SZ 29.04.2026
16:00 Uhr

(+) Schleppende Geschäfte: Wenn Luxus Luxus wird


In diesem Jahr sollte es für Marken wie Hermès, Gucci und Louis Vuitton wieder aufwärtsgehen. Aber dann kam der Iran-Krieg.

(+) Schleppende Geschäfte: Wenn Luxus Luxus wird
Die Weltpolitik vermiest den Kunden von Edelmarken die Kauflaune. Andrei Antipov/Zoonar/Imago

Die Länge der Warteschlange vor den Geschäften an den Champs Élysées und der noblen Rue du Faubourg Saint-Honoré ist ein Indikator für den Zustand der Welt. Seit der Iran-Krieg ausgebrochen ist, stehen deutlich weniger Menschen vor den Edelboutiquen von Louis Vuitton und Hermès an. Dabei ist das Wetter viel besser in Paris als zu Jahresbeginn – ideal für Shoppingtouren.

Aber allzu rosig ist der Ausblick nicht, die wirtschaftlichen Aussichten in der Branche, die für Glanz und Glamour steht, haben sich massiv eingetrübt. Diese Entwicklung zeigen auch die Quartalszahlen, die die Branchengrößen LVMH, Kering und Hermès in den vergangenen Tagen veröffentlicht haben. Sie lassen einen Rückschluss darauf zu, wie die Geschäfte in diesem Jahr laufen.

Flavio Cereda hat alle Zahlen im Blick. Von London aus analysiert er den Luxussektor für die Schweizer Vermögensverwalter GAM Investments. Ende Februar hätte er noch gesagt: „Gut, sogar sehr gut“ laufen die Geschäfte. Endlich ein solides Jahr nach der Achterbahn der vergangenen Jahre. Nach der Pandemie sei die Entwicklung „verrückt“ gewesen – mit Wachstumsraten von bis zu 72 Prozent. Dann der brutale Absturz 2024, an dem auch massive Preissteigerungen schuld waren. Im Vorjahr führte dann die Zoll-Politik von US-Präsident Donald Trump zu erheblichen Rückgängen. 2026 aber, so Cereda, da sehe er die „Rückkehr zum Wachstum“ und eine „Normalisierung“.

Aber durch den Krieg im Nahen Osten kam alles anders. Ausgerechnet in einer Region, die der Branche konstant zweistellige Wachstumsraten einbrachte. Um 40 Prozent und mehr gingen die Geschäfte in den großen Malls in Dubai und Abu Dhabi zurück, die rund sechs Prozent zum Umsatz der Luxuskonzerne beitragen. Aber die Auswirkungen sind nicht auf die Region beschränkt: „Luxus hat ja auch mit einem guten Gefühl zu tun. Wenn man sich wegen der Nachrichten ängstlich fühlt, dann entsteht ein Multiplikatoreffekt“, sagt Cereda. Und dann nennt er gleich drei Entwicklungen, die dem Geschäft in seiner Branche allesamt nicht guttun: „Wir haben eindeutig Volatilität, wir haben eindeutig Inflation. Und es gibt sicherlich Probleme mit Reisen.“

Nun muss man unterscheiden zwischen den Käufergruppen. Da sind die Superreichen. Die lassen sich vom Lauf der Welt nicht so leicht die Konsumlaune verderben. Aber es gibt auch die „Aspiranten“, wie Cereda sie nennt. Die nicht ganz so Reichen – diejenigen, die dazugehören wollen, die sich hin und wieder eine Tasche für einige Tausend Euro oder ein feines Seidentuch kaufen. Immerhin ein Drittel der Kundschaft im Luxussektor macht diese Gruppe aus. „Wenn sie früher 2000 Euro für eine Tasche pro Jahr ausgaben, tun Sie das möglicherweise jetzt nicht mehr. Jetzt geben sie 600 bis 700 Euro aus“, sagte Cereda.

Nicht überall im Luxussegment sieht es düster aus. Cedera differenziert nach Unternehmen, Marke und Markt. So laufen generell die Geschäfte in den USA sehr gut, auch die chinesische Kundschaft kauft seit diesem Jahr wieder mehr Luxusprodukte. Die großen drei – LVMH, Kering und Hermès – haben mit unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen. Im LVMH-Imperium findet sich alles, was schön und teuer ist: von Koffern über Kleidung und Schmuck bis zu Champagner und Cognac. Der Iran-Krieg hat das Geschäft aber allein im März um drei Prozent eingebremst. Zwar lag der Umsatz im ersten Quartal dieses Jahres bei gut 19 Milliarden Euro. Aber das Herzstück, die Mode- und Lederwarensparte mit Marken wie Louis Vuitton und Dior, schwächelt schon das fünfte Quartal hintereinander, diesmal mit einem Rückgang von zwei Prozent.

Als krisenresistenter Branchenprimus galt bisher Hermès. Das Unternehmen konnte mit einer geschickten Strategie der Verknappung auch in Krisenzeiten das Interesse der Käuferinnen aufrechterhalten. So muss man sich für eine Birkin-Handtasche bekanntlich bewerben – die Preisspanne reicht dann von 8000 bis zu 200 000 Euro. Von einem „abrupten Stillstand im März“ sprach Finanzchef Éric du Halgouët, die Erlöse im Nahen Osten gingen um sechs Prozent zurück. Allerdings stieg der Umsatz insgesamt im ersten Quartal um 5,6 Prozent auf knapp 4,1 Milliarden Euro, was wiederum Analysten enttäuschte – ein Absturz der Hermès-Aktie Kursabsturz um 14 Prozent war die Folge an jenem Tag, als die Quartalszahlen verkündet wurden.

Für Cereda hat sich gezeigt: „Hermès hat ein Volumenproblem. Das Wachstum kommt fast nur über Preise.“ Auch wenn man wegen der Birkin-Tasche den Konzern mit dem oberen Preissegment verbinde, so zeige das Angebot, dass der Konzern sehr viel Geschäft mit denjenigen mache, die sich auch mal mit einem Hermès-Tuch oder einem anderen Accessoire aus diesem Hause schmücken wollen. „Genau dieses Kundensegment wird getroffen.“

Von positiven Zahlen weit entfernt ist Kering, der Krieg belastet den ohnehin schon gebeutelten Konzern zusätzlich. Im Nahen Osten verzeichnete das Unternehmen der Familie Pinault einen Umsatzrückgang von elf Prozent, insgesamt blieb der Umsatz im ersten Quartal bei knapp 3,6 Milliarden Euro stabil – nachdem er 2025 um zehn Prozent zurückgegangen war. Die im Unternehmen versammelten Marken Gucci, Saint Laurent und Balenciaga haben schon bessere Zeiten erlebt. Der branchenfremde ehemalige Renault-Chef Luca de Meo, der im September 2025 neu an die Spitze von Kering rückte, soll es nun richten. Er brachte die Bilanzen in Ordnung, verkaufte Immobilien und arbeitete eine Markenstrategie aus. „Aber das war der einfache Teil. Der schwierige Teil kommt nun: Als Luxus‑Modekonzern müssen sie Produkte bieten, die Leute kaufen wollen“, sagt Cereda.

Gucci ist für zwei Drittel des Konzernergebnisses verantwortlich. Anders als die Mitbewerber, sagt Analyst Cereda, setzt die Marke stärker auf aktuelle Modetrends und bietet auch günstigere Produkte an. Mit dieser Strategie den Turnaround zu schaffen, sei „nicht unmöglich, aber schwierig“. Bei Kering ist die Marken- und Produktpalette außerdem nicht durch strategische Käufe entstanden wie bei LVMH, die den an Luxus gewöhnten Menschen in ihrer Welt halten wollen. Außerdem hat der Konzern mit Louis Vuitton eine sehr starke Marke, die laut Cereda „als einzige gleichzeitig Produkte zu einem niedrigeren Einstiegspreis hat und im Preissegment ganz oben“.

Und ein weiteres Problem hat der LVMH-Konzern: Einen Chef, der nicht abtreten will. Bernard Arnault ist inzwischen 77. Bei einer Hauptversammlung vor wenigen Tagen bekamen erstmals alle seiner fünf Kinder, von denen jedes eine führende Position im Unternehmen innehat, einen Auftritt. Er könnte auch bleiben, bis er hundert Jahre alt sei, scherzte Arnault bei diesem Auftritt. „Die große strategische Richtung wird Bernard Arnault bis zum letzten Tag vorgeben“, sagt Cereda.

Jedenfalls gilt für die Branche ein einst eisernes Gesetz nicht mehr: Egal, welche Krise es gibt, Luxus geht immer. Das zeigt sich auch an den Börsen. Die Aktien aller drei Luxuskonzerne haben rund 20 Prozent seit Jahresbeginn verloren. Im Fünf-Jahres-Vergleich macht das Minus bei LVMH jedoch 30 Prozent aus, bei Kering gar 60 Prozent. Ganz anderes bei Hermès, über fünf Jahre gibt es ein sattes Plus von 50 Prozent.

Wie geht es nun weiter? „Jeder, der Ihnen eine genaue Prognose für 2026 gibt, hatte einen guten Drink und eine Zigarre – und erfindet etwas“, sagt der Experte. Eines sei jedenfalls gewiss: „Wir sehen jetzt nicht die Erholung, aber es ist kein Desaster. Wenn sich in drei Monaten nichts verbessert hat, dann gibt es ein Problem für alle, nicht nur für den Luxussektor.“

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