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06.09.2026
11:05 Uhr
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Der Sommer ist vorbei, der nächste kommt: Fast 700 Millionen Euro könnte Bayerns Wirtschaft künftig durch Hitzetage jedes Jahr verlieren – auch in weniger extremen als 2026.

Bei Hitze sinken Konzentration und Leistungsfähigkeit – das kann eindeutig Folgen auf die Wirtschaft haben.
Foto: Wolfram Kastl/dpa
Die Studie von Lukas Sander und seinem Team erschien im Februar, als noch niemand wusste, wie heiß dieser Sommer werden würde. Das Ergebnis war ein Szenario: Fast 700 Millionen Euro könnten Bayern künftig jedes Jahr die Hitzetage kosten – hauptsächlich dadurch, dass Menschen bei hohen Temperaturen weniger produktiv arbeiten.
Dann kam der Sommer, nicht der berechnete, der tatsächliche, mit 28 Tagen, an denen es mindestens 30 Grad Celsius hatte. Wie extrem die Hitzewellen gewesen seien, das habe ihn überrascht, sagt Sander am Telefon, er leitet beim Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos den Themenbereich Klimafolgen und -anpassung. Nicht überrascht aber hätten ihn die Hitzewellen an sich. Man wisse aus der Forschung, dass diese infolge des Klimawandels wahrscheinlicher und intensiver werden könnten, mit allen dazugehörigen Folgen. „Hitze ist auch ein Kostenfaktor“, sagt Sander.
Der Sommer als Kostenfaktor? Einen weiteren kann Bayern eigentlich nicht gebrauchen, das Land hat eine Konjunkturflaute zu verdauen. Nächstes Jahr wird trotzdem ein neuer Sommer kommen. Auch wenn der weniger außergewöhnlich werden sollte wie der nun zu Ende gehende, rechnen Fachleute damit, dass es künftig hierzulande tendenziell heißer werden wird – mit Folgen nicht nur, aber auch für die Wirtschaft.
Eine: besagte Produktivitätsverluste. Unter Hitze leiden Konzentration und Leistungsfähigkeit, zudem steigt das Unfallrisiko, so listet es auch die Prognos-Studie auf, die im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums entstanden ist. Vereinfacht werden in dieser die Klimaprojektionen des Deutschen Wetterdienstes und Erkenntnisse aus dem Arbeitsschutz zu einem Zukunftsszenario verwoben. Dieses erwartet fünf bis zehn zusätzliche Hitzetage für den Zeitraum 2031 bis 2060. Für jeden dieser Tage fallen wiederum Ausfallkosten beim Personal an; mancherorts mehr, etwa in der Industrie, andernorts weniger, etwa im Bereich Erziehung.
Auf dieser Basis untersuchte das Prognos-Team später in einer zweiten Studie die Hitzewelle, die Ende Juni über Bayern hinweggefegt war. Das Ergebnis hier: Für einen einzigen Tag mit Temperaturen von mehr als 35 Grad beliefen sich die Produktivitätsverluste sogar auf 172 Millionen Euro.
Nicht einberechnet wurden Hitzeschäden an der Infrastruktur, also verformte Gleise, aufgerissener Asphalt oder zu niedrige Pegelstände für die Schifffahrt. Ebenfalls nicht einberechnet wurden Ernteausfälle, die Folgekosten von Unfällen fürs Gesundheitssystem oder der höhere Energieaufwand für die Kühlung von Räumen und Anlagen. Die Umweltorganisation Greenpeace schätzt daher in einer eigenen Studie die volkswirtschaftlichen Schäden, die Deutschland insgesamt aus dem Hitzesommer 2026 entstanden sein könnten, auf bis zu 42 Milliarden Euro.
Um 4,2 Grad über dem Durchschnitt lag die Temperatur in den vergangenen drei Monaten. Die Folgen sind dramatisch – für die Natur, aber auch für die Menschen in Bayern.
Wie häufig bei Szenarien und Schätzungen sind solche Zahlen vielleicht weniger als Bilanz, sondern besser als Richtungsangabe zu verstehen. Viele Folgeschäden aus der Hitze seien noch gar nicht bezifferbar, heißt es seitens des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bayern. Dennoch sollte der Sommer 2026 „auch für die bayerische Wirtschaft und Politik ein weiterer Weckruf sein“, findet der Vorsitzende Bernhard Stiedl. „Hitzeschutz ist keine Wohlfühlmaßnahme, sondern eine Investition in die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Zukunft.“ Auch dürfe es nicht davon abhängen, ob ein Arbeitgeber freiwillig für Schatten, Kühlung, Getränke oder angepasste Arbeitszeiten sorge. Stattdessen brauche es „klare Vorgaben, wann Arbeit unterbrochen oder angepasst werden muss“.
Besonderer Handlungsdruck herrscht dort, wo die Sonne direkt herunterknallt. Ihre UV-Strahlung gilt als weiteres Risiko, sie kann Haut und Augen schädigen und Hautkrebs auslösen. Entsprechend weit reicht die Palette an Gegenmaßnahmen, die die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in einem Hitze-Papier vorschlägt. Manche lassen sich im Arbeitsalltag einfach umsetzen, darunter Sonnencreme für alle oder mehr Trinkpausen. Andere sind umfassender – etwa das Nachrüsten von Baggern mit Klimaanlagen, damit es im Führerstand nicht zu heiß wird.
Auch auf Arbeitgeberseite bezeichnet man die ökonomischen Hitzefolgen als „mitunter beachtlich“. So könnten Schäden an der Infrastruktur die eng getakteten Lieferketten verzögern, teilt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft mit. Das steigere die Kostenbelastungen. Zusätzliche Vorschriften seien aber nicht nötig, sagt Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt: „Die Unternehmen haben ein Eigeninteresse daran, ihre Belegschaft vor gesundheitlichen Schäden zu schützen.“ Unter anderem das Arbeitsschutzgesetz und die Arbeitsstättenverordnung machten hierzu klare Vorgaben. Außerdem sei die Sachlage in jedem Betrieb anders. „Ein Arbeitsplatz im Büro lässt andere Möglichkeiten zum Kühlen zu als in der Produktion.“
Forscher Sander sagt: „Wir werden gar nicht drum herumkommen, dieses Thema ernster zu nehmen.“ Nicht nur im Arbeitsschutz. Viele Straßen, Schienen und Brücken seien mehrere Jahrzehnte alt. „Wir haben unsere Infrastruktur nicht für das Klima gebaut, das wir jetzt haben“, sagt Sander. Umso wichtiger sei es, sich bei neuen Projekten zu überlegen, wie das Klima in 20 oder 30 Jahren aussehen werde.
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