SpOn 28.09.2026
15:01 Uhr

Digitale Gewalt: Warum viele Frauen ihre Online-Teilnahme einschränken


Weniger Fotos, weniger persönliche Informationen, weniger Onlineaktivitäten: Eine repräsentative Befragung des Deutschen Frauenrats zeigt, wie die Sorge vor digitaler sexualisierter Gewalt das Verhalten von Frauen verändert.

Digitale Gewalt: Warum viele Frauen ihre Online-Teilnahme einschränken

Die Mehrheit der Frauen schränkt nach eigenen Angaben ihr Verhalten im Internet und den sozialen Medien aus Sorge vor digitaler Gewalt ein. Das zeigt eine am Montag vorgestellte repräsentative Befragung im Auftrag des Deutschen Frauenrats. Das Bilendi Institut befragte dafür zwischen April und Mai dieses Jahres online 1380 Frauen von 18 bis 74 Jahren.

67 Prozent der Befragten vermeiden es, Bilder, Videos oder persönliche Informationen in sozialen Medien zu teilen, um möglichen Missbrauch zu verhindern. 63 Prozent verzichten bewusst auf bestimmte Onlineaktivitäten, um sich zu schützen. In der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen sind es 76 Prozent.

Besonders ausgeprägt ist dieser Rückzug bei Frauen, die bereits digitale oder digital-sexualisierte Gewalt erlebt haben: 73 Prozent von ihnen berichten von Verhaltensänderungen. Auch unter den Befragten ohne solche Erfahrungen sagt mehr als die Hälfte, ihr Verhalten im Netz verändert zu haben. Drei von zehn Frauen kennen zudem aus ihrem persönlichen Umfeld Fälle, in denen echtes oder künstlich erzeugtes intimes Bildmaterial ohne Einwilligung verbreitet wurde.

Erfahrungen mit intimen Bildern und Deepfakes

Knapp zwei Drittel der Befragten stimmen der Aussage zu, Frauen müssten sich im Internet vorsichtiger verhalten als Männer. 56 Prozent sehen Frauen als eine im Netz besonders gefährdete Gruppe.

Die Studie erfasst zugleich Erfahrungen mit digitaler sexualisierter Gewalt. Knapp ein Drittel der Frauen zwischen 18 und 39 Jahren und insgesamt 14 Prozent aller befragten Frauen haben laut dem Befund bereits erlebt, dass intime Bilder ohne Einwilligung digital verbreitet worden seien. Dazu gehörten etwa Nacktfotos oder private Videos, die in Chats oder auf Pornoseiten landeten. 13 Prozent der Befragten hätten bereits Erfahrungen mit sexualisierten Deepfakes und durch künstliche Intelligenz erstellten Darstellungen gemacht. Bei den 18- bis 39-Jährigen waren es 21 Prozent. Neun von zehn der Befragten fordern daher einen wirksamen Rechtsschutz gegen bildbasierte sexualisierte Gewalt und Deepfakes sowie bessere rechtliche Möglichkeiten gegen anonyme Täter.

Forderungen an Plattformen und Politik

Der Deutsche Frauenrat fordert, den Schutz Betroffener stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Sie müssten schnell und wirksam vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Dazu gehöre, die betreffenden Inhalte umgehend zu löschen. Zudem brauche es mehr Prävention. »Nicht die Frauen müssen im Netz verschwinden, sondern die problematischen Bilder«, sagte die Geschäftsführerin des Frauenrats, Judith Rahner.

Plattformbetreiber und KI-Anbieter müssten zur Verantwortung gezogen werden, sagte Rahner. Die Zahl der von KI generierten Gewaltbilder sei bereits hoch, obwohl es KI noch gar nicht so lange gebe. Staatliche Verantwortung beginne nicht erst, wenn die Gewalt bereits stattgefunden habe.

Der Jenaer Soziologe Matthias Quent sprach von einer Einschüchterung von Frauen im Netz, die Folgen habe. Während Frauen dadurch weniger sichtbar würden, würden Inhalte in sozialen Netzwerken zunehmend von Männern geprägt. Die sogenannte Manosphere lasse ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit entstehen.

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Die Juristin Theresia Rasche vom Deutschen Juristinnenbund sagte, Plattformen wie Instagram oder X seien keine neutralen Anbieter. Sie profitierten von extremen Inhalten: Je krasser das Bild oder Video sei, desto mehr Menschen klickten darauf. Plattformen müssten deshalb ihrer Verantwortung für die Verbreitung solcher Inhalte gerecht werden.

Die Schauspielerin Collien Fernandes, die ihre Erfahrungen mit digitaler sexualisierter Gewalt im Frühjahr in einer SPIEGEL-Recherche  öffentlich gemacht und damit eine Debatte ausgelöst hatte, sprach sich dafür aus, mehr Druck auf die Politik auszuüben, damit gesetzgeberische Konsequenzen gezogen werden. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte im Mai Pläne vorgestellt, nach denen etwa schon das Erstellen ungewollter sexualisierter Darstellungen unter Strafe gestellt wird. Sie müssen noch von der gesamten Bundesregierung gebilligt und anschließend im Bundestag beraten werden.

pah/KNA