SpOn 13.05.2026
13:02 Uhr

Belästigung mit Smart Glasses: Wie Frauen zur viralen Zielscheibe werden


Ungefragt wird die 28-jährige Zeina Abou Taha von einem Mann gefilmt. Das Video geht viral, in Kommentaren wird sie beleidigt. Kein Einzelfall, sondern Teil eines misogynen Social-Media-Trends.

Belästigung mit Smart Glasses: Wie Frauen zur viralen Zielscheibe werden

Ein Sommertag 2024 in Hamburg. Die 28-Jährige Zeina Abou Taha sitzt zusammen mit ihrer Freundin im Bikini in einem Park am Ufer der Alster. Irgendwo läuft Musik aus einer Box, es ist so warm, dass mehrere Parkbesucher im Fluss schwimmen.

Unvermittelt kommt ein Mann über die belebte Wiese auf die Hamburgerin zu und spricht sie an. »Sorry, ganz kurz, ich will euch beide nicht stören«, setzt er an. »Ich wollte nur sagen, dass du mir aufgefallen bist.« Dann stellt er sich vor und fragt Abou Taha, ob sie einen Freund habe. Die antwortet freundlich, dass sie vergeben sei. Er fragt, ob sie einen besseren Freund haben wolle. Abou Taha lacht aus Höflichkeit. Kurz danach wünscht der Mann den beiden einen schönen Tag und verschwindet wieder zwischen den anderen Menschen, die sich an diesem Tag an der Alster sonnen.

Abou Taha vergisst die Begegnung schnell wieder – bis ihr Schwager ihr wenige Wochen später einen Link zu einem TikTok-Video schickt. Die Nachricht wird ihr Gefühl von Sicherheit und Freiheit im öffentlichen Raum für immer verändern, so erzählt sie es heute. Abou Taha sieht auf ihrem Handy, wie sie im Bikini am Alsterufer sitzt und angesprochen wird, ob sie einen Freund hat. Das Video geht viral, erhält fast 15.000 Likes wird über 1000-mal geteilt.

Abou Taha in Amsterdam, wo sie inzwischen lebt: »Wie viel Content von mir ist denn da draußen, von dem ich nichts weiß?«

Abou Taha in Amsterdam, wo sie inzwischen lebt: »Wie viel Content von mir ist denn da draußen, von dem ich nichts weiß?«

Foto: team.recherche / SWR

Wie ist das möglich, dass der Mann, der sie ansprach, sie heimlich gefilmt hat, fragt sich Abou Taha. Mitten am Tag, im Gespräch, ohne sichtbare Kamera. Die Ich-Perspektive des Videos bringt sie darauf, dass sie mit sogenannten Smart Glasses gefilmt wurde. Dabei handelt es sich meist um Brillen mit eingebauter Kamera und Mikrofon, mit denen man telefonieren, Musik hören – und eben auch filmen kann.

»Warum bin ich jetzt in so einer verletzlichen Situation im Internet? Und jeder sieht das?«, fragt sich Abou Taha fassungslos, als sie das Video sieht. »Wie viel Content von mir ist denn da draußen, von dem ich nichts weiß?«

Abou Taha ist eine von wohl Tausenden Frauen, die heimlich mit Smart Glasses gefilmt und gegen ihren Willen ins Netz gestellt wurden. Die Videos haben teils Millionen Aufrufe. Verbreitet werden die Aufnahmen häufig unter dem Schlagwort »rizz«. Der Begriff stammt ursprünglich von einem umstrittenen US-Streamer und ist abgeleitet von dem englischen Wort Charisma. Im Jugendslang wird das Wort fürs Anbaggern oder vermeintliche Flirt-Fähigkeiten genutzt. Allein auf Instagram finden sich mehr als 940.000 Videos zu dem Hashtag, nicht alle zeigen problematische oder übergriffige Situationen. Manche der Videos scheinen auch abgesprochen zu sein.

Doch viele der »Rizz«-Videos im Netz folgen stets dem gleichen Plot, der auch in Abou Tahas Video zu sehen ist: Männer sprechen Frauen mit plumpen Flirtversuchen an – an Orten wie in Bars, am Strand oder im Park. Die Videos von den kurzen Dialogen landen später auf den Kanälen der Männer. Das Phänomen ist so groß, dass für diese Art von Influencern im Netz der Begriff »Rizzfluencer« entstanden ist.

Ausschnitte aus »Rizz«-Videos auf Instagram (im Original ungepixelt): Kommentarspalten voller Frauenverachtung

Ausschnitte aus »Rizz«-Videos auf Instagram (im Original ungepixelt): Kommentarspalten voller Frauenverachtung

Foto: Instagram

Auch aus Deutschland gibt es zahlreiche solche Videos. Abou Tahas Video etwa wurde mit der Anmerkung »German Rizz« bei TikTok hochgeladen. Die Kommentarspalten unter den »Rizz«-Videos sind regelmäßig voller misogyner Beschimpfungen. Die Frauen werden als Schlampen bezeichnet, oder es wird darüber geschrieben, wie sie nach dem Video vermeintlich Sex haben. Auch unter dem Video vom Alsterufer finden sich frauenverachtende Kommentare. »Viele nackte Frauenärsche. Das Paradies«, schreibt ein User. »Wie nuttig die Weiber heutzutage sind«, kommentiert ein anderer über Abou Taha und ihre Freundin. »Das hat sehr wehgetan«, sagt Abou Taha dazu. Sie könne bis heute nicht verstehen, was Leute sich herausnehmen, fremde Personen so zu beleidigen.

Journalistinnen des SWR berichten über den Fall im Rahmen einer neuen Reportage für das investigative Doku-Format team.recherche. Der SPIEGEL hat das heimlich gefilmte Video und weitere Unterlagen zu dem Fall geprüft. Die Geschichte zeigt, wie dreist »Rizzfluencer« im Alltag vorgehen, wenn sie ihre heimlichen Aufnahmen machen. Und sie offenbart eine bisher weniger beachtete Form der Belästigung von Frauen im Netz. Eine Belästigung, bei der Social-Media-Plattformen und das deutsche Rechtssystem die Betroffenen nur bedingt schützen.

Brillen von Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg stellt ein Modell seiner Smart Glasses vor: Heimlich zu filmen, ist verhältnismäßig leicht

Mark Zuckerberg stellt ein Modell seiner Smart Glasses vor: Heimlich zu filmen, ist verhältnismäßig leicht

Foto: David Paul Morris / Bloomberg / Getty Images

Für die »Rizzfluencer« sind die Smart Glasses ein wichtiges Werkzeug. Die wohl bekanntesten Modelle auf dem Markt, die Ray-Ban Meta Glasses, machen es ihnen dabei verhältnismäßig leicht, heimlich zu filmen. Die Brille sieht aus wie die klassischen Ray-Ban-Modelle mit etwas dickeren Bügeln. Verkauft werden wird sie vom Meta-Konzern von Mark Zuckerberg in Kooperation mit Ray-Ban-Hersteller EssilorLuxottica. Ein Lämpchen am rechten Bügel soll zu erkennen geben, wenn die Brille filmt. Doch das kann man umgehen, im Netz kursieren entsprechende Erklärvideos.

Weltweit wurden laut Hersteller bereits mehr als sieben Millionen Smart Glasses verkauft. Meta teilt auf Anfrage mit, dass User prinzipiell selbst für den Umgang mit Smart Glasses verantwortlich seien. Man habe bereits rechtliche Schritte gegen Personen eingeleitet, die zur Manipulation aufrufen würden.

Auf der zu Meta gehörenden Social-Media-Plattform Instagram funktionieren die Inhalte der »Rizzfluencer« sehr gut. Das zeigt etwa der Fall von Erick Ronaldo, dem auf Instagram 1,3 Millionen Nutzer und auf TikTok sogar 1,8 Millionen folgen. Ronaldo ist im Netz unter anderem mit seinen mit Smart Glasses gefilmten Videos groß geworden und postet sie aus der ganzen Welt: vom Oktoberfest in München, vom Strand in Brasilien, von der Partymeile in Miami.

Einige der »Rizzfluencer« sind auch sogenannte Pick-up-Artists. Das sind selbst ernannte Dating-Coaches, die fragwürdige Verführungskünste und manipulative Anmachsprüche verkaufen. Sie sind Teil der sogenannten »Manosphere«, einer gemischten Onlineszene, die von antifeministischen Influencern bis zu radikalen Frauenhassern reicht.

Abou Taha schlägt zurück

Abou Taha will das Video vom Alsterufer aus dem Netz bekommen. Zuerst schreibt sie dem Account, der das Video gepostet hat, aber er ignoriert sie. Dann meldet sie das Video bei TikTok. Doch die Plattform habe ihr nur geschrieben, dass das Video in Regionen, wo es gegen den Datenschutz verstößt, offline genommen werde, erzählt Abou Taha heute.

Das ist ihr zu wenig, also nimmt sie selbst ein Video auf: »Hey, ich bin das Mädchen aus dem Video. Und der Magger hat einfach mich und meine Freundin im Bikini gefilmt, ohne uns Bescheid zu geben und das dann bei TikTok hochgeladen«, sagt sie in dem Video. Der Clip geht viral und hat heute fast 450.000 Aufrufe. Sie bekommt viele unterstützende Nachrichten, aber auch neue Beleidigungen.

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Der Nutzer, der das Video hochgeladen hat, nennt sich auf TikTok »german.rizzler«. In Abou Tahas Erinnerung ist er ein junger Mann, sie schätzt ihn auf Anfang zwanzig. Nachdem Abou Tahas Video viral geht, meldet er sich doch. Er entschuldigt sich und schreibt, dass er das Video gar nicht habe posten wollen, es aber viraler gegangen sei, als er dachte. Letztendlich löscht er das Video. Eine Interviewanfrage der SWR-Journalistinnen lehnt er ab, ihre schriftlichen Fragen lässt er unbeantwortet.

Rechtlich unklare Lage

Laut der Rechtswissenschaftlerin Indra Spiecker ist die juristische Durchsetzung für Betroffene heimlichen Filmens aktuell kompliziert und unklar. Oft müssten sie sich allein wehren, sagt sie. »Wir haben aktuell eine Gesetzeslücke im Strafrecht, wenn gefilmt wird im öffentlichen Raum, weil es strafrechtlich in aller Regel nicht belangt werden kann.«

Abou Tahas Reaktion nennt sie »klug«. Die Chance, dass auf diese Weise Videos offline genommen werden, sei viel größer »und es geht sehr viel schneller als das, was wir an klassischen rechtlichen Instrumenten haben«, sagt Spiecker.

Das Bundesjustizministerium hat kürzlich einen neuen Gesetzentwurf zum Thema sogenannter Digitaler Gewalt vorgelegt. In diesem steht auch, dass in Zukunft unbefugte Bildaufnahmen strafbar werden, in denen bekleidete Personen »in sexuell bestimmter Weise« abgebildet sind. (Lesen Sie hier mehr über den Gesetzentwurf.)

Doch auch mit diesem Paragrafen hätte »german.rizzler« vermutlich nicht strafrechtlich belangt werden können, sagt Spieker. Ob das Video Abou Taha »in sexuell bestimmter Weise« abbildet, sei fraglich.

Abou Taha geht seit dem Vorfall anders durch ihren Alltag. »Es hat sich wie eine ›Black Mirror‹-Episode angefühlt, in der einem wirklich klar wird, was Technologie auch anrichten kann«, sagt sie. Sie sei inzwischen viel vorsichtiger, wenn sie Menschen mit großen Brillen sieht. Ihr eigenes Video über den Vorfall am Alsterufer hat sie online gelassen. Sie will andere Frauen warnen und über das heimliche Filmen mit Smart Glasses aufklären.

Die gesamte Recherche zu Belästigung mit Smart Glasses ist im Auftrag des SWR für das investigative Doku-Format team.recherche entstanden. Die Doku »Heimlich gefilmt – online gedemütigt: Warum Du jetzt nirgends mehr sicher bist« ist in der ARD Mediathek abrufbar.