Es gibt ein jiddisches Sprichwort, das geht so: »Weil Gott nicht überall sein konnte, hat er die Mütter erschaffen«. Darin steckt, und zwar kultur- und religionsübergreifend, eine tiefgehende Wahrheit über unser Bild von Mutterschaft: Die Frau, die uns zur Welt gebracht hat, soll allgegenwärtig, unersetzlich, allmächtig sein. Sie ist für alles verantwortlich, was ihr Kind betrifft, jetzt und immerdar. Oder? Was heißt Mutterschaft, welche Erwartungen, Ansprüche, Tabus sind mit dieser Rolle, die als spezielle Daseinsform verstanden wird, in unserer Gesellschaft verbunden?
War Opa Nazi?
Die digitale NSDAP-Mitgliederkartei entlarvt deutsche Familienlügen. Aus Vorfahren werden Täter und Mitläufer, ein Land muss seine Vergangenheit neu prüfen.
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In dem Buch »Alle meine Mütter« spürt die Autorin Lena Gorelik diesen Fragen nach. Entstanden ist eine literarische Collage, ein Puzzle aus Beobachtungen, Sprichwörtern wie dem obigen, historischen Fakten, gewiss nicht wenigen autobiografischen Erfahrungen.
Entstanden sind 272 Seiten voller Zärtlichkeit, Liebe und erschütternder Momente.
Mutter mit Kind: Auch um Glück geht es, den Geruch verschwitzter Kinderköpfe
Foto: Elisa Schu / dpaGorelik, 1981 im damaligen sowjetischen Leningrad geboren, Mutter zweier Söhne und Tochter einer offenbar wunderbar lebensklugen Frau (und eines liebevollen Vaters), beginnt ihr Buch mit Fakten: Sie schreibt über die massenhaften Abtreibungen in der Sowjetunion. Fast scheu nähert sie sich zunächst dem Thema, tastend.
Seitenlang beschreibt sie den Weg einer unbekannten, namenlosen Frau auf dem Weg in die Abtreibungsklinik: »Sie könnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie könnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt. […] Die Zärtlichkeit versteckt sie, damit die Tochter aufs Leben vorbereitet ist, damit die Tochter weiß, dass das Leben kein Spaziergang ist, obwohl die Tochter doch genau da drinsteckt, mitten in diesem Leben, obwohl sie doch jetzt gerade dabei ist, das zu tun, was dieses Leben von ihr erwartet. […] Sie könnte heißen wie ich, könnte so heißen wie jemand, die ich kenne.«
