Anfangs sieht alles so aus wie immer. Der Rote Platz ist geschmückt mit Bannern zum 9. Mai, die Paradetruppen stehen in Reih und Glied vor der Tribüne. Nach Wladimir Putins Rede zum Siegestag beginnt die Waffenschau.
|
09.05.2026 15:39 Uhr |

Anfangs sieht alles so aus wie immer. Der Rote Platz ist geschmückt mit Bannern zum 9. Mai, die Paradetruppen stehen in Reih und Glied vor der Tribüne. Nach Wladimir Putins Rede zum Siegestag beginnt die Waffenschau.
Normalerweise kommt jetzt ein alter sowjetischer Panzer auf den Roten Platz, ein T-34, den die sowjetische Armee im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland eingesetzt hat. Ein Museumsstück, herausgeputzt für die Parade, die er in den vergangenen Jahren immer anführte. Denn am 9. Mai erinnert sich Russland an den sowjetischen Sieg vor inzwischen 81 Jahren. Erst danach folgen die modernen Panzer, die Kurzstrecken- und Interkontinentalraketen. Sie sollen Russlands Stärke demonstrieren. Normalerweise.
Doch dieses Jahr fährt kein Panzer über den Roten Platz, weder neu noch alt, so zeigen das die Fernsehbilder aus Moskau. Zum ersten Mal seit 19 Jahren verzichtet der Kreml auf Militärtechnik am 9. Mai, wohl aus Angst vor ukrainischen Drohnen. Vier Jahre schon dauert Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dass er dort weit von einem Sieg entfernt ist, wirkt sich in Moskau mehr denn je auf das Gedenken an den Sieg von 1945 aus.
Für Putin muss sich das wie Schwäche anfühlen: die verkürzte Parade, die ukrainischen Drohnen, die Moskauer Wohnhäuser treffen, westrussische Öldepots, sogar Flugplätze in Sibirien. Weil diese Schwäche am Siegestag besonders sichtbar wurde, war es Putin offenbar ein Anliegen, die Sache zu erklären. Noch am Abend gab er eine Pressekonferenz, auch das ist unüblich für einen 9. Mai.
Er habe nicht nur aus Sicherheitsgründen auf die Waffenschau verzichtet, sagte Putin also am späten Abend vor den Journalisten des Kremlpools, sondern weil sich die russischen Streitkräfte jetzt auf die „endgültige Zerschlagung des Gegners“ konzentrieren sollten. Dann drehte sich viel um die Frage, wer mit wem über ein Ende des Krieges verhandeln könnte.
Putin ging es dabei vor allem um zwei Dinge: Aus seiner Sicht ist erstens der Westen schuld am Krieg. Er instrumentalisiere die Ukraine für seine geopolitischen Ziele, sagte Putin erneut. Zweitens stellte er es so dar, als sei es der Westen, in diesem Fall Europa, das nun die Kosten des Krieges zu spüren bekomme und deswegen endlich nach einer Lösung suche – die Russland angeblich schon immer gewollt habe. Dass Putin von seiner Position abweicht, lässt sich aus diesem Auftritt kaum herauslesen.
Eine westliche Elite, so erklärte Putin seine Sicht, strebe Russlands „Zusammenbruch“ an und habe eine frühe diplomatische Lösung daher verhindert. Stattdessen habe man damals begonnen, „die Konfrontation mit Russland anzuheizen, die bis heute andauert“. Und dann sagt Putin den Satz, der jetzt viel Aufmerksamkeit erregt: „Ich denke, die Sache neigt sich dem Ende zu, aber es ist dennoch eine ernste Angelegenheit.“
Putin weiß vermutlich, dass sich viele Menschen in Russland ein Ende der Kämpfe wünschen, wenn auch zu Moskaus Bedingungen. Bei dieser Pressekonferenz formuliert Putin also eine Art Hoffnung, dass Europa seine Position ändert, seine Fehler einsieht, die Beziehungen zu Russland wiederherstellt. Als ein Journalist ihn fragt, wer diese „Koalition der Willigen“ in Europa, die den Kontakt zu Russland suche, vertreten und mit Putin verhandeln könne, nennt er den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder. Russland habe Verhandlungen niemals abgelehnt, sagt er noch, „sondern sie haben abgelehnt“.
Dass Putin die eigene Position nicht geändert hat, machte er schon zu Beginn seines Auftritts klar. Ob der slowakische Premier Robert Fico, der als einziger EU-Regierungschef zum Siegestag nach Moskau gereist war, eine Nachricht von Wolodimir Selenskij überbracht habe, wurde Putin gefragt. Er habe lediglich gehört, dass Selenskij zu einem persönlichen Treffen bereit sei, antwortete Putin. Er selbst würde so etwas nicht vorschlagen, aber wenn jemand anderes ein solches Treffen haben wolle, dann bitteschön. Selenskij müsse dafür jedoch nach Moskau kommen, sagte Putin in dem Wissen, dass das für den ukrainischen Präsidenten unannehmbar ist. Man könne sich nur dann in einem Drittland treffen, wenn zuvor alles ausgehandelt, ein „Friedensvertrag“ bereits geschrieben sei. Auch das ist nicht neu: Putin trifft Selenskij nur, wenn ihm dessen Kapitulation sicher ist.
Putin hätte nichts dagegen, seine Kriegsziele leichter und mit weniger Kosten zu erreichen, weil der Westen Druck auf Kiew ausübt. Er hatte gehofft, dass Donald Trumps Wunsch nach einem Deal zu einem schnelleren Sieg für Moskau führen würde. Nun sind Trumps Vermittlungen aber ins Stocken geraten. Der Krieg sei „in erster Linie Angelegenheit Russlands und der Ukraine“, sagte Putin nun. Wenn jemand aber helfen wolle, sagte er in Bezug auf die US-Regierung, die aus seiner Sicht „aufrichtig“ nach einer Lösung strebe, „dann sind wir ihnen dafür nur dankbar“.
Dass Putin selbst keine Kompromisse eingehen wird, zeigte sich auch bei der Parade. Russische Soldaten, sagt der Moderator auf dem Roten Platz, seien auch am Siegestag im Kampfeinsatz, „um die Land-, Luft- und Seegrenzen unseres Vaterlandes zu verteidigen“. Statt einer Panzerkolonne live auf dem Roten Platz wurden kurze Filme auf einem großen Bildschirm eingespielt, schnell geschnittene Szenen von verschiedenen Truppen. Der aktuelle Krieg füllte die Lücke bei der Waffenschau.
Gleich die ersten Bilder zeigten Übungen auf dem „Gebiet der speziellen Militäroperation“, sagte der Moderator, zu sehen waren Soldaten, die schießend durch einen Schützengraben laufen, ein Panzer, der ihnen zu Hilfe kommt. Die große Waffenschau wurde auf den Bildschirm verlegt, mit Kamerafahrten durch die engen Gänge eines Kriegsschiffes, Aufnahmen an Bord eines Atom-U-Boots, Bildern von russischen Kampfflugzeugen der neuesten Generation.
Wladimir Putin hat stets versucht, eine Parallele zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem russischen Angriff auf die Ukraine zu ziehen. In seiner Rede erinnerte er an den hohen Preis, den die Menschen damals für den Sieg gegen Nazideutschland zahlen mussten. Das sowjetische Volk habe die Welt gerettet, sagte Putin, „dem totalen, gnadenlosen Bösen“ ein Ende gesetzt. Nach einer Schweigeminute für die Opfer schlug Putin dann die Brücke in die Gegenwart: Die Leistung „der siegreichen Generation“ von 1945 inspiriere die russischen Soldaten, „die heute Spezialeinsätze ausführen“, sagte er.
In seiner Rede erwähnte er die Ukraine mit keinem Wort, sprach abstrakt von einer „aggressiven Streitmacht“, die von der Nato bewaffnet und unterstützt werde und gegen welche die russischen „Helden“ sich zur Wehr setzen müssten. Die Propaganda des Kreml suggeriert häufig, dass Russland in der Ukraine angeblich erneut gegen Nazis kämpfen müsse.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Sache gerecht ist!“, sagte Putin auf dem Roten Platz. „Wir stehen zusammen. Der Sieg war und wird immer unser sein.“
Nach einer guten halben Stunde war alles vorbei. Auch die Gästeliste war kürzer als in früheren Jahren. Es kamen die, von denen es der Kreml erwarten kann, Alexander Lukaschenko aus Belarus und Kassym-Schomart Tokajew aus Kasachstan beispielsweise. Vergangenes Jahr stand noch der chinesische Staatschef Xi Jinping als Ehrengast neben Putin auf der Bühne.
Kremlsprecher Dmitrij Peskow hatte eine „terroristische Bedrohung“ aus der Ukraine als Grund für die abgespeckte Parade genannt. Aufgrund der „aktuellen operativen Lage“ werde es dieses Jahr keine Militärtechnik geben, hatte das russische Verteidigungsministerium erklärt. Dessen Sorge ging offenbar so weit, dass es im Alleingang eine Waffenruhe verordnete und Kiew mit Vergeltung drohte, sollte es diese brechen. Am Freitag erklärte dann US-Präsident Trump, er habe beide Seiten von einer dreitägigen Waffenruhe bis kommenden Montag überzeugen können.
Es habe keine Versuche gegeben, den Siegestag zu stören, sagte Kremlsprecher Peskow am Samstag. „Nichts wurde versucht, alles ist gut.“ Der Nachfrage, ob der Waffenstillstand verlängert werden könne, wie es sich Trump wünschte, wich Peskow aus: Bisher gelte die Vereinbarung bis Montag, weitere Gespräche habe es nicht gegeben.
Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde nach der Pressekonferenz Wladimir Putins aktualisiert.
Wie ein Bergsteiger auf 8000 Metern: Russlands Ökonomie leidet schwer, auch wenn ihr der Iran-Krieg kurz neuen Sauerstoff liefert. Die Wirtschaftsexpertin Alexandra Prokopenko über Putins Probleme mit der Parade und die Last für sein Volk.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien