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21.05.2026
15:44 Uhr
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Kommentare von Fremden hören Eltern ständig über ihre Kinder. Oft sind sie unverschämt, aber manchmal auch sehr treffend.

Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff. Lorenz Mehrlich
Ich hatte ganz vergessen, wie schnell man im Urlaub neue Leute kennenlernt. Ich habe am Hotelbuffet die Bekanntschaft einer Frau gemacht. Etwa 60 Jahre alt, wohnhaft in Tuttlingen, sie mag gern Kräutertee und ist eine sehr freundliche und redselige Person, deren liebstes Thema allem Hotelbuffet-Anschein nach Kinder sind. Zuallererst ihr eigenes Kind, der mitgereiste 30-jährige Sohn, in dessen Beisein sie berichtete, wie versiert er sie durch die Serpentinen hier hochchauffiert habe, dass er heute morgen joggen gewesen sei, welche Länder er schon bereiste. So weit, so bewährt. Menschen reden gern über ihre Kinder, weil sie sie lieben, und weil es naheliegend ist, wenn auch der andere Kinder mitführt. Das kann wie sozialer Kitt wirken, aber auch das Gegenteil dessen bewirken.
Wie es so ist in Zwangsgemeinschaften wie einem Hotel, oder in unserem Fall einem winzigen Agriturismo in den Bergen über dem Comer See mit vielleicht elf deutschen Gästen, kann man sich relativ schnell relativ nah kommen. So nah nämlich, dass die sehr freundliche Frau an Tag zwei unserer Buffet-Bekanntschaft dazu überging, über mein Kind zu sprechen. Mein Kind, das gerade eine Platte Marmorkuchen ins Visier nahm, losrannte, vor den mit Speisen beladenen Tischen zum Stehen kam, beide Hände ausstreckte, als habe es dieses Manöver minutiös geplant, und im letzten Moment von meinem Freund aufgehalten wurde. Kurzer Vortrag über sozialverträgliches Verhalten beim Frühstück im Beisein anderer, woraufhin unsere vierjährige Tochter weiter Richtung Marmorkuchen starrte. Bedeutungsschweres Räuspern am Nebentisch.
„Da haben Sie ja ein echtes Energiebündel“, sagte die wirklich sehr freundliche Frau, und sie sagte das wirklich sehr freundlich. Ich nickte diskret und versuchte, mir so viele Kalorien zuzuführen wie nur möglich, bis unser noch vom Abendessen überzuckertes Kind zum nächsten Sprint auf das Buffet ansetzen würde. Die Frau sprach weiter. „Da kommen Sie ja gar nicht zur Ruhe“, sagte sie, ich atmete ein, ich atmete aus, „da können Sie überhaupt nicht in Ruhe essen.“ Wow. Manchmal braucht man Außenstehende, um profunde Probleme des eigenen Lebens präzise zu benennen. Ich kann gar nicht in Ruhe essen.
War mir gar nicht aufgefallen beziehungsweise hatte ich dies in den vergangenen Jahren von einem gewissen Punkt an akzeptiert und Spaghetti, Kartoffelgratin und Milchreis heruntergeschlungen, wie andere einen Sprint hinter sich bringen. Selbst dann, wenn meine Tochter ganz ruhig dasaß und friedlich aß, weil kein Buffet sie mit Zuckerreizen überflutete, schlang ich. Manchmal schlinge ich sogar, wenn ich alleine bin. Folglich: großes Touché.
Als die Frau erneut das Wort ergreifen wollte, setzte ich lieber an und fragte sie: „Und, wie war das damals mit Ihren Kindern? Kamen Sie da zur Ruhe?“ Mehr um von mir als Mutter abzulenken, als um sich noch näherzukommen. Sie überlegte, überlegte gründlich. Ein Schleier legte sich über ihr Gesicht, und sie sprach lange darüber, wie ihr zweites Kind anderthalb Jahre durchgeschrien habe, nicht ihr mitgereister Sohn, nein, der nicht, die Tochter. Sie hörte gar nicht mehr auf zu reden, und ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, im Urlaub neue Leute kennenzulernen.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
Mit einer Umarmung verabschiedete unsere Autorin ihre Tochter vor vier Jahren. Damals ahnte sie nicht, dass eine jahrelange Funkstille folgen würde – die bis heute anhält.
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