Hauptmann Florian M. hat sich aus seiner Wohnung ausgesperrt an diesem Morgen, als er den Müll rausbrachte. Nun versucht er, seine Vermieterin zu erreichen. Vielleicht kann sie den Schlüssel für ihn irgendwo hinterlegen? Aber sie geht nicht ans Telefon. Für so etwas hat der Hauptmann, der gekommen ist, um die Ostflanke zu sichern, eigentlich überhaupt keine Zeit.
Ein Mittwochnachmittag Ende März, M. steht am Ufer des Neris in Vilnius und beobachtet eine Marschstrecke. Da kommen sie schon angelaufen, die Soldatinnen und Soldaten aus Deutschland mit Flecktarn und Rucksack, manche davon sind ihm unterstellt. Einige marschieren allein, andere in Dreier-, Vierer-, Fünfergruppen. Es ist kalt, der Frühling hat hier noch nicht richtig begonnen. Der Marsch entlang des Flusses ist eine ihrer vielen Übungen, dient aber auch dazu, Präsenz zu zeigen in der Stadt: Wir sind hier, wir sind für euch da. Wir, die deutsche Bundeswehr.
M. trägt Uniform, ein rotes Barett, Vollbart. Er ist 29 Jahre alt und Chef der 14. Kompanie des Feldjägerregiments 1, Brigade Litauen. Sein Nachname darf zu seinem Schutz hier nicht genannt werden. Er hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick auf die Kolonne gerichtet, die jetzt an ihm vorbeizieht. Ein Soldat ruft ein knappes »Hallo Chef« rüber, M. lächelt, grüßt zurück, alles locker. Kein strenger Ton, kein Salutieren, schließlich ist das hier noch kein Krieg.
