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18.03.2026
12:41 Uhr
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Leverkusens Scheitern in der Champions League hat beim 0:2 in London auch mit manch verrutschtem Pass zu tun. Dafür macht Torwart Blaswich auf sich aufmerksam – und zwingt seinen Trainer nun zu einer Entscheidung.

Der TV-Reporter stimmte, und das nicht zu Unrecht, eine Eloge auf seinen Gesprächspartner an. Ein wirklich „fantastisches Spiel“ habe er hingelegt, lobte er Janis Blaswich, doch Bayer Leverkusens Torwart war nicht in der Stimmung für persönliche Komplimente. Blaswich sagte lieber ein paar schnell vergängliche Flash-Interview-Halbsätze auf, bevor er auf die Teamleistung zu sprechen kam. Die Mannschaft dürfe „erhobenen Hauptes“ das Stadion verlassen, wiederholte er eine zuvor schon benutzte Formulierung. Trotz der glasklaren 0:2-Niederlage beim FC Arsenal, die das Ende der Champions-League-Saison für Bayer Leverkusen bedeutet.
Nach der klassischen Lehre und Redensart des Fußballs kann ein Außenseiter beim Favoriten in der K.-o.-Runde auf dreierlei Arten scheitern: Sang- und klanglos, mit fliegenden Fahnen oder erhobenen Hauptes. Auf Bayer 04 trafen alle Kategorien ein bisschen zu.
Leverkusens Alejandro Grimaldo ist einer der gefürchtetsten Freistoßschützen der Welt. Er erklärt seine Schusstechnik, welche Rolle Mauer und Torwart spielen, was er sich von Cristiano Ronaldo abgeschaut hat – und er äußert einen kuriosen Verdacht.
Die überlegene fußballerische Klasse des FC Arsenal war während der gesamten 94 Minuten wenn nicht sicht- dann merkbar. Zugleich hatten auch die Leverkusener ihre gelungenen spielerischen Momente, bis zum Schlusspfiff hörten sie nicht auf, sich immer wieder an den gegnerischen Strafraum zu kombinieren. Allerdings entstand sowohl beim Betrachter als auch bei den beteiligten Spielern der Eindruck, dass die Partie in Wahrheit seit mindestens einer halben Stunde, spätestens seit Declan Rice’ Treffer zum 2:0 (63. Minute), entschieden und erledigt war. Kein Bayer-Profi sank nach dem Schlusspfiff trauernd und tief getroffen auf den Rasen. Der Rauswurf wurde ernüchtert zur Kenntnis genommen. „Heute hat uns der Sahnetag gefehlt, den wir gegen Arsenal einfach gebraucht hätten“, sagte Blaswich.
Für das Ausbleiben von Europapokal-Dramatik war vor allem der Gastgeber verantwortlich, der das zweckgerichtete, emotionslose Spiel zu seinem Hauptprogramm erhoben hat. Arsenal steigert ökonomisch den Saisonertrag. Nach einer Startphase, in der die Leverkusener wie beim 1:1 im Hinspiel gefällig den Ball hatten zirkulieren lassen, nahm der Tabellenführer der Premier League die Partie in Besitz. Bayer geriet dauerhaft in die Defensive und musste sich einer Serie von Freistößen und Eckbällen erwehren, sogenannter Dead-Ball-Situationen, um die sich die Sonderbeauftragten Bukayo Saka und Rice kümmerten.
Arsenals bevorzugtes und gefürchtetes wie inzwischen auch unpopuläres Stilmittel führte am Dienstagabend zwar nicht unmittelbar zum Erfolg, sorgte aber bei den Leverkusenern für ein ständig hohes Stress-Level und eine steigende Quote verlorener Bälle. Man habe „zu viele Fehler im Aufbauspiel gemacht“, registrierte Trainer Kasper Hjulmand. Selbst den Strategen Aleix García und Exequiel Palacios, im Hinspiel die präzise arbeitenden Vertriebsstellen im Leverkusener Kreislaufsystem, verrutschten die Pässe. Alejandro Grimaldo, im Ballbesitz üblicherweise ebenfalls eine zentrale und verlässliche Instanz, ließ erkennen, dass ihm eine Fußballpause von zirka drei Monaten guttäte. Seine Tankanzeige ist am Boden der Reserve angekommen.
Das Problem für die Londoner hieß Blaswich. Dessen 17. Pflichtspiel für Bayer Leverkusen war sicherlich sein bestes. Gegen Eberechi Ezes unerhörten Böllerschuss in der 36. Minute konnte zwar auch er nichts unternehmen, gegen das 2:0 von Rice schon gar nicht. Aber bei einigen seiner tatsächlich fantastischen Paraden drängte sich die Frage auf, ob die Leverkusener Einkaufsabteilung im vorigen Sommer möglicherweise die Reihenfolge verwechselt hatte: Ob nicht Blaswich, 34, ablösefrei aus Leipzig gekommen, mit der Nummer Eins hätte ausgestattet werden müssen, anstelle des für zehn Millionen Euro aus Brighton geholten Mark Flekken, 32. Dieser hatte sich im Januar eine Knieverletzung zugezogen, ein Torwartproblem hat Bayer seitdem aber nicht verspürt.
Arsenals Problem ist nun Hjulmands Problem. Was tun mit Blaswich? Flekken ist in den Dienst zurückgekehrt, seit einer Woche trainiert er wieder. Der Bayer-Trainer muss sich entscheiden, wen er künftig ins Tor stellt. Flekken hatte im ersten Teil der Saison nicht immer den besten Eindruck hinterlassen, immer wieder unterliefen ihm schmerzhaft anzuschauende Fehler. An seinem Rang als Reservekeeper der niederländischen Nationalelf änderte das erst mal nichts. Aber ob er auch als Bayer-Reservist zur WM fahren darf? Hjulmand äußerte zu dem Thema in London keine Festlegung: „Wir haben mit Mark einen Top-Torwart, der wieder bereit ist“, berichtete er: „Es wird eine sehr schwierige Entscheidung, aber das ist gut für unsere Mannschaft. In den nächsten Tagen werden wir eine Entscheidung treffen.“ Eine Garantieerklärung für den planmäßigen Amtsinhaber enthält die Botschaft des Trainers nicht.
Dass die Europacup-Saison vorbei ist, wird in Leverkusen pflichtgemäß bedauert. Zugleich sieht man den Vorteil, dass sich die zuletzt stark strapazierte Mannschaft jetzt dem Finale der Liga-Saison widmen kann, in dem Bayer einen Fünf-Punkte-Rückstand auf den nächst erreichbaren Champions-League-Rang aufholen muss. In der Weltstadt London richtete Keeper Blaswich daher den Blick auf die nicht ganz so große Weltstadt, wohin die nächste Reise führt: „Heidenheim ist jetzt ganz, ganz wichtig am Wochenende“, sagte er. Eine Prognose, für die es nicht viel Mut erfordert: Auch beim Punktspiel auf der Ostalb wird Blaswich im Tor stehen, nach dem Auftritt in London wird ihn der Trainer wohl kaum auf die Bank setzen.
Arsenal spielt so stark wie lange nicht. Vor dem Rückspiel gegen Leverkusen analysiert der frühere Londoner Shkodran Mustafi die Qualitäten, spricht über die Bedeutung der Eckbälle – und die traditionelle Nervosität.
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