SpOn 02.05.2026
14:09 Uhr

Anne Boleyn: Forscher wollen verschollenes Porträt per KI identifiziert haben


Als Heinrich XIII. seine zweite Frau Anne Boleyn hatte hinrichten lassen, sollte alles, was an sie erinnerte, vernichtet werden. Darum gibt es kaum gesicherte Bildnisse von ihr. Wissenschaftler wollen mithilfe von Gesichtserkennung nun ein Porträt entdeckt haben. Kunstkritiker sind skeptisch.

Anne Boleyn: Forscher wollen verschollenes Porträt per KI identifiziert haben

Ein Team aus Historikern aus Großbritannien will in einer Skizze des Malers Hans Holbein, dem Jüngeren, das Porträt von Anne Boleyn erkannt haben.

Das Forschungsteam von der University of Bradford nutzte verschiedene Zugänge, um die Frau als Anne Boleyn identifizieren zu können – darunter zeitgenössische Textbelege, biometrische Daten sowie eine Gesichtserkennungssoftware. Die Zeitschrift »Nature« berichtete über die Ergebnisse.  

Boleyn war die zweite Ehefrau von König Heinrich VIII. und wurde im Jahr 1536 hingerichtet. Ihr wurden Ehebruch, Inzest und Hochverrat vorgeworfen. Es gibt kein allgemein anerkanntes Bild von Anne Boleyn, das zu Lebzeiten von ihr entstanden ist. Expertinnen und Experten rätseln schon seit Jahrhunderten, wie Boleyn tatsächlich aussah.

Bislang waren sich Experten einig, dass es sich bei der Zeichnung mit der Katalognummer Royal Collection Inventory Number (RCIN) 912189 um Anne Boleyn handelt. Die Hauptautorin des »Nature«-Artikels Karen L. Davies  hat sich intensiv mit dem Leben von Anne Boleyn beschäftigt – und bezweifelt nun, dass auf der Zeichnung tatsächlich Boleyn zu sehen ist.

Skizze RCIN 912189: Lange glaubte man, dies hier sei Anne Boleyn. Oder zeigt es ihre Mutter?

Skizze RCIN 912189: Lange glaubte man, dies hier sei Anne Boleyn. Oder zeigt es ihre Mutter?

Foto: Royal Collection Enterprises Limited 2026 / Royal Collection Trust

Davies kommt zu dem Schluss, dass es zahlreiche Widersprüche in Holbeins Zeichnung RCIN 912189 gibt. In dem »Nature«-Artikel heißt es: Holbeins Porträt »widerspricht zeitgenössischen Augenzeugenbeschreibungen. Die Skizze zeigt eine Frau mit blondem Haar, kräftiger Statur und ausgeprägtem Doppelkinn, während diplomatische Berichte und Gerichtsakten Anne als dunkelhaarig und schlank mit ›einem kleinen Hals‹ beschreiben.«

Die Gesichtserkennungsanalyse und weitere Faktoren hätten ergeben, dass eine andere Skizze, die mit der Katalognummer RCIN 912190 versehen ist, Anne Boleyn zeigen soll.

Die Wissenschaftler bezeichneten die Entdeckung als »spannend« und erklärten, dass die Methodik für weitere kunsthistorische Ermittlungen genutzt werden könnte, wie die BBC berichtet.  »Das Ergebnis hat uns völlig überrascht«, sagte Karen Davies, Hauptautorin der Studie. Hunderte Jahre lang hätte niemand erkannt, dass es sich bei der zweiten Skizze um Anne Boleyn handelt.

In der kunsthistorischen Fachwelt stößt die Entdeckung laut BBC allerdings auf Skepsis, da es kein gesichertes Gemälde von Anne Boleyn gibt, das man als Bezugspunkt nutzen könnte. Zudem wird kritisiert, dass die Forscher Gesichtserkennungssoftware für Gemälde und Zeichnungen angewendet haben, die eigentlich nur bei Fotos üblich ist.

kha