SZ 20.09.2026
20:01 Uhr

(+) Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Blau wächst


„Du kannst nach Hause gehen!“: Die AfD will den Bundeskanzler immer weiter unter Druck setzen. Die Ergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stärken ihr dafür den Rücken.

(+) Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Blau wächst

Eigentlich will die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mindestens zurechtstutzen, wenn nicht gar mehr. An Wahlabenden verfolgen sie bei der in weiten Teilen rechtsextremen Partei trotzdem die Livestreams von ARD und ZDF. In der Eventlocation am Lankower See in Schwerin, wo die AfD ihre Wahlparty feierte, läuft am Sonntag die Übertragung der ARD. Es ist kurz nach 18 Uhr, als der Sender drauf und dran ist, zum Konrad-Adenauer-Haus zu schalten, wo der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt ist. Da stimmt auf der Wahlparty einer an: „Du kannst nach Hause gehen!“

Die AfD gibt sich selbstbewusst. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sie ausweislich der Hochrechnungen die zweite Wahl in Folge gewonnen. Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis liegt sie bei 38,2 Prozent der Stimmen und damit zweieinhalb Prozentpunkte vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Noch auf der Wahlparty erklärt AfD-Chef Tino Chrupalla: „Wir haben hier ganz klar den Regierungsauftrag.“ Den sieht auch Leif-Erik Holm, der ehemalige Radiomoderator, der im Nordosten als „Ministerpräsidentenkandidat“ der AfD angetreten war. Man werde alle Parteien zu Gesprächen einladen.

Hier finden Sie alle Ergebnisse der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern in interaktiven Grafiken und Karten.

Doch er und seine Partei, die in Mecklenburg-Vorpommern als einziger Landesverband im Osten nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Parteikollegen in Sachsen-Anhalt. Sie sind stärkste Kraft geworden, zum Regieren fehlt der AfD allerdings in beiden Ländern eine Mehrheit. So fällt auf der Wahlparty in Schwerin auch der Satz: „Wo haben wir eine Regierungsoption?“ Zumal sich am späten Abend abzeichnet, dass es weder CDU noch BSW in den Schweriner Landtag schaffen könnten, die AfD also nicht im Ansatz einen möglichen Koalitionspartner hätte.

Leif-Erik Holm dürfte am Wahlabend trotzdem aufgeatmet haben. Während in seinem Landesverband Funktionäre nach oben streben, die früher in der Jugendorganisation der NPD oder in der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) waren, gilt Holm als vergleichsweise gemäßigt. Das kommt nicht bei allen in der Partei gut an. Der neurechte Publizist Benedikt Kaiser warf Holm wenige Tage vor der Wahl vor, dieser habe damit geworben, „die authentische CDU 2.0 zu sein“. Das könne „nur nach hinten losgehen“, schrieb Kaiser. Kaiser ist Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Robert Teske aus Thüringen, wo man der reinen, radikalen Lehre besonders zuneigt.

Auch in seinem Landesverband ist Holm keinesfalls unumstritten. Das gilt auch für das Konstrukt der Doppelspitze, mit der die AfD in den Wahlkampf gegangen war. Holm tourte zwar als „Ministerpräsidentenkandidat“ durchs Land, offizieller Spitzenkandidat war aber ein Mann namens Enrico Schult. Auf der Wahlparty in Schwerin sind daher auch Sätze mit dem Tenor zu hören: Es wäre mehr drin gewesen. Und trotzdem: Die AfD ist stärkste Kraft, das Ergebnis aus dem Jahr 2021, als sie bei der Landtagswahl auf 16,7 Prozent kam, hat sie sogar mehr als verdoppelt.

In Berlin ist die Stimmung bei der AfD wegen dieses Ergebnisses am Sonntagabend erst einmal hervorragend. Sie hat sich im Berliner Abgeordnetenhaus in einem Raum um weiße Stehtische versammelt. Als die Wahlprognose von Mecklenburg-Vorpommern über die Bildschirme flimmert, kommt Parteichefin Alice Weidel aus dem Strahlen kaum mehr heraus. Weidel klatscht in die Hände, sie sagt: „Ich wusste es! Ich wusste es!“ Weil der Jubel so laut ist, können die umstehenden Reporter das Ergebnis nicht hören.

Für die AfD ist Mecklenburg-Vorpommern die Erfolgsgeschichte des Abends. In Berlin konnte die Partei sich verbessern, aber sie hat dort weniger gut abgeschnitten, als die Partei-Oberen gehofft hatten. Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis kommt die AfD auf 16,3 Prozent, gut sieben Prozentpunkte mehr als bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Jahr 2023, als sie 9,1 Prozent der Stimmen erreichte. Eigentlich aber war das Ziel, das Ergebnis mindestens zu verdoppeln, laut Umfragen hatte die AfD zuletzt bei 18 Prozent gelegen. Schon bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte sie in Berlin 15,2 Prozent der Zweitstimmen.

Berlins Wahlkarte zeigt die neuen politischen Farben der Hauptstadt. Grafiken und Karten zeigen mögliche Koalitionen und die Hochburgen der Parteien.

Das Ergebnis in Berlin zeigt: Für die AfD ist es schwierig, in dieser Stadt, die als links und liberal gilt, herausragende Wahlergebnisse zu erzielen – selbst, wenn der Bundestrend sie stützt. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch sagte der Süddeutschen Zeitung, Berlin sei eine „Millionenmetropole“, da seien 45 Prozent nicht in Reichweite.

Die Berliner Spitzenkandidatin Kristin Brinker steigt direkt in die Analyse des AfD-Erfolgs ein: „Je länger diese Brandmauer erhalten wird, umso stärker werden wir.“ Auf lokaler Ebene wollten bereits viele CDU-Mitglieder mit der AfD zusammenarbeiten, sagt sie. Die Brandmauer, glaubt Brinker, werde die CDU „sprengen“.

Brinker hat sich im Wahlkampf gemäßigt gegeben, selbst wenn sie über Migration spricht, schreit sie eher nicht. Doch im Wahlprogramm finden sich radikale Positionen: Die AfD fordert für Berlin eine „konsequente Remigrationspolitik“, einen „sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin“.

Einen Tag vor der Wahl wurde eine Razzia bei einem persönlichen Mitarbeiter von Brinker öffentlich. Die Bild-Zeitung berichtete, es seien „Drogen und Nazi-Zeug“ gefunden worden. Brinker sagte der SZ, dies seien „klischeehafte Vorwürfe“, und „jeder kann sich seinen eigenen Reim drauf machen“, warum diese einen Tag vor der Wahl erhoben würden. Sie könne „nichts Schlechtes“ über ihren Mitarbeiter sagen. Ob die Vorwürfe stimmten, wisse sie nicht.

Eine gewisse Normalisierung der Partei war in den vergangenen Monaten auch in Berlin zu beobachten. Bei einem Wahlkampfstand in Berlin-Charlottenburg mitten in der Hauptfußgängerzone zum Beispiel. Dort blieben viele Passanten interessiert stehen. Auch Deutsche, die nicht weiß sind – und damit eigentlich nicht ins gängige Bild eines AfD-Wählers passen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde im Laufe des Wahlabends aktualisiert.

Die AfD ist aktuell eine beinahe berauschte Partei. Sie könnte bald in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal regieren. Wo führt das noch hin? Alice Weidels Ziel ist klar: Sie will 2029 Kanzlerin werden. Wer ist diese Frau?

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: