, aber doch nicht so. Aus der Commerzbank-Ecke brandet Applaus auf. Hinterher heißt es allerdings auch: Manche hätten sich noch deutlichere Worte gewünscht.
Seit diesem Dienstag liegt nun das formelle Übernahmeangebot auf dem Tisch. Niedrig ist es – aber es liegt dort nun einmal. Bis zum 16. Juni können die Aktionäre entscheiden, ob sie annehmen. Viele werden es wohl nicht tun. „Das Angebot ist nicht attraktiv, da es deutlich unter dem jetzigen Aktienkurs der Commerzbank liegt“, heißt es etwa von der Fondsgesellschaft Deka. Die Kontrolle wird Orcel so wohl vorerst nicht erlangen. Aber er kann weiter zukaufen. Zeit habe er genug, sagt er.
Nur: Gilt das auch für die spätere Integration? Markus Scholz, BWL-Professor an der TU Dresden, hält „das sehr aggressive Verhalten von Andrea Orcel“ für „bemerkenswert“. Schon unter normalen Umständen sei es kompliziert, ein Unternehmen zu integrieren. Orcels Stil treibe nun zusätzlich den Preis dafür in astronomische Höhen. Deshalb stelle sich zwangsläufig die Frage: „Tut er seinen Aktionären damit einen Gefallen?“
In der Commerzbank setzen nun viele ihre Hoffnungen auf die Politik. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. In dieser Woche kursierten jedenfalls plötzlich Gerüchte, der Bund könne seine Beteiligung von derzeit noch zwölf Prozent wieder erhöhen, um die Übernahme abzuwehren. Offiziell äußert sich die Bundesregierung dazu nicht. Doch alles, was aus Regierungskreisen zu hören ist, läuft auf denselben Befund hinaus: äußerst unwahrscheinlich.
Eine Aufstockung wäre nicht nur teuer, sie widerspräche auch der eigenen Privatisierungsstrategie. Merz würde sich wohl sofort eine Grundsatzdebatte mit den Wirtschaftspolitikern der eigenen Partei einhandeln. Soll sich der Staat künftig jedes Mal finanziell beteiligen, wenn ein ausländischer Konzern einen deutschen Wettbewerber übernehmen will?
Als Urheber vieler Gerüchte vermuten nicht wenige der Beteiligten ausgerechnet Orcel selbst. Mit seiner „Anschleicherei“ an die Commerzbank habe er sich ohnehin viele Gegner gemacht, heißt es in Berlin. Auch das jüngste Geraune, wonach Kanzleramt und Wirtschaftsministerium – anders als das Finanzministerium – womöglich durchaus offen für die Offerte seien, wird regierungsintern eher als durchsichtiger Versuch gewertet, Union und SPD in dieser Frage zu spalten.
Ganz deckungsgleich sind die Motive der Koalitionspartner zwar tatsächlich nicht. Für die SPD stehen eher die Arbeitsplätze im Vordergrund, für die Union die Finanzierung des Mittelstands. Grundsätzlich aber ziehen sie an einem Strang. Nur die CSU schert aus. Denn Orcel plant im Erfolgsfall, die Commerzbank mit der ebenfalls zur Unicredit-Gruppe gehörenden HVB zu verschmelzen. Sollte die Zentrale der neuen Konzerntochter dann nicht in Frankfurt, sondern am HVB-Sitz in München angesiedelt werden, könnte CSU-Chef Markus Söder das als Erfolg verkaufen. Offiziell aber gibt sich die Bundesregierung weiter kompromisslos. Man unterstütze die Eigenständigkeit der Commerzbank. Der Bundeskanzler wiederholt es diesen Donnerstag dann noch einmal deutlich schärfer: „Feindliches und aggressives Vorgehen lehnen wir entschieden ab. So wird Vertrauen zerstört.“
Zur ablehnenden Haltung des Bundes trägt außerdem die Sorge bei, Unicredit könnte in einer Finanzkrise selbst in Schieflage geraten und dann Kapital aus einer fusionierten HVB/Commerzbank nach Mailand abziehen. Hintergrund ist unter anderem der weiterhin hohe Bestand italienischer Staatsanleihen in der Unicredit-Bilanz. Im Ernstfall könnte die Bundesregierung dann in die paradoxe Lage geraten, den Konzern mit Sitz in Italien stützen zu müssen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der Bund kann mit seinem Anteil zwar verhindern, dass die Unicredit die Commerzbank vollständig integriert. Stoppen kann er die Übernahme aber wohl kaum. Denn zuständig ist am Ende nicht die Bundesregierung, sondern die Europäische Zentralbank. Und die hat längst signalisiert, dass die dem Vorhaben wohlwollend gegenübersteht.
Vor diesem Hintergrund wirkt das schwarze Absperrband um den Lego-Turm unten im Foyer des Commerzbank-Turms nicht mehr nur wie ein Hinweis für Besucher. Eher wie eine verzweifelte Mahnung: Bitte nicht berühren.
Die Commerzbank-Chefin spricht über das überraschende Übernahmeangebot. Sie zweifelt an den Versprechen des Unicredit-Chefs und warnt vor einem Kahlschlag à la Hypovereinsbank.
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