SpOn 29.05.2026
15:45 Uhr

Patagonia versus Pattie Gonia: Outdoormarke verklagt US-Dragqueen


US-Dragqueen Pattie Gonia ist bekannt für Umweltaktivismus. Nun geht die eigentlich ähnlich gesinnte Marke Patagonia gegen den Namen vor. Und erntet online einen Shitstorm.

Patagonia versus Pattie Gonia: Outdoormarke verklagt US-Dragqueen

Nachdem Pattie Gonia im vergangenen Dezember die Golden Gate Bridge von San Francisco überquert hatte, legte die Dragkünstlerin die Wanderstöcke ab und biss erst mal genüsslich in eine Torte. »$1M = 100 miles« war in roter Zuckerschrift darauf geschrieben, Pattie Gonia teilte ein Video des Moments auf Instagram. Die Dragqueen hatte es geschafft: Einhundert Meilen war Pattie Gonia an der US-Westküste gewandert, hatte sich jeden Morgen die orangefarbene Perücke aufgesetzt und Show-Make-up aufgetragen, war den Tag über gelaufen, gelaufen, gelaufen und hatte Schminke und Perücke abends nach dem Zeltaufbau vorsichtig wieder entfernt. Die Idee: 100 Meilen (ca. 161 km) »in Drag«, also im Szene-Outfit, um Spenden in Höhe von einer Million Dollar für acht Umweltorganisationen zu sammeln. Pattie Gonia hat dieses Ziel erreicht.

Mit Aktionen wie dieser ist Pattie Gonia eine der bekanntesten Dragqueens der USA geworden. Der Erfolg ist eng an den Namen geknüpft. Gegen diesen geht nun die Outdoormarke Patagonia rechtlich vor. Der Fall wirft die Frage auf, wie es so weit kommen konnte. Und ob die Marke den Widerstand unterschätzt hat, der ihr jetzt entgegenschlägt.

Bereits am 21. Januar reichte Patagonia in der US-Stadt Los Angeles eine Klage wegen angeblicher Markenrechtsverletzungen gegen Wyn Wiley, wie Pattie Gonia bürgerlich heißt, ein. Das Unternehmen klagt auf einen symbolischen Dollar zuzüglich Anwaltskosten, zudem soll Pattie Gonia den Namen nicht mehr nutzen. Patagonia hatte dazu gegenüber englischsprachigen Medien wie dem »Guardian « erklärt, man habe rechtliche Schritte eingeleitet, nachdem Wiley im September die Marke »Pattie Gonia« anmelden wollte, um Kleidung zu verkaufen und Umweltaktivismus zu fördern. Diese Marke würde Patagonias Ruf »irreparablen Schaden« zufügen, heißt es.

»Obwohl wir uns wünschten, dass wir dies nicht tun müssten – und uns mehrere Jahre lang aktiv mit Pattie ausgetauscht haben, um dies zu vermeiden –, ist es notwendig geworden, die Marke zu schützen, die wir in den vergangenen 50 Jahren aufgebaut haben«, erklärte das Unternehmen demnach im Januar. Man wünsche Pattie Gonia eine lange und erfolgreiche Karriere und Fortschritte bei wichtigen Themen. »Aber auf eine Weise, die Patagonias geistiges Eigentum und die Möglichkeit respektiert, unsere Marke zum Verkauf von Produkten und zur Förderung des Umweltschutzes zu nutzen.«

»Ein Name, der 500 Jahre älter ist«

Bislang schwieg Pattie Gonia zu der Sache. Am Mittwoch veröffentlichte die Dragqueen dann eine Erklärung per Video auf Instagram. »Dies ist ein Unternehmen, das eine Aktivistin auslöschen will«, warf die Dragqueen Patagonia vor. Dabei beziehe sich der Name auf die Region Patagonien in Südamerika. »Ein Name, der 500 Jahre älter ist als meiner und jener der Bekleidungsmarke.« Unter einem Post fragt jemand ironisch, ob Patagonia nun auch Chile und Argentinien verklagen wolle.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Sollte die Marke mit ihrer Klage erfolgreich sein, würde Pattie Gonia dem Video zufolge die Karriere und das Team der Dragqueen die Einkommensquelle verlieren. »Das ist ein Verrat an Patagonias Kernwerten«, sagt Pattie Gonia in dem Video und fragt: »Wenn sie den Heimatplaneten retten wollen, warum verklagen sie eine Klimaaktivistin?«

Fans von Pattie Gonia stürmen nun die Kommentarspalte von Patagonias neuestem Instagram-Post, in dem es eigentlich um Sonnenschutz geht. »Zieht die Klage zurück«, fordern sie. Einige von Pattie Gonias 1,7 Millionen Followern kündigen an, die Marke bis dahin zu boykottieren. Mehr als 46.000 Kommentare haben sich in mehr als 24 Stunden angesammelt. Unter Pattie Gonias Videostatement sprechen etwa Greenpeace und der bekannte Influencer John Dela Cruz (»Nurse John«) ihre Unterstützung aus.

Pattie Gonia mit Zeltkleid und Dragkünstlerin Kat Walker: »Sie haben auf das politische Momentum geschaut«

Pattie Gonia mit Zeltkleid und Dragkünstlerin Kat Walker: »Sie haben auf das politische Momentum geschaut«

Foto: Boston Globe / Getty Images

Wie nah Pattie Gonias Entwürfe an dem Markenlogo und der -schrift waren, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Pattie Gonia selbst räumt in dem Video ein, die Marke wenige Male spielerisch parodiert zu haben, etwa indem die Künstlerin einen Patagonia-Sticker zeigte, den ein Fan gebastelt hatte: »Drag basiert auf Parodie, Wortspielen und Witzen.« Tatsächlich ist es in der Dragszene üblich, Markennamen zu parodieren. Pattie Gonia gab außerdem an, bereit zu sein, die Marke nie wieder zu parodieren.

Patagonia wehrt sich gegen die Vorwürfe

In einer Stellungnahme erklärte Patagonia gegenüber dem »Guardian«, das Unternehmen habe der Dragqueen in den vergangenen Jahren »mehrere Vorschläge unterbreitet«, begleitet von einem »kontinuierlichen Dialog und aufrichtigen Bemühungen, eine gerichtliche Auseinandersetzung zu vermeiden«. Leider hätten beide Seiten keine Einigung erzielen können.

»In dieser Angelegenheit geht es weder um finanziellen Gewinn noch darum, die Identität oder das Recht einer Person auf Interessenvertretung, Protest oder kreativen Ausdruck infrage zu stellen. Das Letzte, was wir wollten, war ein Rechtsstreit mit jemandem, der unsere Werte teilt, aber wir müssen unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter schützen«, fügte das Unternehmen hinzu.

Mehr zum Thema

Pattie Gonia wirft der Marke in einem weiteren Posting vor, von der konservativen politischen Atmosphäre in den USA profitieren zu wollen, da der Name »Pattie Gonia« schon seit acht Jahren existiere. »Ich denke, sie haben auf das politische Momentum geschaut und gedacht, dass sie das ohne viel Gegenwind durchziehen können«, schreibt die Dragqueen.

Ob die Einschätzung zutrifft, ist jedoch fraglich: Zum einen hat Pattie Gonia den Markennamen erst vor wenigen Monaten angemeldet. Zum anderen ist das Unternehmen Patagonia mittlerweile zwar bei Managern und Investmentbänkern an der Wall Street beliebt, hat seine progressiven Positionen aber zumindest nach außen beibehalten.

Im Jahr 2022 etwa hat Patagonia-Gründer Yvon Chouinard die Firma in eine Umweltorganisation umgewandelt und die Anteile an eine Stiftung sowie die Non-Profit-Organisation »Holdfast Collective« übertragen. Seither werden alle Gewinne in den Kampf gegen die Klimakrise investiert.

Patagonia wird sich nun entscheiden müssen, was mehr Schaden anrichten könnte: die Shows und Merchandise-Artikel von Pattie Gonia – oder die Wut der Fans.

Lesen Sie hier  ein Interview mit Patagonia-Vorstandschef Ryan Gellert über die Strategie der Marke in Trumps Amerika.