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05.05.2026
17:03 Uhr
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Als Chanel seinen neuen Schuh ohne Sohle vorstellt, ist der Hohn im Netz vorprogrammiert. Dabei ist die Botschaft klar: Wer barfuß laufen kann, hat sich endgültig vom Rest der arbeitenden Menschheit abgekapselt.

Hier muss man ordentlich Fersengeld zahlen: Ein Model zeigt den neuen Chanel-Schuh bei einer Show in Biarritz. Marc Piasecki/Getty Images
Wenn Mode die Verpflichtung hätte, praktisch zu sein, wäre sie sterbenslangweilig. Es war also letzte Woche wie immer peinlich, als der Mainstream sich wieder lustig machte, diesmal über eine Schuhidee vom neuen Chanel-Designer Matthieu Blazy. Ein Modell ohne Sohle, wie blöd ist das bitte? So der stark paraphrasierte Tenor in den sozialen Medien. Natürlich ist die um die zarten Fesseln gebundene Fersendeko ein cleverer Reichweitengenerator, denn auf die digitale Empörung der Massen ist in Sachen Markenstärkung Verlass. Aber Slop, also Müll, ist er nicht. Denn er ist auch eine Ode ans Barfußlaufen. Die sogenannte Croisière-Kollektion zeigte Chanel im verblasst-mondänen Küstenort Biarritz, wo Coco ihr erstes Geschäft eröffnete – und Barfußlaufen ist das Stichwort. Denn das verbindet man heute nicht mehr mit straßendreckigen Schluffifüßen, sondern mit der Leichtigkeit des Seins, vorzugsweise im heiligen Urlaub. Aber nicht nur!
Schwere Stiefel, Stahlkappen, aufgeblasene Turnschuhe? Tragen eigentlich nur noch Schlachter, Maurer und Ärzte, also Leute mit echten Berufen. Alle anderen mit Bullshit-Jobs und Angst vor der sie auffressenden künstlichen Intelligenz nehmen Teil an der großen Verflüchtigung des Alltäglichsten, also dem Turnschuh. Seit das am laufenden Band Hypes produzierende Label Miu Miu zusammen mit New Balance 2022 einen schmalen, zarten Sneaker auf den Markt brachte und mühelos für einen sehr hohen dreistelligen Betrag losbekam, übertrumpfen sich die Sportmarken mit immer flacheren, schmaleren, leichteren Modellen. Und nicht nur das, sie kramen ständig neue alte Varianten aus ihren Archiven hervor. So kam es bei Adidas zur Ablösung des Samba durch den SL72 (schmal), gefolgt vom Tokyo (noch schmaler) und dem Japan-Modell (kaum noch vorhanden). Bei Nike kann man es gerade kaum glauben, dass ihr neu aufgelegter allererster Running-Schuh, der sich nach Ballettschlappe anfühlende Moon-Sneaker, es dank einer Kollaboration mit dem Pariser Designer Jacquemus zu neuem Kultstatus gebracht hat. Den spürt man gewichtstechnisch gar nicht mehr – so wie auch Harry Styles seine Turnschläppchen-dünnen Loafer gleich weglassen könnte.
Das Thema Menopause hat in Popkultur und gesellschaftlicher Debatte eine steile Karriere gemacht. Auf die neue Offenheit scheint nun aber die Pathologisierung zu folgen: Altern ja, aber bitte ohne jedes Symptom.
Einer der meistdiskutierten Modetrends des letzten Jahres – zugegeben Nische, aber immerhin in London und New York – war schließlich der Five-Finger-Shoe des Reifensohlenspezialisten Vibram. Einerseits bei all der visuellen Langeweile willkommener Ugly Chic, andererseits ein jeden Zeh einzeln umarmender Handschuh für die Füße, mit Profil und dem Versprechen, sich von nun an völlig frei und wieder wie ein Mensch zu bewegen. Ein Yoga-Retreat für den Ballen. Das Ende der steinharten Birkenstock-Hornhaut an der Ferse. Die Einladung, sich wieder wie in guten alten Zeiten an Lianen von Baum zu Baum zu schwingen.
Neu ist diese Glorifizierung der Barfüßigkeit nicht. Schon die zerfallenden Schuhe auf dem wochenlangen Gefangenenmarsch des Helden Pierre Besuchow in Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ sind ja das Symbol für eine privilegierte Rückbesinnung darauf, dass persönliche Freiheit in der Einfachheit liegt. Man braucht so wenig. Irgendwann kommt Pierre der Gedanke, dass die feinen Tanzschuhe seines früheren Lebens ihm die gleichen Schmerzen bereitet haben wie nun, als Gefangener, die Wunden an seinen nackten Füßen.
Aber all diese spirituellen Schuh-, Fuß-, ja, Fortbewegungssorgen sind in modernen Zeiten auch schon wieder absolut middle class. Die Mittelklasse, das sind die Leute, die sich früher ab und zu mal ein Paar Prada-Schuhe oder eine Cartier-Uhr leisteten und somit einen wertvollen Beitrag zu den Umsätzen der Luxus-Konzerne. Es waren viele. Nun ist die Luxus-Branche in der Krise, weil die Umsätze stocken bis zurückgehen. Was auch daran liegen könnte, dass die gehobene Mittelklasse sich zusammen mit ihren Turnschuhen verflüchtigt und die gierigen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre nicht mehr mitmachen kann. Eine Chanel-Tasche, die 2019 noch wahnsinnige 5700 Euro kostete, liegt nun bei galaktischen 11 000 Euro.
Blazys Fersenschuh, der den Rest des Fußes nackt arbeiten lässt wie einst Robert Altman die Models einer bahnbrechenden Fashion-Show in seiner Fashion-Satire „Prèt-à-Porter“, muss man also nicht nur als hübschere Vollendung der Barfuß-Idee lesen, sondern vor allem als endgültige Abkapselung der Superreichen vom Rest der Menschheit. So reich, dass man sogar fürs Barfußlaufen sehr viel Spielgeld ausgeben kann. Während sich Five-Finger-Avantgardisten in den Großstädten dieser Welt dem Privileg des Barfußlaufens zwar schon bewusst sind, aber noch den Schutz vor Ratten, Kakerlaken, Erbrochenem und sonstigen Feinden zwischen U-Bahn und Arbeitsplatz suchen, hüpft die Trägerin des irgendwie ja auch göttinneninspirierten Chanel-Fersengolds entweder aus ihrem Helikopter direkt in persilweißen Sand auf der Privatinsel. Oder sie ist eine Influencerin, die ohnehin nur in digitalen Kopien dieses Lebens auf dem Olymp existiert.
So oder so, es ist das Ende der Bodenhaftung in der echten Welt. Für die Sterblichen ändert sich nichts.
Mit Namen soll man keinen Spott treiben? Aber warum eigentlich nicht? Manche haben es doch verdient. Folge acht von „Heidenreichs Fundstücken“.
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