SpOn 20.05.2026
10:47 Uhr

Bosnienkrieg: Österreich ermittelt gegen Verdächtige wegen Sniper-Tötungen in Sarajevo


Erst Italien und Bosnien-Herzegowina, nun Österreich: In Wien ermitteln die Behörden gegen zwei Verdächtige, die im Bosnienkrieg vor 30 Jahren Geld gezahlt haben sollen, um Jagd auf Zivilisten zu machen.

Bosnienkrieg: Österreich ermittelt gegen Verdächtige wegen Sniper-Tötungen in Sarajevo

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges hat die Justiz in Österreich Ermittlungen gegen zwei Verdächtige aufgenommen, die als sogenannte Wochenend-Scharfschützen auf Zivilisten im belagerten Sarajevo geschossen haben sollen. Die Ermittlungen liefen seit dem 25. April gegen einen österreichischen Staatsbürger und einen weiteren bislang nicht identifizierten Verdächtigen, teilte das Justizministerium in Wien mit.

Die frühere Grünen-Justizministerin Alma Zadić hatte dazu eine parlamentarische Anfrage im Nationalrat in Wien an die österreichische Regierung gerichtet.

Nach österreichischen Medienberichten soll es valide Verdachtsmomente gegen die beiden Betroffenen geben. Eine der Österreicher soll während des Bosnienkriegs Anfang der 1990er Jahre nach Sarajevo gereist sein, um dort während der Belagerung der Hauptstadt durch die serbische Armee und mit ihr verbündeter Milizen als Scharfschütze auf Zivilisten zu schießen. Diese sollen als Jagdtouren am Balkan getarnt gewesen sein.

»Bei den Vorwürfen handelt es sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Es darf keinen Platz für Straflosigkeit geben«, sagte Zadić in einer Presseerklärung.

Mit dem Dokumentarfilm »Sarajevo Safari« des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič aus dem Jahr 2022 hatten Recherchen zu mutmaßlichen Reisen von »Wochenend-Scharfschützen« in den Jahren 1993 bis 1995 in jüngster Zeit zugenommen. Reiche Ausländer sollen während des Bosnienkriegs den damaligen bosnisch-serbischen Streitkräften hohe Summen gezahlt haben, um in Sarajevo einige Tage auf Zivilisten schießen zu können.

Die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karić, erstattete nach der Ausstrahlung des Dokumentarfilms in Bosnien Anzeige. Die Staatsanwaltschaft in Sarajevo ermittelt wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen.

In seinem im März erschienenen Buch »I Cecchini del Weekend« (Wochenend-Scharfschützen) zitiert der italienische Journalist Ezio Gavazzeni einen Franzosen, der kleine Gruppen dieser zahlenden »Kriegstouristen« begleitet haben will. Diese stammten demnach aus Italien, Frankreich, Belgien, der Schweiz, Österreich und Russland. Organisiert wurden die Reisen dem Buch zufolge von einem Unternehmen in Mailand. Laut dem Franzosen waren die Kunden zumeist älter als 50 Jahre und wohlhabend.

Zuletzt hatte in Deutschland die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, mit einer Kleinen Anfrage bei der Bundesregierung nach möglichen deutschen Erkenntnisse nachgefragt.

Die Antworten, die dem SPIEGEL vorliegen , fielen aus Sicht der Grünen enttäuschend aus. Unter anderem hatte das Bundesinnenministerium auf den Aufwand der Nachforschungen sowohl in den Bundes- und Landesbehörden als auch bei der Generalbundesanwaltschaft verwiesen, in denen unter anderem händisch Akten aus den Neunzigerjahren nachzugehen seien.

Allein der mit der »händischen Suche verbundene Aufwand würde die Ressourcen für einen nicht absehbaren Zeitraum vollständig beanspruchen und ihre Arbeit zum Erliegen bringen«, so die Antwort der Bundesregierung.

Deutsche Grüne Mihalic: Mehr Engagement der Bundesregierung

Nach Bekanntgabe der österreichischen Ermittlungen sagte Mihalic am Mittwoch auf eine Frage des SPIEGEL, es sei offensichtlich für die österreichische Regierung »mit weniger Aufwand verbunden«, dem Vorgang nachzugehen als für die deutsche Regierung.

»Dass die Bundesregierung sich darauf zurückzieht, dass der Aufwand zu groß ist, kann ich angesichts der wirklich schwersten Verbrechen in keiner Weise nachvollziehen«, so Mihalic.

Sie habe zwar ein gewisses Verständnis dafür, dass im föderalen System der Bundesrepublik eine Aktensichtung bei den unterschiedlichen Behörden mit einem großen Aufwand verbunden sei. Aber gerade im Falle des Generalbundesanwaltschaft »fehlt mir dafür jedes Verständnis, warum man das nicht wenigstens versucht«, kritisierte sie die Bundesregierung. Die Generalbundesanwaltschaft sei eine Bundesbehörde »und da gibt es einen direkten Durchgriff«, so Mihalic, die von Beruf Polizistin ist.

»Ich finde, die deutsche Bundesregierung täte gut daran, da auch mehr Engagement zu zeigen und wirklich doch mehr in den Aufklärungswillen zu investieren und zumindest den Versuch zu unternehmen, herauszufinden, ob auch´Deutsche an diesen entsetzlichen Taten in irgendeiner Art und Weise beteiligt waren«, so die Grüne.

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Die vierjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo durch die bosnischen Serben gehört zu den dramatischsten Ereignissen des Bosnienkriegs. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie auf den umliegenden Hügeln wurden in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt von April 1992 bis November 1995 etwa 11.500 Männer, Frauen und Kinder getötet und mehr als 50.000 Menschen verletzt. Lesen Sie hier mehr darüber .

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels waren Mihalics Zitate teils fehlerhaft wiedergegeben. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.

atr/sev/AFP