SPIEGEL: Frau von Weiler, wir haben kürzlich über sexuelle Gewalt in einem Hamburger Segelverein berichtet. Sie sagen, Missbrauchstäter handelten strategisch. Was heißt das konkret?
Weiler: Sie suchen gezielt Strukturen, in denen sie Macht ausüben und sich unverzichtbar machen können – als Trainer, Mentor oder Betreuer. Gerade im Ehrenamt ist Engagement sehr willkommen.
SPIEGEL: Missbrauch beginnt also nicht mit einem Überfall.
Weiler: Fast nie. Der Täter oder die Täterin nimmt sich Zeit, baut Vertrauen zu den Kindern auf und sucht dabei gezielt nach denen, die vulnerabel erscheinen oder Halt suchen. Um die man sich kümmern kann. Dann überschreitet er oder sie langsam Distanzgrenzen, oft durchaus für alle sichtbar: Kinder auf den Schoß nehmen, sie umarmen oder streicheln.
SPIEGEL: Das soll über den eigentlichen Plan hinwegtäuschen?
Weiler: Ja. Erst später tastet er sich weiter voran, probiert, wie weit er gehen kann, bis hin zu schwerem Missbrauch. Schöpfen Eltern Verdacht, wird dies als »Missverständnis« umgedeutet. Täter und Täterinnen sind oft sozial hochintelligent und nutzen das Bedürfnis der meisten Menschen, Ungeheuerliches nicht wahrhaben zu wollen.
