Daniela Klette betritt die zum Hochsicherheitstrakt umgebaute Reithalle, da steht die linke Hälfte des Zuschauerraums fast geschlossen auf, applaudiert. Viele von ihnen dürften der autonomen Szene angehören. Im strömenden Regen sind sie an den Stadtrand von Verden (Niedersachsen) gekommen, um der 67-Jährigen an diesem Tag beizustehen. Klette winkt mit erhobenen Armen, lächelt, Daumen hoch.
Ihre Anhängerinnen und Anhänger feiern sie als ehemaliges Mitglied der linksterroristischen Rote Armee Fraktion (RAF). Als eine der meistgesuchten Frauen, die jahrzehntelang im Untergrund alle ausgetrickst hat. Die sich und ihren Ansichten treu blieb. Für sie ist die Angeklagte Daniela Klette primär eins: eine politische Gefangene.
Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen
Um Taten, die der RAF zugerechnet werden, geht es in diesem Prozess aber gar nicht. Klette ist angeklagt wegen mehrerer Raubüberfälle und versuchten Mordes. Seit mehr als zwei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft. Zwischen 1999 und 2016 soll sie maskiert und teils schwer bewaffnet Geldtransporter und Supermärkte überfallen, mehr als zwei Millionen Euro erbeutet haben, um nach der offiziellen Selbstauflösung der RAF ihr Leben im Untergrund zu finanzieren,
In einem ausgebrannten Fluchtfahrzeug hatten Ermittler Spuren gesichert, die auf Klette und ihre mutmaßlichen Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg hindeuten. Die beiden Männer sind noch immer flüchtig.
In Verden, draußen im Regen, stehen vermummte Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen, in der Region herrscht höchste Sicherheitsstufe. In einer Eskorte von mehreren Polizeiwagen ist Daniela Klette kurz zuvor zu dem schwer gesicherten Gelände an dieser abgelegenen Landstraße gebracht worden. Sie freut sich sichtlich über die Solidarität auf der anderen Seite der gepanzerten Glasscheibe, blickt immer wieder zum Publikum. Als das Gericht den Saal betritt, müssen sich alle erheben. Ein ungeschriebenes Gesetz, eine Anerkennung der Richter als Vertreter des Staates. Einige Unterstützer provozieren, bleiben sitzen, müssen extra aufgefordert werden.
30 handgeschriebene Seiten
Es könnte der vorvorletzte Verhandlungstag sein in einem spektakulären Prozess, der im März 2025 begann und an dessen Ende Daniela Klette zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt werden könnte. Sie weiß, was auf dem Spiel steht. Sie hat sich vorbereitet. In ihrer Zelle hat sie ein Plädoyer formuliert, das sie selbst vortragen will. 30 handgeschriebene Seiten.
