SpOn 19.08.2026
07:28 Uhr

Österreich: 27-Jährige verklagt Wien wegen Toilettengebühr für Frauen


Frauen müssen für die Toilettenbenutzung zahlen, für Männer gibt es kostenlose Urinale: Diese Ungleichbehandlung will die Wienerin Melanie Gradik nicht akzeptieren – und geht rechtliche Schritte.

Österreich: 27-Jährige verklagt Wien wegen Toilettengebühr für Frauen

Männer können kostenlos pinkeln gehen, Frauen müssen zahlen: Dieses Szenario gibt es immer wieder bei öffentlichen Toiletten. Die Wienerin Melanie Gradik will das nicht mehr hinnehmen und verklagt die Stadtverwaltung der österreichischen Hauptstadt, nachdem eine Schlichtung gescheitert war, wie unter anderem der ORF  berichtete.

Die Ungerechtigkeit sei ihr bei einem Spaziergang aufgefallen: »Ich war mit einem Freund im Stadtpark und wir mussten beide auf die Toilette. Er konnte kostenlos urinieren, ich musste 50 Cent bezahlen«, sagte Gradik der Nachrichtenagentur AFP. Das verstoße gegen das Antidiskriminierungsgesetz der österreichischen Hauptstadt, ist die 27-Jährige überzeugt. Daher verklagte sie die Stadtverwaltung von Wien.

»Das ist ungerecht«

Wie auch in vielen deutschen Städten, sind in Wien Pissoirs für Männer oft frei zugänglich, während Frauen die WC-Kabinen nur gegen Gebühr benutzen können. »Es ist eine Kleinigkeit, aber auch ein Beispiel dafür, wie Frauen im Alltag ungleich behandelt werden«, sagt Gradik. »Warum können Toiletten nicht für alle kostenlos sein oder für alle 50 Cent kosten? Das ist ungerecht.«

Das sieht auch Gradiks Anwältin Petra Laback so: Die Tatsache, dass manche öffentliche Einrichtungen kostenlose Urinale für Männer anbieten, führe zu einer Ungleichbehandlung der Geschlechter. »Männer haben eine zusätzliche kostenlose Alternative, Frauen nicht«, sagt sie. Sollte Gradik einen Prozess in dem Streit gewinnen, könnte dies einen Präzedenzfall für ganz Österreich schaffen, hofft die Juristin: »Das wird sicherlich Auswirkungen auf andere Gemeinden haben.«

In Wien gibt es derzeit rund 170 öffentlich betriebene Toilettenanlagen, von denen rund 140 kostenlos genutzt werden können. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist die Gebühr an den anderen Orten notwendig, um an stark frequentierten Orten Sauberkeit und die ordnungsgemäße Nutzung durch Toilettenpersonal sicherzustellen. Doch auch bei diesen Einrichtungen sind die Pissoirs kostenlos zugänglich. Das solle verhindern, dass Männer in der Öffentlichkeit urinieren, begründet Sandra Holzinger von der Wiener Stadtverwaltung.

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Die Rechtsprofessorin Anna Gamper von der Universität Innsbruck hält diese Regelung mit Blick auf die Geschlechter-Gleichstellung für fraglich. Nach österreichischem Recht »darf zwischen Männern und Frauen nur unterschieden werden, wenn dafür eine besondere sachliche Rechtfertigung besteht«, sagt sie. Bei öffentlichen Toiletten scheine eine solche »nicht vorzuliegen«, da die Kosten für den Bau, die Instandhaltung und die Reinigung von Kabinen und Pissoirs letztlich gleich seien.

Zusätzliche Kosten für Frauen

Selbst wenn die Instandhaltung von Kabinen etwas teurer wäre oder diese mehr Wasser verbrauchten, reiche das nicht unbedingt aus, um einen Preisunterschied gegenüber Urinalen zu rechtfertigen, sagt Gamper. »Frauen dürfen nicht allein deshalb finanziell benachteiligt werden, weil sie eine andere Anatomie haben und auch aus Sicherheitsgründen auf eine Kabine angewiesen sind.« Das Argument, dass auch Männer für eine Kabine bezahlen müssen, lässt sie nicht gelten. Schließlich hätten sie im Gegensatz zu Frauen eine kostenlose Option.

Frauen in Österreich hätten im Alltag im Vergleich zu Männern ohnehin zusätzliche Kosten, beispielsweise für Periodenprodukte , sagt der Sprecher der Wiener Frauenstadträtin Elke Hanel-Torsch, Stefan Hayden. In ihrem Koalitionsvertrag verpflichteten sich die in Wien regierenden Sozialdemokraten und Liberalen, das Angebot an öffentlichen Toiletten auszubauen und zu prüfen, ob sie für alle Geschlechter kostenlos werden können.

Im Augarten gibt es seit dem vergangenen Jahr neue öffentliche Toiletten – ein Modell ganz im Sinn von Melanie Gradik. Die WC-Häuschen sind kostenlos – für Männer und Frauen.

bbr/AFP