SZ 07.09.2026
14:22 Uhr

(+) Gillamoos 2026: „Die Welt geht nicht unter, auch nicht wegen gestern“


Auf dem politischen Gillamoos in Niederbayern dominiert der AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt. Zumindest bei den meisten.

(+) Gillamoos 2026: „Die Welt geht nicht unter, auch nicht wegen gestern“

Es ist der Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt und Katrin Ebner-Steiner, die Fraktionschefin der AfD im bayerischen Landtag, stellt den Erfolg ihrer Partei gleich mal in eine Reihe mit dem Mauerfall in Berlin. Die CDU sei am Sonntag „zermalmt“ worden, aber: „Wir wollen nicht nur Sachsen-Anhalt, wir wollen den ganzen Kuchen.“ Bei der CSU – laut Umfragen in Bayern doppelt so stark wie die AfD – sieht man das ganz anders. Der politische Frühschoppen am Gillamoos im niederbayerischen Abensberg ist jedes Jahr ein Schlagabtausch mit prominenten Rednern. Diesmal dominierte natürlich das Thema Sachsen-Anhalt. Von einem „Epochenbruch“ hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bereits am Morgen in einem Interview gesprochen. Der Bierzelt-Vormittag in der Nachlese.

Wie die CSU und Markus Söder mit dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt umgehen? Den wohl aussagekräftigsten Satz dazu bringt der Parteichef am Ende seiner Rede: „Die Welt geht nicht unter, auch nicht wegen gestern.“ Im voll besetzten Hofbräu-Zelt auf dem Gillamoos ist die Stimmung jedenfalls prächtig. Weizenkönigin, Hopfenkönigin und Spargelkönigin sind hier, die CSU stellt alles ins Schaufenster, was sie an Bayern-Inventar aufzubieten hat. Man weiß schließlich, wer man ist: eine nach wie vor stabile Volkspartei.

Bühnenmusik für Söder: „Hero“ von Bonnie Tyler. Held also. Söder sagt auch gleich: „Hier ist die Nummer eins der Politik.“ Er meint aber sicher seine Partei, nicht seine Person. Bei der AfD sei man „besoffen“ vom Ergebnis in Sachsen-Anhalt, man wolle Bayern übernehmen, höre er von drüben von der AfD-Veranstaltung. „Ich werde Bayern nicht der AfD überlassen.“

Zugleich sei der Wahlabend, sagt Söder, ein „wuchtiges Votum“, eine „Anti-Wahl“ als „größtmöglicher Denkzettel, auch gegenüber Berlin“. Er halte jede Kooperation mit der AfD für falsch, aber auch die dauernde Betonung der Bandmauer. Vielmehr man müsse mit guter Politik dagegen halten: „Die AfD hat kein Konzept, uns aus Krisen zu führen. Am Ende steht das Land schlechter und ruinierter da als je zuvor.“ Bei der AfD stecke Hass hinter allem, was sie sage. Söder warnt indirekt vor Konstrukten in Sachsen-Anhalt, sieht erst mal die AfD am Zug: „Demokratie muss man ernst nehmen, selbst wenn sie einem nicht gefällt.“

Wie reagiert Bayerns Polit-Prominenz auf den AfD-Erfolg? CSU-Chef Markus Söder gibt den Landesvater, Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kritisiert „die Medien“ und erwähnt die AfD kein einziges Mal. Die feiert ihren Erfolg frenetisch.

Seine Rede wird zum Themen-Rundumschlag, viel kommt der ländliche Raum vor, aber auch Söders Hightech-Agenda in Bayern. Dafür sei er anfangs verlacht worden und Ziel von Witzen gewesen. „Heute sind wir die erfolgreichste Technologieregion in Europa.“ Oder anders: „Da sind wir geil unterwegs.“ In Bayern geschehe das alles in Kombination mit Tradition, Laptop und Lederhosen. Was auffällt: alles sachlich, ein paar Gags, aber keine billigen Sprüche etwa auf Kosten der Grünen. Söder gibt den Landesvater.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sagt über die AfD: „Wir überlassen den Pessimisten nicht die Bühne, es braucht in diesem Land Optimismus.“ Und zur „Migrationswende“, die auch von ihm vorangetrieben wurde: „Es ist nichts rechtswidrig daran, wenn man sein Land vor Überforderung schützt.“ Die CSU wirkt am Tag nach Sachsen-Anhalt, trotz allem, ziemlich mit sich im Reinen.

Das Gefühl, zu den Gewinnern zu gehören, zieht die Menschen bereits früh auf die Schlosswiese. Noch eine Stunde, bis es losgeht, die Bierbänke sind besetzt. Der DJ trägt ein blaues T-Shirt, „Krankgeschrieben bis Ende Merz“ steht drauf. Aus den Lautsprechern ballert die Stimme des Rappers Kavalier, Neonazi-Musik: „Deutschland, bereit für den Aufstand.“ Nächstes Lied, nächster Refrain: „Zeigt eure Fahnen, wie ein freier Germane.“ Das ist die Tonspur bei der AfD.

Die erste Rednerin, Landtagsfraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner, stimmt direkt mit ein, also rhetorisch. Sie fantasiert darüber, deutsche Regierungsmitglieder samt Familien nach Ceuta auszufliegen, die spanische Exklave in Nordafrika. Dort könne CSU-Chef Söder dann bloggen und zeigen, „wie seine Töchter mit einer Meute afrikanischer Macheten-Männer in den Sonnenuntergang tanzen“.

Drei Redebeiträge später betritt Beatrix von Storch die Bühne, mit großer Deutschlandfahne. Die Fraktionsvize im Bundestag ist die prominenteste Gillamoos-Rednerin bei der AfD. Sie erzählt von ihren Talkshow-Auftritten am Wahlabend: „Es hat schon Spaß gemacht, die langen Gesichter zu sehen.“ Wenn die Regierungsparteien nun nicht anfingen, mit der AfD zu reden, sagt Storch, „dann schaufeln die sich alle ihr eigenes Grab, Bundeskanzler Merz vorne dran“. Auch in Bayern „färben sich die Wahlkreise langsam blau“. Sie schickt dann noch eine Botschaft auf die Festwiese, in die Zelte der anderen Parteien: „Wir wickeln euch alle gemeinsam ab.“ Das Publikum klatscht Beifall.

Gegen Ende spricht AfD-Landeschef Stephan Protschka. Sachsen-Anhalt werde „einen Domino-Effekt“ zur Folge haben, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, wo die nächsten Landtagswahlen stattfinden. Auch Ministerpräsident Söder werde die AfD dorthin „zurückschicken, wo er hergekommen ist“, dann „kann er sich verkriechen“. Die CDU gehöre „auf den Misthaufen der Geschichte“, sagt Protschka. Die AfD müsse nun endlich „aufräumen in Deutschland“.

Wer in den Weißbierstadl geht, will Hubert Aiwanger erleben. Der Chef der Freien Wähler und stellvertretende Ministerpräsident kann ein Bierzelt rhetorisch anzünden. Angesichts dessen schlagen sich seine Vorredner wacker, vor allem Georg Probst, Vorsitzender der Jugendorganisation der Freien Wähler, erhält Applaus. Rente, Führerschein, Kitaplätze – alles schwierig, findet Probst. Die Jungen wollten arbeiten und gute Eltern sein, stattdessen regiere Kanzler Merz mit „Arroganz“. Und mit Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt: „Wenn dir deine Freundin immer wieder fremdgeht, suchst du dir eine neue Freundin.“ Da müssten sich die „Altparteien“ über das „blaue Erwachen“ nicht wundern.

Dann ist Aiwanger dran. Die AfD erwähnt er kein einziges Mal, nur indirekt ist von Parteien ganz links und rechts die Rede. Dafür fällt umso öfter der Name des CSU-Europa-Politikers Manfred Weber, und zwar immer, wenn es um EU-Vorgaben geht. Die neue Verpackungsrichtlinie hält Aiwanger für wirtschaftsfeindlich, zumindest für die heimische Wirtschaft: „Habt ihr einen Werkvertrag mit den Chinesen?“, ätzt er. „Da reicht Dummheit nicht mehr als Erklärung“, man müsse „diese Versager in Brüssel“ stoppen.

Aiwanger streift viele Themen. Den Fischotter würde er gerne „ins Visier“ nehmen und jungen Menschen den Wert von gesunder Ernährung vermitteln. Bei Begriffen wie Spitzensteuersatz, Haselmausgutachten und Ost-West-Konflikt schauen manche im Publikum so, als dächten sie schon ans Mittagessen. Ausführlicher spricht Aiwanger über die Zuwanderung: Man brauche sich nicht zu wundern, dass die Stimmung kippe, wenn eine „nennenswerte Minderheit“ ihr Gastrecht in Deutschland missbrauche. Die gezielte Zuwanderung von Fachkräften sei „okay“, aber: Statt den „letzten Busfahrer aus Ostasien“ abzuwerben, müsse man auch überlegen, wie sich die „angeblichen Lücken“ beim Personal mit moderner Technologie füllen ließen. Der Applaus am Ende ist nicht frenetisch, aber laut, „Hubert!“-Rufe inklusive.

Auch dieses Jahr treffen sich die Grünen traditionell im Weinzelt. Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze beginnt bei ihrer Ansprache ernst. Es geht am Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt zuerst um das Ergebnis des „hohen blauen Balkens“. Ihre Partei stünde bei denjenigen, die jetzt in Sachsen-Anhalt Sorge um die Zukunft haben. Und sie stellt eine klare Forderung: „Ein AfD-Verbotsverfahren muss endlich kommen.“ Sachsen-Anhalt solle ein Weckruf sein, man müsse jetzt die Demokratie verteidigen.

Auch wettert sie gegen Ministerpräsident Söder. Er poste Freibadselfies und gebe Tipps zur Abkühlung. „Danke Markus!“ Das sei fast so, als ob man sage: „Bei Dürre einfach gießen.“ Und das, während es in Bayern Tausende Hitzetote und Missernten gebe. Dafür findet Schulze deutliche Worte. Als „Wegducken mit Sonnenbrille“, empfindet sie das. Eva Lettenbauer, Landesvorsitzende der bayerischen Grünen, sieht das ähnlich. Auch sie unterstützt ein AfD-Verbotsverfahren.

Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag, versteht die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, aber: „Wenn in einem Bierzelt das Bier nicht schmeckt, dann geht man doch nicht aufs Klo und trinkt aus der Kloschüssel“, lautet sein Vergleich. Bundeskanzler Merz habe eine „eine spezielle Art von Selbstbewusstsein“, dass er denke, er könne Kanzler sein.

Doch es bleibt bei den Grünen nicht ausschließlich bei diesem Ton. In diesem Jahr feiern die Grünen 40 Jahre Landtagsfraktion, erinnert Schulze. Man solle einen „positiven Spirit“ fördern, sagt sie. „Verzicht allein ist keine Lösung.“ Als Hofreiter ankündigt, dass die Grünen nach der nächsten Landtagswahl in Bayern die Ministerpräsidentin stellen wollen, tobt das Publikum. Söder habe ja schon beim letzten Mal „die Hosen voll“ gehabt und deshalb weiterhin auf die Altersgrenze von 40 Jahren für Ministerpräsidenten gepocht.

„Für Hubertus“, steht auf dem Lebkuchenherz, das sich der ehemalige SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil vor der Holledauer Festhalle lächelnd umhängt. Das ist aber erst mal alles an politischer Selbstüberhöhung für diesen Tag: Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gibt sich die Partei selbstkritisch. „Die CDU hat gestern ein desaströses Ergebnis erzielt, aber auch wir können uns nicht freuen“, meint Heil zur Wahl in Sachsen-Anhalt „Uns darf das nicht reichen, das ist zu wenig!“ Großer Applaus unter den Genossen, die Analyse scheint geteilt zu werden. Ein Grund für die Unzufriedenheit: Der Vorschlag zur Rentenreform, der im Bund auch von seinen Kollegen vorangetrieben wurde. „Das ist nicht gerecht, das dürfen wir nicht zulassen“, ruft Heil in den Saal. Wieder Applaus.

Die SPD müsse sich den Ruf der Partei der kleinen Leute von der AfD zurückholen. „Nostalgie wird keine Wohnung bauen, Schimpfen bringt nicht den nächsten Bus und kein Tiktok-Video bezahlt unsere Pflegekräfte“, ruft Heil. Der Kampf gegen die AfD sei eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre – „im Zweifelsfall auch mit einem Verbotsverfahren“. Und die Rolle der SPD? „Aus einem verzagten Hintern kommt kein fröhlicher Furz“, zitiert Heil frei nach Martin Luther. Die SPD müsse nach dieser Wahl sichtbar und spürbar zeigen: „Nicht Herkunft zählt, sondern Leistung.“

An die AfD-Anhänger nebenan richtet der Abensberger SPD-Ortsvorsitzende Thomas Schug klare Worte. „Zu denen, die drüben im Schlossgarten stehen und besoffen von ihren rechtsextremen Parolen sind“, ruft Schug: „Wir müssen aushalten, dass sie heute an einem unserer schönsten Plätze stehen – aber akzeptieren werden wir das nie!“ Auch Bayerns SPD-Vorsitzende Ronja Endres wirkt erschüttert über den Wahlerfolg der AfD: „Das ist eine politische Zäsur.“ Dann geht sie auf CSU-Chef Markus Söder los: „Früher Foodtrend-Söder, jetzt plötzlich gibt es das Modell: ‚Serious Söder‘.“ Wenn selbst Markus Söder auf Souveränität umsteige, sei klar: „Die Lage ist ernst.“

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