Mit einer groß angelegten Durchsuchungsaktion gehen Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) seit dem frühen Morgen gegen zwei rechtsextreme Jugendorganisationen vor. Die Maßnahmen richten sich nach SPIEGEL-Informationen gegen 36 mutmaßliche Mitglieder der Gruppen »Deutsche Jugend Voran« (DJV) und »Jung und Stark« (JS). Viele von ihnen sind Jugendliche, Heranwachsende oder junge Erwachsene, der jüngste Beschuldigte ist 16 Jahre alt. Durchsucht werden nach Angaben aus Sicherheitskreisen rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern. Schwerpunkte des Einsatzes liegen nach SPIEGEL-Recherchen in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin.
Hintergrund der Großrazzia sind Ermittlungen des Generalbundesanwalts wegen des Verdachts auf Bildung krimineller Vereinigungen. Dadurch sollen offenbar vor allem Informationen zu Struktur und Vernetzung der Gruppen aufgeklärt werden. Bei den Beschuldigten handelt es sich der Bundesanwaltschaft zufolge um »herausgehobene Mitglieder« von JS und DJV. Bei dem Großeinsatz seien mehr als 600 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz. Festnahmen habe es nicht gegeben.
Hass auf Linke, Queere und Einwanderer
Aktivisten und Sympathisanten von DJV und JS fielen in der Vergangenheit wiederholt durch brutale Angriffe auf Andersdenkende auf. Die Gruppen verstehen sich als Teil einer rechtsextremen Jugendbewegung, aus der sich seit Sommer 2024 mehrere einzelne Gruppen herausbildeten.
Sie werben über Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok um Mitstreiter. Ihre Mitglieder sind oft minderjährig, sie organisieren sich in Onlinechatgruppen. Viele von ihnen gelten als militant. Ihre Feindbilder: Einwanderer, queere Menschen und Linke. Betrieben wird auch eine Art »Jagd« auf vermeintliche Pädophile.
Unter anderem wegen Störaktionen gegen Paraden zum Christopher Street Day und gewalttätigen Angriffen auf politische Gegner gerieten die Gruppen schnell ins Visier der Sicherheitsbehörden – darunter DJV und JS.
Die groß angelegte Razzia des BKA ist nicht die erste gegen Aktivisten der beiden Organisationen. Erst im vergangenen Jahr hatte das Berliner Landeskriminalamt mehr als ein halbes Dutzend Durchsuchungsbeschlüsse gegen mutmaßliche Mitglieder von »Deutsche Jugend Voran« vollstreckt. Ein Anführer der Gruppe wurde schon im Frühjahr 2025 wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Fahndungsdruck hat die Szene offenbar beeindruckt – bei »Jung und Stark« zeigen sich nach Einschätzung von Sicherheitsexperten inzwischen mancherorts Auflösungserscheinungen.
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Im Fall einer anderen Gruppe aus dem Spektrum der Jung-Neonazis hat die Bundesanwaltschaft Anklage erhoben: In Hamburg läuft seit Anfang März der Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der »Letzten Verteidigungswelle« . Ihnen wird unter anderem ein Brandanschlag auf ein Kulturzentrum in Brandenburg sowie ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim in Thüringen vorgeworfen.
Verfassungsschutz warnt vor Gefahr durch Neonazis
Nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz besteht für queere Menschen, Personen mit Migrationshintergrund und politische Gegner weiterhin eine »abstrakte Gefährdung« durch Gruppen wie DJV und JS. Zudem seien deren Mitglieder in den vergangenen Monaten wiederholt bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei »Die Heimat« (vormals NPD) und ihrer Jugendorganisation »Junge Nationalisten« festgestellt worden. Dort bemühe man sich, die Aktivisten zum Eintritt in Parteistrukturen zu bewegen.
