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23.04.2026
17:38 Uhr
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Der große amerikanische Dirigent Michael Tilson Thomas ist im Alter von 81 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Mit ihm am Pult stieg das Symphonieorchester San Francisco zur Weltspitze auf.

Wahrscheinlich würde man in Europa niemals von einem Symphonieorchester aus San Francisco gehört haben, so wenig wie vom Seattle Symphony Orchestra oder all jenen US-Orchestern, die nicht zu den Big Five aus Cleveland, Pittsburgh, Chicago, New York und Philadelphia stammen. Das San Francisco Symphony hatte zwar in Fachkreisen einen guten Ruf, am Pult standen seit seiner Gründung 1911 immerhin Größen wie Bruno Walter, Leopold Stokowski, George Szell, Pierre Monteux, Georg Solti, Josef Krips und Seiji Ozawa; dennoch strahlte das Spitzenensemble kaum über die USA hinaus. Die musikalische Qualität schwankte zudem über die Jahrzehnte erheblich. George Szell äußerte sich Anfang der 1960er Jahre entsetzt über die mangelnde Disziplin und beschimpfte den Musikkritiker der örtlichen Zeitung, das Orchester empfohlen zu haben.
Mit dem 1944 in Los Angeles geborenen Dirigenten Michael Tilson Thomas begann dann 1995 eine neue Ära. Zur wiedergewonnenen Disziplin und technischen Präzision gesellte sich so etwas wie ein klanglicher Fingerabdruck, ein individueller Charakter, der unmittelbar mit dem neuen Chefdirigenten zu tun hatte. Er hatte schon als Gastdirigent einen guten Draht zu den Musikern, die Kommunikation stimmte, und er weitete die Ausdrucksmöglichkeiten des Orchesters in den 25 Jahren seiner intensiven Arbeit enorm. Spätestens mit der Gesamtaufnahme der opulenten spätromantischen Symphonien von Gustav Mahler katapultierte er sich und sein Orchester in den Nullerjahren an die Weltspitze.
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Er zelebriert diesen großflächigen Sound nicht, verweigert oftmals den süffigen Tuttisound, setzt auf eine feingliedrige Dramatik ohne Knalleffekte, lässt die Symphonien aus einem emotionalen Urgrund heraus anwachsen und immer intensiver werden. Nicht unbedingt klangmassiger, entwickelt sie vielmehr in einer strengen Binnenlogik, kombiniert mit einer extremen Empfindlichkeit für Balancen. Selten hat man diese symphonieschen Schlachtschiffe so zerbrechlich empfunden und damit so sehr im Sinne des Komponisten.
Studiert hat Thomas an der University of Southern California, begleitete als junger Pianist historische Größen wie Gregor Piatigorsky und Jascha Heifetz, wirkte unter der sicherlich sehr strengen Aufsicht von Igor Strawinski an der Weltersteinspielung der vierhändigen Version für Klavier des „Sacre du printemps“ mit. Bereits 1966 kam er als Assistent nach Bayreuth, 1969 wurde er mit dem Koussevitzky-Preis in Tanglewood ausgezeichnet, aber seine Karriere begann eigentlich erst so richtig mit der Chefposition beim London Symphony Orchestra 1988, dem er bis 1995 vorstand, bevor er nach San Francisco wechselte.
Viermal wurde er für Aufnahmen mit dem San Francisco Symphony mit dem Grammy für das beste klassische Album ausgezeichnet - dreimal für Symphonien von Gustaf Mahler, einmal für Igor Strawinskys „Feuervogel“ und „Le sacre du printemps“. Drei weitere Grammys erhielt er für die beste Chormusikaufführung und das beste Klassik-Kompendium.
Vor drei Jahren wurde bei ihm ein Gehirntumor entdeckt. Am Mittwoch ist Michael Tilson Thomas im Alter von 81 Jahren an seiner Krankheit gestorben.
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