SpOn 16.09.2026
13:39 Uhr

Den Haag: Kosovarischer Ex-Präsident Hashim Thaçi zu 25 Jahren Haft verurteilt


96 Mordfälle, Folter, Verfolgung: Das Sondergericht in Den Haag hat den früheren Kosovo-Präsidenten Thaçi zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Die Anklage hatte noch mehr gefordert.

Den Haag: Kosovarischer Ex-Präsident Hashim Thaçi zu 25 Jahren Haft verurteilt

Der ehemalige Präsident Kosovos, Hashim Thaçi, ist wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach einem drei Jahre währenden Prozess sah es das Kosovo-Sondergericht in Den Haag unter anderem als erwiesen an, dass er in 96 Fällen für politische Morde verantwortlich war. Zudem wurden ihm weitere schwere Verbrechen wie Folter und Verfolgung sowie willkürliche Inhaftierung von Unschuldigen zur Last gelegt.

Für die Kriegsverbrechen, die Ende der Neunzigerjahre begangen wurden, hatte die Anklage 45 Jahre Haft gefordert. Die Verteidigung forderte Freispruch.

Der Anklage zufolge gehörten Thaçi und drei Mitangeklagte der Führungsriege der kosovo-albanischen Befreiungsarmee (UÇK) an, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben soll. Thaçi war zwischen 2008 und 2020 Ministerpräsident, Außenminister und Präsident Kosovos. Er war von seinem Amt zurückgetreten, um sich dem Gericht in Den Haag zu stellen. Alle vier Angeklagten hatten führende Positionen in der UÇK und nach dem Krieg hohe politische Ämter inne.

Die UÇK hatte von 1998 bis 1999 gekämpft, um die Unabhängigkeit des vorwiegend von Albanern bewohnten Kosovos von Serbien zu erlangen. Das gelang schließlich mithilfe der Nato. Das Sondertribunal wurde auf internationalen Druck 2015 eingerichtet. Es gehört zum Justizsystems Kosovos, ist aber besetzt mit internationalen Richtern und Anklägern. Es war aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt worden.

Richter würdigt Zeugen

Laut Aussage des Vorsitzenden Richters Charles Smith seien Zivilisten willkürlich als serbische »Kollaborateure« und »Spione« unrechtmäßig gefangen genommen, unter brutalen und unmenschlichen Bedingungen festgehalten und ermordet worden. Die Zeugen des 2023 gestarteten Prozesses hätten »großen Mut und Entschlossenheit« bei ihren Aussagen bewiesen, erklärte Smith vor der Urteilsverkündung. Knapp 300 Zeugen hatten in dem Prozess ausgesagt, 155 Opfer waren an dem Verfahren beteiligt.

Mehr zum Thema

Thaçi nahm das Urteil äußerlich ungerührt entgegen. Der 58-Jährige hatte sich zuvor stets als »vollständig unschuldig« bezeichnet. Er kann gegen das Urteil Berufung einlegen.

Der Prozess hat gezeigt, auf welchen Mann Europa und die USA ihre Balkanpolitik ein Vierteljahrhundert lang bauten. Mehr dazu lesen Sie hier. 

jmm/dpa