SZ 26.04.2026
11:02 Uhr

Frauen des FC Bayern: Rote Karte mit Konfliktpotenzial


Ist Haarziehen im Frauenfußball eine Tätlichkeit? Die Spielerinnen des FC Bayern hadern nach dem 1:1 im Champions-League-Halbfinale gegen Barcelona mit den Regeln und der Schiedsrichterin.

Frauen des FC Bayern: Rote Karte mit Konfliktpotenzial

Eine gewisse wohltuende Friedfertigkeit sagt man dem Frauenfußball nach, auch auf höchstem Niveau. Am Samstagabend in der Arena konnte man die üblichen Anzeichen dafür finden: Auf dem Rasen lief ein faires Spiel zweier herausragender Teams, auf den Rängen gaben 31 000 Zuschauer diesem Hinspiel im Champions-League-Halbfinale zwischen dem FC Bayern und dem FC Barcelona den würdigen Rahmen. Ganz ohne Pyrotechnik, mit viel Zustimmung und Wärme für die Heimmannschaft und einem gewissen Respekt für dieses Überteam aus Spanien.

Bis zur 80. Minute jedenfalls blieb das so, dann wurde es doch aufregend feindselig. Auf den Rängen wurde geschimpft, in Richtung Barcelona und in Richtung der Schiedsrichterin. Denn auf einmal hatte dieses Aufeinandertreffen eine beachtliche Wendung erfahren, womöglich sogar mit langfristigen Folgen.

Ein sehr unscheinbarer Zweikampf zwischen der Münchner Außenverteidigerin Franziska Kett und Barcelonas Außenstürmerin Salma Paralluelo war Grund für den Aufruhr. Paralluelo war in ihrer Jugend Leichtathletin, eine der besten Sprinterinnen des Landes, und auch Kett entwischte sie mit einer Körperdrehung und sagenhaftem Antritt – was die Münchnerin nicht zulassen wollte. Sie versuchte, mit den Händen nachzugreifen, vielleicht ein Stück Trikot zu erhaschen, und erwischte Paralluelo da, wo sie viel Angriffsfläche bietet: an einer ihrer langen Haarsträhnen.

„An den Haaren ziehen“ ist im offiziellen Regelwerk des Fußballs nicht als Foul vermerkt, sondern als Tätlichkeit. Ob Absicht dahintersteckt oder nicht, ist in erster Linie irrelevant, der Prozess ist schnell gemacht: Spielerin zieht, Gegnerin fällt, Spielerin bekommt eine rote Karte. So geschehen auch voriges Jahr in der 13. Minute des EM-Viertelfinales 2025 im Fall von Kathrin Hendrich gegen Frankreichs Stürmerin Griedge Mbock. Und nun eben im Fall Kett gegen Paralluelo im Halbfinale der Champions League.

Als eine der bestimmenden Szenen dieses bedeutsamen Spiels in der Münchner Vereinsgeschichte wird diese Aktion in Erinnerung bleiben. Immerhin aber als eine, die keine unmittelbaren, fatalen Folgen hatte. 1:1 stand es zum Zeitpunkt der roten Karte, 1:1 stand es auch knapp 15 Minuten später noch nach Spielende, nachdem die Münchnerinnen mehrere katalanische Angriffswellen überstanden hatten. Durchaus verträglich ist dieses Ergebnis gegen ein Frauenteam aus Barcelona, das nahezu alle Fußballspiele gewinnt und daher überrascht wirkte von diesen trotzigen Münchnerinnen. Die angeführt wurden von jener 21-jährigen Außenverteidigerin, die nicht nur in der 80. Minute im Fokus stand.

Franziska „Franzi“ Kett aus Deggendorf ist eine der europäischen Entdeckungen dieser Saison. Die mutige Spielweise, die den Bundestrainer Christian Wück schon im vergangenen Jahr bei der EM so überzeugt hatte, dass er sie trotz geringer Erfahrung in den Kader berief, ist inzwischen zur Routine geworden: Kett ist ein ständiger Aktivposten, geschickt im Zweikampf und schnell im Umschaltmoment. So wie beim 1:1 gegen Barcelona: Das leitete sie mit einem Pass auf Pernille Harder ein, von der sie kurz darauf erneut das Zuspiel bekam, wonach sie den Ausgleich erzielte. Nicht nur in der Kurve, wo unter anderem die „JFG Donau Wald Mädels“ sie mit einem Plakat grüßten, bekam Kett Anerkennung. Gut möglich, dass am Ende nicht Klara Bühl, sondern sie die Auszeichnung als Spielerin des Spiels bekommen hätte – wäre da nicht die rote Karte gewesen.

Einigkeit herrschte darüber, dass der Platzverweis den Regeln entsprach und kein Vorsatz vorlag: „Das hat die Franzi sicher nicht mit Absicht gemacht“, sagte Bühl. Die Münchner Frauenfußball-Chefin Bianca Rech allerdings ging eine Stufe weiter: „Über die rote Karte von Franzi gilt es in meinen Augen grundsätzlich im Frauenfußball zu diskutieren“, sagte die ehemalige Abwehrspielerin: „Wenn man sieht, dass Spielerinnen Haare bis zum Gesäß haben und Franzi aus natürlicher Bewegung nach dem Trikot greifen will und dann irgendwie an die Haare kommt“, sagte Rech, dann sei es „aus meiner Sicht ein Unterschied, wenn du einer Spielerin am Oberkopf an den Haaren reißt oder unten irgendwo an die Haare drankommst in einer Situation, wo du nach einem Trikot packst“.

Die Karte für Kett könnte also zum Präzedenzfall werden. Allerdings ist mit einer kurzfristigen Regeländerung nicht zu rechnen: Beim Rückspiel am kommenden Sonntag (16.30 Uhr) im Camp Nou wird die Münchnerin gesperrt fehlen – genauso wie ihr Trainer. Auch José Barcala behielt einen Platzverweis, weil er sich über die Entscheidung zu lautstark echauffierte. Für Rech war das ein weiteres Ärgernis bei der Leistung kroatischen Schiedsrichterin Ivana Martincic, die neben den beiden roten fünf gelbe Karten gab: Sie habe die Kontrolle verloren, denn: „Ich weiß nicht, wie viele Karten es am Ende waren, die sie da verteilt hat wie Smarties.“

Die Kontrolle verloren allerdings, das ist die Erkenntnis des Hinspiels, haben die Münchnerinnen in diesem Duell nicht (anders als etwa beim 1:7 in Barcelona im vergangenen Oktober). Zumindest nicht fußballerisch. Ihrem Publikum entglitt am Ende zunehmend die für den Frauenfußball typische Contenance: Die Barça-Spielerinnen wurden noch beim Auslaufen mit Pfiffen bedacht, auch wenn sie an den haarigen Entscheidungen keine Schuld traf.

„Es ist immer wieder das Gleiche“: Das enttäuschende 0:0 gegen Österreich in der WM-Qualifikation ist ein Rückschritt für die deutschen Fußballerinnen – der Bundestrainer bemängelt altbekannte Fehler.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: