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26.04.2026
16:41 Uhr
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Am Ende überschattete die FC-Bayern-Affäre seine Amtszeit, dabei hatte der Oberbürgermeister viele Rollen inne – vom sozialen Demokraten bis zum Bauherrn. Vor allem dürfte in Erinnerung bleiben, wie er die vielen Krisen und Bedrohungen meisterte.

Dieter Reiters Zeit an der Spitze der Stadt endet nach zwölf Jahren so, wie sie begonnen hat – mit einer Stichwahl. Nach der Affäre um nicht genehmigte Nebentätigkeiten beim FC Bayern München hatte sich die Stimmung gedreht. Der ursprünglich klar favorisierte SPD-Oberbürgermeister kam in der entscheidenden Abstimmung am 22. März nur auf 43,6 Prozent der Stimmen und unterlag damit seinem Kontrahenten Dominik Krause von den Grünen. An diesem Donnerstag endet die Amtszeit Reiters offiziell.
Mit einer Stichwahl hatte er das Amt des Oberbürgermeisters auch erobert. Nach dem Rückzug seines Parteikollegen Christian Ude setzte er sich am 30. März 2014 mit 56,7 Prozent der Stimmen gegen Josef Schmid (CSU) durch.
Davor hatte der heute 67 Jahre alte Reiter als ausgebildeter Verwaltungswirt Karriere bei der Stadt München gemacht und es bis zum Wirtschaftsreferenten gebracht.
Am 1. Mai 2014 wurde Reiter Oberbürgermeister und führte sechs Jahre eine Koalition aus CSU und SPD an. Bei der Kommunalwahl 2020 gewann er die Stichwahl gegen Kristina Frank (CSU). Doch die Koalition wechselte: Ein Bündnis aus Grünen, Rosa Liste, Volt und SPD bestimmte unter Reiter die Geschicke der Stadt.
Zuletzt hatte der Oberbürgermeister nur noch versucht, sich in die dritte Amtszeit zu retten. Er war letztlich erfolglos als Kämpfer in eigener Sache unterwegs, um die alles dominierende Affäre um seine Ämter beim Fußballverein in den Griff zu bekommen. Die SZ blickt zurück, welche Rollen er zuvor als Oberbürgermeister ausfüllte und was nach zwölf Jahren als Stadtchef bleibt.
Schon im ersten Jahr bekam Reiter als frisch gewählter Oberbürgermeister einen Eindruck, welche Eigenschaften in den kommenden zwölf Jahren besonders gefordert sein würden. Ruhe bewahren; sich um Menschen kümmern, die unter enormem Stress und Druck stehen; spontane Lösungen für Probleme finden, die man vorher nicht gekannt hat.
Im Oktober 2014 schloss er die überfüllte Flüchtlingsunterkunft in der Bayernkaserne wegen der unwürdigen Zustände – obwohl er das formal gar nicht durfte, weil das Quartier vom Freistaat Bayern betrieben wurde. Damals machte sich Reiter einen Namen als Krisenmanager; sein entschlossenes Handeln in der Sache wird ihm bis heute hoch angerechnet.
Nach der Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge kamen im Spätsommer 2015 Zehntausende in München an, vor allem am Hauptbahnhof. Die Münchnerinnen und Münchner jubelten ihnen zu, viele leisteten Hilfe.
Zehntausende Geflüchtete kamen im Herbst 2015 am Hauptbahnhof an, Hunderte Münchner empfingen sie herzlich. Und zehn Jahre später? Haben sich manche Träume erfüllt – aber längst nicht für alle.
Aber natürlich musste die Stadt einen großen Teil davon leisten. Und Oberbürgermeister Reiter wurde zu einem der politischen Gesichter der Willkommenskultur.
Es folgten viele weitere Krisen und Bedrohungslagen, die die Ära Reiter prägten. Der rechtsradikale Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum, die Corona-Pandemie, die Folgen des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine, der Anschlag auf das NS-Dokuzentrum, der Anschlag auf eine Verdi-Demonstration. In solch brenzligen Situationen bewährte sich der Oberbürgermeister, als Verwaltungsexperte fand er Lösungen, für Betroffene den richtigen Ton. Pauschale Konzepte lassen sich daraus für die Zukunft nicht ableiten, aber eine Erkenntnis bleibt, die auch Reiter stets betont hat: In der Not steht die Stadt zusammen.
Nicht viele Menschen in Deutschland können von sich sagen, dass sie in zwölf Jahren locker zehn Milliarden Euro für Neubauten ausgegeben haben. Reiter als Münchens oberster Bauherr kann das. Im Jahr 2014 startete er mit dem Stadtrat ein Programm zum Bau und zur Sanierung von Schulen für allein etwa neun Milliarden Euro. Mehr als 100 Bauprojekte sind genehmigt, viele schon fertig. Vielleicht das größte Prunkstück wurde im April 2025 eingeweiht: das 128 Millionen Euro teure Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in Bogenhausen.
Und was waren das noch für Glanzstücke, die der OB davor im Oktober 2021 eröffnen durfte: zuerst ein Interim für das Kulturzentrum Gasteig, das HP8. Danach das neue Volkstheater.
Doch die Euphorie beim Bauen ist längst verflogen. Es geht zunehmend langsamer voran, teilweise herrscht Stillstand, weil die Preise gestiegen sind und das Geld für Investitionen fehlt. Schon lange baut München massiv auf Pump, mehr als sieben Milliarden Euro Schulden haben sich bereits angehäuft.
Am Ende der Amtszeit sind die Neubauzahlen von Wohnungen dramatisch eingebrochen. Die Stadt überzog bei den Regeln der Sozialgerechten Bodennutzung (Sobon), die Investoren verpflichtet, auch sozial geförderte und preisgedämpfte Wohnungen zu bauen. Die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM), mit der die Stadt unter OB Reiter im Norden und Nordosten neue Viertel bauen wollte, kommt nicht voran. Reiter wollte sie am Ende sogar abschaffen.
Das Bauen wieder in Gang zu bringen, um mit mehr Wohnungen die Mietenexplosion wenigstens zu dämpfen, wird die große Aufgabe der neuen Stadtregierung sein. Die Sobon muss neu justiert werden.
Bei seiner ersten Wahl 2014 galt Dieter Reiter noch als etwas blasser Bürokrat, entpuppte sich dann aber als lockerer Typ mit einem ausgeprägten Instinkt, der mit den verschiedensten Menschen mühelos auf Augenhöhe ins Gespräch kam. Vor allem in seiner zweiten Amtszeit trat jedoch eine andere Eigenschaft immer mehr in den Vordergrund: der Grant.
Im Stadtrat waren seine Kommentare nun öfter mal nicht mehr humorvoll-ironisch wie früher, sondern eher bissig-sarkastisch. Kritik einstecken gehörte nicht zu seinen größten Stärken, dafür kritisierte er umso lieber. Seine Verwaltung zum Beispiel, der er als oberster Chef vorstand. Sie agierte ihm oft zu träge, zu langsam und zu unselbständig. Zuletzt bedauerte er immer wieder öffentlich, dass es ihm als Oberbürgermeister nicht möglich sei, seine Spitzenkräfte, also die Referentinnen und Referenten, auszutauschen.
Auch der Stadtrat kam oft nicht gut weg, mutlos fand Reiter ihn. Kritik an manchen Münchner Medien gehörte zuletzt fast zum Standardrepertoire bei öffentlichen Auftritten. Gern und oft auch aus gutem Grund rügte der OB auch den Freistaat und die Bundesregierung. Der Dieter-Reiter-Brief nach Berlin ist über die Jahre beinahe zu einem eigenen Genre geworden.
Mit der am Ende herrschenden Atmosphäre in der Stadtverwaltung und im Rathaus dürfte Reiter der nachfolgenden Stadtregierung den Start nicht besonders schwer machen: Die Stimmung kann vielerorts nur besser werden.
Als engagierte Münchner in Reiters erster Amtszeit 160 000 Unterschriften für breitere und sicherere Radwege sammelten, signalisierte Reiter ihnen seine Unterstützung. Der Stadtrat übernahm die Forderungen im Juli 2019 in vollem Umfang. In den folgenden Jahren entfaltete dieser anfängliche Aufbruch jedoch nur wenig Wirkung. Reiter selbst positionierte sich zunehmend gegen seiner Ansicht nach viel zu teure „Luxusradwege“.
Als Oberbürgermeister ließ er sich im Dienstwagen, seit Sommer 2023 mit Elektroantrieb, von seinem Chauffeur durch die Stadt fahren. Bei der Eröffnungsgala der Ausstellung Motorworld im Dezember 2022 sagte er: „Ich war und bin immer schon ein Autofan gewesen. Ich bin ein Autofreund.“ Am Ende seiner zweiten Amtszeit traf er die Entscheidung, das Parken auf Gehwegen in engen Straßen zu legalisieren, das zuvor nur geduldet gewesen war. Im Alleingang hob er die Tempo-30-Regel auf der Landshuter Allee auf, die wegen der schlechten Luft dort eingeführt worden war. Ein Gerichtsurteil verpflichtete die Stadt jedoch, die Schilder wieder aufzustellen.
Zum Autofreund Dieter Reiter passt, dass in seiner Amtszeit im Herbst 2021 die Automesse IAA von Frankfurt nach München zog und sich seitdem mit großem Erfolg in der Innenstadt präsentiert. Wenn der OB nicht mit dem Auto unterwegs war, galten seine Sympathien Bus, U-Bahn und Tram. In seine Amtszeit fallen entscheidende Beschlüsse zur Verlängerung der U5 (inzwischen auch im Bau), zum Bau eines Vorhaltebahnhofs für eine mögliche neue U9 und der Baubeginn der jahrzehntelang geplanten Tram-Westtangente – aber eben auch der Beschluss, einen neuen, drei Kilometer langen Auto-Tunnel im Münchner Norden weiterzuverfolgen.
Ein Verfechter einer Verkehrswende mit starkem Fokus auf den Radverkehr war Reiter nie. Im öffentlichen Nahverkehr hinterlässt er trotz Finanzierungsengpässen eine Basis, auf die die Mobilität der Zukunft aufbauen kann.
Die zwölf Jahre im Oberbürgermeister-Büro waren geprägt von Reiters Einsatz für das soziale München und auch für eine weltoffene, stabile Demokratie in der Stadt. Die eindeutige Positionierung gegen jede Form des Rechtsextremismus und des Antisemitismus durchzog die gesamte Amtszeit. Bei der CSD-Parade marschierte er regelmäßig vorne mit. (Würde man die Überschrift auf den Einsatz für seine eigene Partei beziehen, dürfte man auf eine deutlich niedrigere Intensität kommen.)
Die Bürger müssen sich die Stadt leisten können, das war sein Verständnis von Sozialpolitik. Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, profitieren vom München-Pass. Der Kälte- und Übernachtungsschutz für wohnungslose Menschen befindet sich im neuen Gebäude auf vorbildlichem Niveau. Die Kindergarten- und Kitagebühren sind für die meisten Münchner Familien bezahlbar.
Reiter übergibt eine weltoffene Stadtgesellschaft, die es zu bewahren gilt. Gerade in einem Umfeld in Europa und weltweit, in dem Liberalität immer weiter zurückgedrängt wird. Die hohen Münchner Sozialstandards dürften wegen der Finanzkrise in dieser Form nicht zu halten sein. Ein Umbau des Systems ist bereits begonnen, den wird die neue Stadtregierung zu einem guten Ende führen müssen.
Nach zwölf Jahren endet die Amtszeit von OB Dieter Reiter: Woran sich Markus Söder, Charlotte Knobloch, sein Nockherberg-Double und andere Wegbegleiter erinnern.
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