Die E-Mail erreichte SOS-Kinderdorf im März 2019. Der Absender schildert darin, was ihm gut fünf Jahrzehnte davor widerfahren sei, auf einer Kur mit seiner Mutter in Nordhessen im Jahr 1968, wo auch ein »berühmter Mann« zugegen war. An einem Abend sei er, damals ein Jugendlicher, in seinem Einzelzimmer durch den Ruf dieses Mannes geweckt worden, »Wo ist der Bub«? Dann sei es zu einem physischen Kontakt gekommen, den er nicht näher beschreiben wolle. Der berühmte Mann habe ihn massiv bedrängt, erst nach ein paar Minuten habe er sich befreien können. Ihm stehe eine Entschädigung zu.
Der Autor der E-Mail nennt auch den Namen des Beschuldigten: Hermann Gmeiner, Gründer von SOS-Kinderdorf, einer der weltweit größten karitativen Organisationen mit mehr als 550 Kinderdörfern in mehr als 130 Ländern. Ein Hort des Guten, wo die Schwächsten der Gesellschaft Fürsorge erfahren sollen.
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Eine Antwort bekam das mutmaßliche Opfer nicht, nachdem die Nachricht vor sieben Jahren im Dialogzentrum von SOS-Kinderdörfer weltweit angekommen war, dem deutschen Förderverein der Organisation mit Sitz in München. Die E-Mail sowie weiterer interner Mailverkehr liegen dem SPIEGEL vor. Der Absender sprach von einem einschneidenden und traumatischen Erlebnis, mit dem er in seinem Leben immer wieder konfrontiert worden sei, in der Realität und in seinen Träumen.
Ob die Anschuldigungen in der E-Mail zutreffen, lässt sich nicht nachprüfen. Nachvollziehen lässt sich aus den Unterlagen aber, wie die Nachricht bei SOS-Kinderdörfer weltweit zunächst relativiert wurde. Und wie die Verantwortlichen die Vorwürfe schlicht ignorierten.
Erst im November 2025 tauchte der Fall plötzlich wieder auf, wegen eines anderen Skandals. Die österreichische Sektion von SOS-Kinderdorf hatte öffentlich gemacht, dass der zeitlebens als Wohltäter und Kinderfreund gefeierte Hermann Gmeiner seit den Fünfzigerjahren Kinder missbraucht haben soll. Es gebe gegen Gmeiner glaubhafte Vorwürfe zu sexuellen und physischen Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche. Der deutsche SOS-Förderverein ließ daraufhin intern ebenfalls nach möglichen Gmeiner-Fällen suchen und fand die E-Mail von 2019. Auch der Umgang mit der Meldung des mutmaßlichen Opfers wurde dabei dokumentiert.
Mit der Krisenbewältigung überfordert?
Seitdem die Vorwürfe aus Österreich, wo die Organisation ihren Ursprung hat, bekannt wurden, tobt ein Sturm bei SOS-Kinderdorf. Hermann Gmeiner ist bereits 1986 verstorben, doch der Fall aus den Sechzigerjahren und die verzögerte Aufarbeitung setzen SOS-Kinderdorf auch in Deutschland unter Druck. Die Organisation, die weltweit jährlich mehr als eine Milliarde Euro einnimmt, sieht sich mit einer Serie von Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, die nicht nur Gmeiner betreffen, sondern eine größere Zahl von Betreuerinnen und Betreuern. Die Berichte der Opfer zeugen von Missbrauch verschiedener Art in den Kinderdörfern.
Der SPIEGEL hat mit aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Ländern gesprochen, Dokumente und E-Mails gesichtet. Kaum jemand will zitiert oder namentlich erwähnt werden. Hört man in die Organisation hinein, ergibt sich das Bild eines schwerfälligen, von intransparenten Strukturen geprägten Apparats, der mit der Krisenbewältigung überfordert zu sein scheint.
