(SZ) Vor der Küste liegt seit einer Woche ein Wal und lehrt die Deutschen, dass es Wesen auf dieser Welt gibt, die größer sind als sie selbst und ihre Aufgeregtheiten. Der Wal heißt offenbar Timmy und strandet alle Augenblicke auf einer deutschen Sandbank. Jedes Mal ist die Bild-Zeitung vor Ort und erklärt der Welt, in welcher Stimmung sich der Wal gerade befindet. Der Wal hat nicht nur das ganze Wasser um sich herum verdrängt, sondern auch alle deutschen Wallungswertigkeiten von Merz über Klingbeil, fast sogar die von Heino bis Fernandes. Man muss kein Augur sein, um zu verstehen, dass der Wal als Bote einer anderen Wahrheit zu uns gekommen ist. Wir stellen dem Wal Fragen, die wir uns täglich selber stellen müssten. Wie lange willst du bleiben? Wie viel wiegst du? Was machst du am Timmendorfer Strand? Der Wal antwortet mit einem kleinen Wasserstrahl, den er aus dem Kopf in die Luft aufsteigen lässt, dann schwimmt er nach Wismar, wo er erneut strandet. Der Wal kommt einfach nicht vorwärts, und, was sollen wir sagen, wir doch auch nicht. Seit einer kleinen Ewigkeit dreht sich unser tonnenschweres Gemüt um dieselben Fragen: Warum leben wir zur gleichen Zeit wie Donald Trump und Wladimir Putin? Warum ist Tino Chrupalla nicht Eisverkäufer geworden, und weshalb gehen die Tausenden Menschen in Berlin, Hamburg und München nicht dafür auf die Straße, dass Tino Chrupalla Eisverkäufer werden muss?
