SPIEGEL: Herr Levine, vor 16 Jahren haben Sie den Weltbestseller »Attached« geschrieben und damit die Idee der verschiedenen Bindungsstile in romantischen Beziehungen auch Laien bekannt gemacht. In einem amerikanischen Magazin las ich nun: Der Erfolg war Ihnen peinlich. Wieso das?
Levine: Ich bin Neurowissenschaftler und Psychiater, arbeitete im Labor, in der Klinik und mit Patienten. So ein populärer Selbsthilferatgeber kann einem in der akademischen Welt den Ruf ruinieren.
SPIEGEL: Warum haben Sie ihn geschrieben?
Levine: Die Idee kam mir, als ich während meiner Facharztausbildung in einer therapeutischen Einrichtung für traumatisierte Mütter arbeitete. Wir unterstützten sie dabei, eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, so kam ich in Kontakt mit der von Psychiater John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelten Bindungstheorie. Zur gleichen Zeit litt ich unter der Trennung von meiner damaligen Partnerin und bekam den Eindruck: Auch bei Erwachsenen erklärt der individuelle Bindungsstil so viel.
SPIEGEL: Für alle, die es noch nicht kennen: Können Sie das Konzept kurz erklären?
Levine: Ich unterscheide vier Bindungsstile: ängstlich, vermeidend, sicher und ängstlich-vermeidend – je nachdem, wie wichtig jemandem Intimität und Nähe ist und wie empfindlich man auf vermeintliche Bedrohungen dieser Nähe reagiert. Der ängstliche Typ braucht viel Bestätigung und fürchtet um die Beziehung, sobald zu viel Abstand entsteht. Für den vermeidenden Typ ist es umgekehrt, er schätzt seine Eigenständigkeit und fühlt sich in einer engen Partnerschaft schnell erdrückt. Der sichere Typ kann mit beidem umgehen: Er mag Nähe, bekommt aber nicht sofort Panik, wenn der Partner sich mal nicht meldet. Wer ängstlich und vermeidend ist, verhält sich in Beziehungen oft widersprüchlich. Erst will man ganz viel Intimität, dann hält man sie nicht aus.
SPIEGEL: Ängstlich-vermeidend klingt nicht so gut. Wahrscheinlich sollte man versuchen, einen sicheren Partner abzubekommen, oder?
Levine: Ich halte nicht viel von einer Rangfolge. Cindy Hazan und Phillip Shaver haben in den Achtzigerjahren Bowlbys Theorie auf romantische Beziehungen übertragen und kommen in ihrer Forschung zu dem Ergebnis, dass sichere Menschen am längsten zusammenbleiben. Das bedeutet aber nicht, dass sie am glücklichsten sind. Ängstlich-vermeidend ist der seltenste Bindungstyp, nur etwa zwei bis drei Prozent der Menschen gehören in diese Gruppe. Manche Therapeuten gehen von einem Zusammenhang mit traumatischen Ereignissen aus. Ich denke aber, dass kein Bindungsstil krankhaft ist.
SPIEGEL: Sondern?
Levine: Entweder funktioniert das eigene Bindungsverhalten in den Beziehungen, die man führen möchte, oder es tut es nicht. Dann muss man darüber nachdenken, wie man das verbessern kann. Dafür ist es sinnvoller, den eigenen Bindungsstil zu verstehen, anstatt die ganze Zeit gegen die eigene Biologie zu arbeiten.

