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24.04.2026
08:36 Uhr
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Wie ein altersgütiger Rabe, der den Menschen vom Dach herunter Mut zuspricht: Ex-„Beatle“ Ringo Starr hat auf seinem 23. Solo-Album eine eigene, ziemlich tolle Stimme gefunden.

Bei „I Don’t See Me In Your Eyes Anymore“ und „It’s Been Too Long“ kommen die Welten dann ja auch schon ein bisschen zusammen. Zwei Songs ist das Album „Long Long Road“ alt, als etwas, das ein Hackbrett sein könnte, eine Zither oder irgendwas Verwandtes aus diesem zirpenden, minimal ätherischen Klangspektrum ein winziges bisschen „Lucy In The Sky“-Lametta in den Kaktus hängt.
Um da also geschwind die Koordinaten noch mal zu nennen: Dieser Sir Richard Starkey trommelte und gelegenheits-sang unter seinem Fantasienamen Ringo Starr ein paar sehr intensive Jahre bei einer Band namens The Beatles. Rock’n’Roll-Standards erst, dann schrieben sie ein paar (also: eher ein paar hundert) der allerschönsten, bedeutendsten und prägendsten Songs der Pop-Geschichte. Wobei man dem Drummer mit den feuchttraurigen Welpenaugen oft eher die Rolle der Ulknudel zudachte. Sehr witzig in Interviews (stimmt). Stimmlich nach oben, unten und eher auch zu beiden Seiten hin etwas limitiert (stimmt schon auch). Und als Songwriter leuchtet neben Lennon/McCartney nun mal niemand besonders sonnenhell, aber mindestens als Charakter war er trotzdem absolut fantastisch.
Zwischendrin drifteten Band und Drummer sanft ins Esoterische (Indien, Sitar-Geflirr, LSD und so weiter), ohne dabei ganz ernsthaft peinlich zu werden. So gut waren sie. Zerstritten sich anschließend – über Geld, über Yoko, über die Kunst und worüber man sonst eben so streiten kann. Lösten sich auf. Starr schrieb in der Folge ein paar mitunter bezaubernde Songs, dann legte er sich für längere Zeit rundherum in Alkohol ein und würzte mit viel Kokain nach. Wurde wieder nüchtern. Und dem Augenschein nach mindestens mal sehr zufrieden. Veröffentlichte einen Schwung an Alben, die ebenfalls sehr zufrieden waren, aber nicht unbedingt zwingend. Dann ging er eines Tages auf eine Lesung.
Olivia Harrison, die Frau des 2001 verstorbenen Beatles-Gitarristen George, trug aus „Came the Lightning“ vor, Gedichte für ihren Mann. Etwa 50 Leute sollen dort gewesen sein, und einer davon war T Bone Burnett. Der Wahlkalifornier war eine Zeitlang Wegbegleiter unter anderem von Bob Dylan, ehe er sich als Produzent wüstenweiter Rock-, Blues- und Folkspielarten etablierte. Frage Ringo Starr: „Warum schreibst du nicht einen Song für mich?“ Antwort Burnett: ein Song im Stil des herausragenden Cowboyhut-Models namens Gene Autry, „weil ich Ringo immer als texanischen Künstler wahrgenommen habe – seine Spielweise klang für mich einfach wie texanische Musik“.
In der Folge schrieben die beiden das Country-Album „Look Up“, erschienen erst im Januar des vergangenen Jahres, atmosphärisch recht gelungen und stimmlich, nun ja, siehe oben. Und dann scheint noch mal etwas passiert zu sein. Auf „Long Long Road“, dem zweiten Country-Album, das die beiden jetzt veröffentlicht haben und das Starrs wohl tatsächlich 23. Solo-Album seit dem Ende der Beatles sein dürfte, klingt der Drummer plötzlich: ziemlich toll. Also, als Sänger.
Doch. Wirklich.
Das genannte „I Don't See Me In Your Eyes Anymore“: dunkelsüßer, leicht gesalzener Doo-Wop-Schmelz über schick ausgeleiertem Gitarren-Twäng. „You and I (Wave of Love)“: ein fein schwebendes, Slide-Gitarren-strahlendes, Streicher-wohliges Duett mit der Sängerin Molly Tuttle, bei dem Starr sich recht beeindruckend hält. „My Baby Don’t Want Nothing“: ein mit der Welt tiefenversöhntes Seufzen. „She’s Gone“: fast so etwas wie ein Flehen ans Universum.
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Und damit es da nun keine Missverständnisse gibt: Wenn Starr singt, ist das auch weiterhin keine Drahtseilnummer. Keine Aneignung oder gar Eroberung der Worte und Gefühle. Es ist eher ein Rezitieren und dabei bleibt er, zumal für einen Drummer, rhythmisch auch weiterhin seltsam sperrig. Klobig fast. Als würde er im Kopf den Takt mitzählen. Aber: Er hat darin nun tatsächlich einen eigenen Sound gefunden. Ein bisschen wie ein altersgütiger, wohlgenährter Rabe, der den Menschen vom Dach herunter Mut zuspricht, und diese Rolle steht ihm irre gut. Dazu ist er, wie die meisten Schlagzeuger, „ein geborener Kollaborateur“ (Burnett über seinen Partner), der seinen Gästen – neben Tuttle unter anderem wieder das Gitarrenwunderkind Billy Strings – viel Raum lässt.
Mit „Choose Love“ covert Starr sich gegen Ende dann noch selbst. Eine Country-Neuinterpretation des Titelsongs seines Albums aus dem Jahr 2005. Tolle, selbstreferentielle Zeile: „The long and winding road is more than a song.“ Das Hackbrett kommt dafür noch mal zurück, und diesmal umschwirren es ein paar dezent gefiederte Flöten. Im Hintergrund wabert etwas, das tatsächlich ein Mellotron sein könnte, einer dieser sehr frühen Synthesizer also. Und über all das singt Starr, womöglich noch immer minimal phrasig: „You gotta pay your dues / If you wanna sing the blues / But no matter who you choose: Choose Love“. Grobe Übersetzung: „Backe, backe Kuchen / Am Ende ist die Liebe das Einzige, was zählt.“ Und das stimmt ja.
Wie kann wieder mehr Kollaboration in der Welt entstehen? Wenn das einer weiß, dann wohl Mike D, Mitgründer der brillanten „Beastie Boys“, der dazu gerade eine Ausstellung leitet.
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