SZ 21.04.2026
13:40 Uhr

SZ-Veranstaltung: Zehn Jahre Panama Papers: „Die Akte ist nur der Anfang der Recherche“


Die Veröffentlichung der SZ-Recherche versetzte einst die Welt in Aufruhr. Zum Jahrestag erklären Journalisten bei einer Veranstaltung, was sie damals erlebten, wie es dem Whistleblower geht – und wie investigative Recherche heute funktioniert.

SZ-Veranstaltung: Zehn Jahre Panama Papers: „Die Akte ist nur der Anfang der Recherche“
Von Panama Papers bis zu den Epstein Files: Bei einer SZ-Veranstaltung erklären Journalistinnen und Journalisten im ausverkauften Mathäser-Saal, wie sie arbeiten. Andi Huber

Der Saal 6 des Mathäser Filmpalasts in München ist proppevoll. Normalerweise werden hier Blockbuster gezeigt. An diesem Montagabend aber ist er Schauplatz eines SZ-Live-Events mit besonderem Anlass. Denn vor zehn Jahren versetzte die Recherche zu den Panama Papers die Welt in Aufruhr, brachte die Süddeutsche Zeitung weltweit in die Schlagzeilen und bescherte zum ersten Mal zwei deutschen Journalisten mit ihrem Team den renommierten Pulitzer-Preis.

Das Investigativteam durchsuchte dafür einen riesigen Datensatz aus 11,5 Millionen Dokumenten. Auch heute durchforstet die SZ große Datensätze, etwa die Epstein Files. An diesem Abend im Mathäser Filmpalast geben Journalistinnen und Journalisten Einblick in den Bereich der investigativen Recherche – „den schwierigsten, den kompliziertesten Teil unserer Arbeit“, sagt Ulrich Schäfer, stellvertretender SZ-Chefredakteur.

Mit den Panama Papers schrieb die SZ vor zehn Jahren Journalismusgeschichte.„Die Dimension war uns allen nicht klar“, erzählt Ralf Wiegand, Leiter der Investigativen Recherche bei der SZ. Doch die Umstände hätten auf etwas Großes hingedeutet. „Der Pförtner hat sich gewundert, warum wir um drei Uhr nachts da rauslaufen und um fünf schon wieder da sind.“ Als klar wurde, dass dieser Fall zu groß war für eine einzige deutsche Zeitung, entschied die SZ, die Daten international mit anderen zu teilen. Damals war das unüblich.

„Für uns war es auch ein bisschen Schutz“, erzählt Frederik Obermaier, der die Recherche damals mit initiiert hatte. „Ich hatte schon Schiss vor den Leuten, die wir da in den Daten gefunden haben.“ Russlands Präsident Wladimir Putin gehörte dazu, Mafiosi aus Italien und Narcos aus Mexiko. Manche Kollegen aus anderen Ländern legten bis heute nicht offen, wo sie leben, so Obermaier. Wie es dem Whistleblower der Panama Papers, John Doe genannt, heute gehe, fragt jemand aus dem Publikum. „Er lebt und er hat Angst“, sagt Obermaier.

Eine Datenmenge wie bei den Panama Papers zu untersuchen, das geht nicht ohne technische Hilfsmittel. Auf der großen Leinwand zeigen die SZ-Investigativjournalisten Lea Weinmann und Mauritius Much, wie sie in Datensätzen relevante Informationen finden. Unter anderem nutzt die SZ dafür das Open-Source-Programm Aleph. Damit kann man beispielsweise herausfinden, wo und wie häufig bestimmte Begriffe in den Datenmengen auftauchen.

„Jeder Journalist, jede Journalistin, die an den Panama Papers gearbeitet hat, hat natürlich am Anfang wie wild alle möglichen Namen reingeworfen“, sagt Much. Der Name Barack Obama etwa findet sich 578 Mal in den Daten. Doch nur weil eine Person auftaucht, ist sie nicht auch in dubiose Machenschaften oder gar Verbrechen verwickelt. Im Fall von Obama stammen alle Treffer aus Newslettern, die mit Briefkastenfirmen nichts zu tun haben.

Es wäre unmöglich, auf diese Art alle interessanten Informationen aus einem so großen Datensatz zu filtern. Die SZ-Journalisten gleichen die Daten daher mit Excel-Listen ab, die Namen von Firmen und Personen aus früheren Skandalen und einschlägigen Sammlungen wie der EU-Sanktionsliste enthalten. Auch künstliche Intelligenz (KI) kann dabei helfen. Gleichzeitig birgt sie Risiken, denn mit ihr wird es immer leichter, gefälschte Datensätze zu generieren.

Manche Recherchen hat die SZ auch weit vorangetrieben und dann doch nicht veröffentlicht. Denn eine Veröffentlichung sei nur erlaubt, wenn ein berechtigtes öffentliches Interesse besteht und es genug Indizien für Fehlverhalten gibt, erklärt die stellvertretende Investigativ-Ressortleiterin Lena Kampf.

Auch die Epstein Files, die Akten zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, durchsuchen die Journalisten mithilfe dieser Methoden. Der entscheidende Unterschied zu damals: Die Daten sind öffentlich zugänglich. Zahlreiche Privatleute und Blogger recherchieren ebenfalls darin. Einerseits habe das große Vorteile, sagt Weinmann. Manche der entstandenen Tools helfen der SZ bei ihrer Recherche – etwa ein künstliches Postfach, um Epsteins Mailverkehr zu ordnen. Andererseits kursieren im Internet viele Falschinformationen: „Es gibt ganz viele Leute, die Belege zwar finden, aber dann missinterpretieren oder Schlüsse daraus ziehen, die journalistisch zumindest nicht haltbar sind.“ Auch die Daten selbst sind nicht verlässlich. Ein Foto einer unbekleideten jungen Frau zum Beispiel wird darin fälschlicherweise Angela Merkel zugeordnet.

„Die Akte, das Dokument ist nur der Anfang einer Recherche“, sagt Lena Kampf. Die meisten Namen seien zufällig hineingeraten, oder man kann den Personen kein ausreichendes Fehlverhalten nachweisen. Einfach abschreiben gehe nicht, sagt auch Ressortleiter Ralf Wiegand. Es gilt abzugleichen: mit anderen Daten, Ereignissen, Registern und Medienveröffentlichungen. So wie im Fall von Wiegands Geschichte zu den Paradise Papers über Geldflüsse rund um den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nur etwa zehn Prozent der Informationen über das Netzwerk stammten aus den Daten, sagt Wiegand: „Wenn man daraus eine Geschichte macht, ist 90 Prozent die Recherche drum herum.“

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Aktuell versucht die SZ, aus den Epstein Files Bezüge nach Europa herauszuarbeiten, sagt Lena Kampf. Es geht aber nicht nur um potenzielle Täter, sondern auch um die Opfer. „Wir suchen auch nach Frauen, die uns ihre Geschichte erzählen“, sagt Felicitas Kock. Die frühere Leiterin des Panorama-Ressorts beschäftigt sich seit Jahren mit den Epstein-Files. Leicht sei das nicht, denn viele der Frauen seien vom Erlebten traumatisiert.

Im Mittelpunkt der Recherchen stünden heute aber weniger die Namen, sondern die Einordnung: „Warum konnte jemand so lange dieses perfide System betreiben?“ Investigativer Journalismus bedeutet nicht nur, brisante Geschichten aus Datensätzen zu ziehen. Sondern auch, den großen Fragen nachzugehen, die sich aus ihnen ergeben.

Razzien, Demos, Rücktritte: Die Panama Papers haben weltweit enorme Reaktionen ausgelöst. Nun meldet sich „John Doe“, die anonyme Quelle der Dokumente, in der SZ erstmals öffentlich zu Wort. Sein Manifest lässt sich als Erklärung seines Tuns lesen – und als Aufruf zum Handeln.

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