SZ 28.05.2026
16:07 Uhr

Unternehmen: „Bassd scho“? Nicht für den neuen Schwan-Stabilo-Chef Michele Molon


Zum ersten Mal kommt der Chef nicht aus der Familie: Der ehemalige Swarovski-Manager aus Italien soll den fränkischen Stiftehersteller und Outdoor-Konzern aus der Krise führen.

Unternehmen: „Bassd scho“? Nicht für den neuen Schwan-Stabilo-Chef Michele Molon
Deutsch-italienische Spitze der Buntstift-Firma: Finanzchefin Anke Buttler und Unternehmenschef Michele Molon. TORSTEN HOENIG

Vielleicht hatten höhere Mächte ihren Anteil daran, dass der italienische Manager Michele Molon, 49, Chef der fränkischen Firmengruppe Schwan-Stabilo wurde. Als erstes Nicht-Familienmitglied in der 170-jährigen Geschichte des Familienunternehmens.

Ausgerechnet am Tag vor dem entscheidenden Gespräch mit Sebastian Schwanhäußer als Vertreter der Eigentümer habe ihm ein Freund ein Set mit Textmarker-Stiften geschenkt, das die Franken mit dem italienischen Luxuslabel Dolce&Gabbana in limitierter Auflage auf den Markt gebracht hatte, erzählt Molon. Und unmittelbar vor dem Treffen habe dann noch jemand auf der Treppe vor ihm einen dieser Textmarker mit dem Namen „Boss“ verloren, die lange vor dem Deal mit Dolce&Gabbana bereits ein Milliardenseller waren. Das könne doch alles kein Zufall gewesen sei, sagt Molon und lacht.

Es ist der erste öffentliche Auftritt des früheren Swarovski-Managers nach acht Monaten als Chief Executive Officer (CEO) von Schwan-Stabilo. Für das Treffen mit Journalisten in der Konzernzentrale in Heroldsberg bei Nürnberg hat er in einem Besprechungsraum Platz genommen, dessen knallgrüne Wände von der Farbenverliebtheit zeugen, die der Stiftehersteller seit jeher pflegt. Am schneeweißen Tisch neben Michele Molon sitzt Finanzchefin Anke Buttler, 54, die nach Jahren beim Konsumgüterriesen Procter & Gamble und zuletzt als Finanzchefin beim US-Kosmetikkonzern Coty ihren Job in Heroldsberg bereits Anfang 2023 antrat.

Formal ist er die Nummer eins und sie die Nummer zwei. Doch der entspannte Umgang beider Manager erweckt eher den Eindruck einer Doppelspitze auf Augenhöhe, die ihre Rollen ausbalanciert hat. Alles andere würde die Dinge auch unnötig verkomplizieren angesichts der ohnehin schwierigen Umstände. Schwan-Stabilo kriselt und steht überdies am Anfang einer internen Transformation, die sich zugespitzt so formulieren lässt: Weniger heimelige Firmenfamilie sein, stattdessen mehr Tempo, Ehrgeiz, Leistung entwickeln.

Auffallend oft spricht Molon vom nötigen „Culture Movement“, um die Firmenkultur den Erfordernissen den neuen, härteren Zeiten anzupassen. Gleich zu Beginn bei Schwan-Stabilo habe er den Begriff „Bassd scho“ (hochdeutsch: „Passt schon“) gelernt, erzählt er, einen typisch fränkischen Ausdruck für größtmögliche (Selbst)Zufriedenheit. Mit Bassd-scho-Mentalität, sagt Molon, werde das Unternehmen aber nicht weiterkommen.

Um fünf Prozent war der Umsatz der Firmengruppe Schwan-Stabilo mit ihren gut 5200 Beschäftigten (davon 2225 in Deutschland) in den Sparten Schreibgeräte, Kosmetik und Outdoor im Geschäftsjahr 2024/25 auf 757,5 Millionen Euro abgesackt. Das waren fast 100 Millionen Euro weniger als im Rekordjahr 2022/23. Im noch bis Ende Juni laufenden Geschäftsjahr rechne man wieder mit einem Plus von drei Prozent, sagt Molon.

Treiberin ist dabei die Kosmetik-Tochter, die als Zuliefererin für alle internationalen Labels produziert. Nach einigen Schwächejahren habe sie sich auf die durch Digitalisierung und Regionalisierung gravierend veränderten Marktbedingungen eingestellt und lege stark zu, sagen Molon und Buttler. Die Outdoorsparte mit dem Rucksackhersteller Deuter und Ortovox als bekannteste Marken wächst im hohen einstelligen Prozentbereich. Vor allem Dank Ortovox, wo sich eine neue Kletter-Kollektion gut verkauft und vor allem der Einstieg in das Geschäft mit Mountainbikes gelungen ist. Am 1. Juli ist auch das Führungsproblem gelöst; dann tritt der frühere Adidas- und Intersport-Manager Christoph Frechen als neuer Outdoor-Chef die Nachfolge von Martin Riebel an, der in den Ruhestand ging.

Ob die Schwan-Stabilo-Gruppe damit den Turnaround geschafft hat? Nein, sagt Molon, dafür brauche es noch Zeit. Zumal das Geschäft mit Schreibgeräten weiter schrumpft, trotz rekordverdächtiger Investments im Marketing. Michele Molon führt es zusätzlich zu seinem CEO-Job, nachdem sich der bisherige Spartenleiter Horst Brinkmann vor wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen verabschiedet hat. Ein Nachfolger sei allerdings bereits im Anmarsch, sagt Molon.

Die Schreibgerätebranche insgesamt steckt in der Krise. Abgesehen von Legami, einem italienischen Hersteller, dessen knuffige Tier- und Motivstifte praktischen Nutzen mit emotional-verspieltem Erscheinungsbild kombinieren, weshalb die Stifte ein Renner unter Schulkindern ist. Den etablierten deutschen Schreibgerätemarken wie Faber-Castell, Staedtler, Pelikan oder eben auch Stabilo geht es aber allesamt nicht gut. Die Umsätze purzeln, in Summe Hunderte Arbeitsplätze wurden in den vergangenen Monaten abgebaut. Gleich von mehreren Seiten sind die Stiftehersteller unter Druck geraten.

Die Gründe sind vielschichtig. Da ist die Digitalisierung, die Menschen mehr auf Displays tippen als mit Hand und Stift auf Papier schreiben lässt. Der Paralleltrend zum Tablet in der Schule und dem papierlosen Büro ist auf mittlere und lange Sicht das vielleicht größte Zukunftsproblem. Hinzu kommen die Folgen der Trump’schen Protektions-, Kriegs- und Zollpolitik, die daraus resultierende allgemeine Wirtschaftsflaute, die hohen Energie- und Rohstoffpreise. Die Lager sind voll, die Märkte übersättigt, der Abverkauf funktioniert oft nur mit hohen Rabatten. So geht das seit zwei Jahren schon.

Bei Schwan-Stabilo soll es nun also Michele Molon richten, gemeinsam mit Anke Buttler selbstverständlich. Er ist ein erfahrener Mann in der Konsumgüterbranche, aber eben kein Mitglied der Eigentümerfamilie wie es sein Vorgänger Sebastian Schwanhäußer in fünfter Generation war. Bei Swarovski verantwortete Molon bis zu seinem Wechsel vor acht Monaten nicht nur den Posten des Vertriebschefs, sondern spielte auch eine wichtige Rolle bei der Neuausrichtung des Tiroler Kristallkonzerns. Erste Erfahrungen in der Schreibgerätebranche sammelte Molon vorher schon beim Füllfederhalter-Hersteller Montblanc.

Nach seinen ersten acht Monaten bei Schwan-Stabilo hört man durchaus Unterschiedliches aus der Belegschaft. Er arbeite viel, sei charismatisch und durchaus mitreißend, heißt es, aber auch entscheidungsfreudig und unmissverständlich in seinen Ansagen. „Ein Oberdemokrat ist er nicht, er macht“, sagt einer der Altgedienten. Von denen beklagen einige, der für Schwan-Stabilo lange charakteristische, familiäre Charakter gehe allmählich verloren, Molon sei sogar „ein kleiner Kulturschock“. Andere sagen, dass die Firma gerade in diesen Zeiten genau so jemanden brauche; einen, der wachrüttle, antreibe und angestammte Pfade verlasse.

Michele Molon sagt, Schwan-Stabilo schöpfe „das vorhandene Potenzial nicht aus“, denn das sei in Wahrheit größer, als es die Zahlen ausdrücken. Finanziell sei die Firma stabil und gesund, sie brauche aber mehr Drive und Disziplin. „Es kommt auf die richtigen Investments an und das richtige Design“, sagt er. Und auf Tempo und Leistung. Von wegen „bassd scho“ - „gut genug ist manchmal nicht gut genug.“

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