SPIEGEL: Herr Flossbach, trotz des Irankriegs herrscht Risikofreude an der Börse. Der amerikanische Leitindex S&P 500 hat vor Kurzem sogar einen Rekordstand erreicht. Leiden Aktionäre an kollektivem Realitätsverlust?
Flossbach: Der Irankrieg und der gestiegene Ölpreis werden von einem anderen Thema überstrahlt: Der Boom der künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen Investitionen in Datenzentren beflügelt die Fantasie der Aktionäre.
Bert Flossbach, Jahrgang 1961, gilt als einer der prominentesten Fondsmanager in Deutschland. Er ist Co-Gründer der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, die nach eigenen Angaben ein Kundenvermögen von rund 70 Milliarden Euro betreut.
SPIEGEL: Die Internationale Energieagentur spricht von der größten Energiekrise aller Zeiten, die USA und Iran überziehen sich fast täglich mit neuen Drohungen, und all das spielt an der Börse keine Rolle?
Flossbach: So ist es zumindest zurzeit.
SPIEGEL: Wie kann das sein?
Flossbach: Viele Menschen überschätzen die Auswirkungen von Geopolitik auf die Börsen. Auf das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft, das wesentlich durch den KI-Boom getrieben wird, hat der Konflikt kaum einen Einfluss. Man kann den nüchternen Blick der Finanzmärkte auf die Welt gut oder schlecht finden. Aber für viele Menschen in Deutschland oder den USA sind die Konsequenzen des Irankriegs nicht sonderlich groß, sofern er nicht zum Dauerzustand wird.
