Laila Licious, Dragqueen:
»Ich liebe es, ich liebe es!«
Biggi Musch, Dragqueen:
»Ich find’s mega geil! Die Location ist cool. Die Leute sind gut. Es macht mega Spaß.«
Dragqueens feiern. In einer Kirche? Auf einer queeren Party? Was um Gottes willen ist denn hier los?
Möglich macht die Fete der evangelische Pfarrer Tim Lahr. Er ist auch christlicher Influencer, postet so etwas im Internet und bekommt dafür viel Hass ab.
Aber von Anfang an.
Lahr ist Pfarrer in Köln. Hier macht der 36-Jährige regelmäßig aus einer Kirche einen Partyraum. Aber um das Gotteshaus für eine Nacht so richtig queer zu gestalten, müssen erst mal alle anpacken.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Wir räumen jetzt die ganzen Bänke hier raus. Und dann wird da morgen eine Bar sein. Die Kühlschränke werden aufgefüllt und alles. Und da am Altar ist dann das DJ-Pult.«
Nichts soll mehr an staubige Gottesdienste oder alte Leute erinnern. Göttlicher Beistand aber – der soll bleiben.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Hier natürlich der Jesus, der die Garderobe bewacht. Also, wir haben auf jeden Fall die beste Garderobenbewachung der ganzen Welt.«
Lahr veranstaltet auch queere Gottesdienste. Aber gerade mit den Feiern möchte er es der Community leichter machen, in die Kirche zu kommen.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Viele queere Menschen haben ja oft ein Problem, in die Kirche zu gehen. Aber was natürlich ein Ding in der queeren Community oder immer ein Treffpunkt ist, sind Partys, Clubs. Und das Verrückte ist auch, was ich dann immer sehe, dass plötzlich queere Menschen in der Kirche tanzen, sich küssen. Also ein Raum, der eigentlich über Jahrtausende queere Menschen ausgeschlossen hat oder wo queere Menschen nicht offen vorkommen durften, dass das dann plötzlich so ein safer Space wird, da kommen mir manchmal auch die Tränen, wenn ich das sehe.«
Tim Lahr, Pfarrer:
»Äh, Entschuldigung? Hallo, ihr beiden. Wir brauchen da oben nur einen Tisch diesmal. Das ist neu.«
Auch online versucht Lahr, eine progressive Seite der Kirche zu zeigen. Während der Coronapandemie fängt er mit Social Media an.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Mein Ziel war erst mal einfach, die Themen, die mich beschäftigen, zu zeigen. Meinen Pfarralltag, meinen Pfarralltag als schwuler Mann in der Kirche.«
Mittlerweile folgen ihm auf Instagram und TikTok 80.000 Menschen. Unter seinen Videos finden sich oft heftige Hasskommentare.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Also wenn es irgendwie Drohungen wie Morddrohungen oder übelste Beleidigung sind, dann versuche ich das anzuzeigen. Leider ist es so viel und so eine Masse, dass ich gar nicht mehr hinterherkomme, das alles anzuzeigen.«
In den sozialen Medien gibt es eine laute Szene von konservativen Strömungen und Christfluencern. Die reagieren auch auf seine Inhalte.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Gendern, queere Menschen in der Kirche, Frauen, die sich nicht unterordnen, queere Theologie…«
@theofmueller:
»Nein. Jesus Christus steht nicht für weltliche Liebe, hahaha, Trallala, du kannst machen, was du willst. Wenn er sagt: ›Er schuf nur Mann und Frau und segnet auch nur deren Bund‹, dann ist das sein Gesetz.«
Tim Lahr, Pfarrer:
»Ich weiß von ihm jetzt, dass er kein studierter Theologe ist – was auch nicht schlimm ist –, aber ich habe oft das Gefühl, es werden Dinge gepredigt, von Leuten, die selber nicht die Bibel gelesen haben. Ich kenne keine Stelle in der Bibel, wo Jesus sagt: ›Du sollst queere Menschen hassen. Du sollst sie ausschließen. Du sollst Videos gegen sie auf Social Media machen.‹«
Andere Videos machen ihn auch mal sprachlos.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Mir fehlen da fast ein bisschen die Worte. So, also ich kann gar nicht sagen... Ich weiß natürlich nicht, in welche Kreise das kommt, aber es macht ja nur sichtbar anscheinend, wie viel Queerfeindlichkeit es doch noch in unserer Gesellschaft gibt.«
Der SPIEGEL hat versucht, die Influencer zu kontaktieren, um mit ihnen über ihre Kritik zu sprechen. Eine Antwort kam nicht.
In der Kirche stehen die letzten Handgriffe vor der Party an.
Tim Lahr, Pfarrer:
»…ein bisschen Stimmung…«
Und der Pfarrer nutzt den Moment, um seiner Influencerpflicht nachzukommen und schlüpft für ein Video noch fix in seine Dienstkleidung als Geistlicher:
Tim Lahr, Pfarrer:
»Es wirkt jetzt erst mal lame, aber ich habe 'ne Idee dazu.«
Diese Idee sieht online dann so aus.
Wer das in einer Kirche macht und auf Social Media postet, provoziert offenbar im realen Leben: Bei einer der letzten Veranstaltungen protestierten einige Menschen.
Deshalb braucht es bei den queeren Kirchenevents mittlerweile einen Sicherheitsdienst. Und eben: göttlichen Beistand.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Ich bete heute die ganze Zeit dafür, dass alles rund läuft. Viel Spaß!«
Dann geht die Party im Kirchenschiff langsam los. Das Motto des Abends: Queer as Hell.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Weil queere Menschen ja immer von anderen in die Hölle gewünscht wurden, haben wir das sehr ironisch und spielerisch aufgenommen.«
Ob das provozieren könnte, ist Lahr erst mal egal.
Tim Lahr, Pfarrer:
»Ich mache das für queere Menschen und nicht für die, die es scheiße finden. Deswegen habe ich da keine Gedanken zu.«
Wie ist es, an so einem göttlichen Ort zu feiern?
Biggi Musch, Dragqueen:
»Party in 'ner Kirche. Und dann ist noch eine Dragqueen am DJ-Pult. Das passt irgendwie nicht ins Bild. Aber ich glaube, dass es einfach ein bisschen die Tür öffnet, dass es zeigt, dass Kirche auch anders sein kann.«
Guido, Besucher:
»Das ist ja ein schöner Schritt. Dass es eine Kirche gibt, die sich für unsere Rechte mit einsetzt, die Flagge aufhängt und sagt: ›Hey, hier ist ein offenes Haus, wo alle willkommen sind.‹«
Reporter:
»Glauben Sie, so was bringt vielleicht Leute auch näher wieder an die Kirche ran?«
Sven, Besucher:
»Ja, auf jeden Fall. Gott ist für alle da. Und was Kirche die ganze Zeit immer vergessen hat, ist: Gott liebt gerade die schwarzen Schafe. Und gerade die sind bunt.«
Dana, Besucherin:
»Kirche ist halt nicht nur Kirche, sondern Kirche ist auch ein Platz, wo alle irgendwie ihren Frieden finden, egal an was man glaubt oder was man nicht glaubt.«
Reporter:
»Nach so einer Party mehr Bock auf Gottesdienst?«
Dana, Besucherin:
»Nee.«
Aber Bock auf Party ist da an diesem Samstag. Der Pfarrer tanzt mit und zieht eine positive Bilanz:
Tim Lahr, Pfarrer:
»Die Kirche ist voll und es freut mich, dass ein Ort, der von vielen skeptisch gesehen wird, dann doch wieder so angenommen wird, und ein safer space für queere Menschen sein kann.«
Gegendemos gibt es heute keine. Aber Nachbarn beschweren sich über die Lautstärke. Deswegen wird die queere Kirchenparty in dieser Form wohl nicht mehr stattfinden. Immerhin: Die »beste Garderobenbewachung der ganzen Welt« hat funktioniert.
- Rechts gegen queer in Pforzheim: »Diese Leute kommen in die Hölle!!« Ein SPIEGEL-TV-Film von Thore Brüggemann
- CSD-Demo in Bautzen: Queerer Protest unter Wölfen Eine Videoreportage von Jannis Große und Johannes Grunert
- SPIEGEL Shortcut zum Pride-Month: Deshalb steigt die Gewalt gegen queere Menschen Moderiert von Regina Steffens
