Im Streit über die Zukunft der Rente melden sich bemerkenswert viele Ökonomen unterschiedlicher Couleur zu Wort – und fordern einhellig die komplette Umsetzung des Rentenpaketes, wie es die Rentenkommission der Regierung vorgeschlagen hat. In einem Aufruf, der dem SPIEGEL vorliegt, verlangen sie, die Empfehlungen der Rentenkommission »als konsistentes Bündel von Maßnahmen« umzusetzen, von einem späteren Renteneintritt über einen stärkeren Nachhaltigkeitsfaktor bis hin zur Einbeziehung weiterer Gruppen und einer gesetzlichen Kapitalrente. Nur im Gesamtpaket entfalte die Reform ihre »positive und stabilisierende Wirkung«, so die Botschaft.
Unterzeichnet haben den Aufruf 47 Wissenschaftler, darunter der Münchner Rentenexperte Axel Börsch-Supan, Clemens Fuest vom Ifo-Institut, Constanze Janda von der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer, Ulrike Malmendier von der Uni Berkeley, Bert Rürup sowie Moritz Schularick vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Zu den Unterzeichnern gehören auch drei der fünf Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Martin Werding, Gabriel Felbermayr und Monika Schnitzer.
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Besonders scharf kritisieren die Unterzeichner die Debatte über die abschlagsfreie Frührente, bekannt als »Rente mit 63«. Zu den Vorschlägen der Rentenkommission gehört deren Abschaffung, die aber politisch sehr umstritten ist. Nicht nur viele SPD-Politiker wollen sie erhalten. Unter anderem hatten sich CDU-Ministerpräsidenten wie Michael Kretschmer aus Sachsen dafür starkgemacht.
In ihrem Aufruf kritisieren die Ökonomen, dass diese Sonderregelung teuer sei. Anders als ursprünglich gedacht, profitierten davon vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer – während tatsächlich Bedürftige oft leer ausgingen. Künftig solle der Staat gezielter jene unterstützen, die aus gesundheitlichen Gründen kurz vor dem Ruhestand nicht mehr arbeiten können oder trotz vieler Beitragsjahre nicht von ihrer Rente leben können. Entsprechende Regelungen für solche Härtefälle hatte die Rentenkommission in ihrem Reformkonzept vorgeschlagen und der Bundesregierung vorgelegt.
Die Idee vom »Gesamtkunstwerk«
Die Expertinnen und Experten pochen darauf, die demografischen Lasten breiter zu verteilen: Nicht nur Beschäftigte, Arbeitgeber und Rentner müssten ihren Beitrag leisten, sondern auch Politiker, Beamte, Vorstände und Selbstständige. Wer einzelne Bausteine des Kommissionsvorschlags streiche, müsse einen »wirksamen Ersatz« liefern, heißt es in dem Papier. Andernfalls drohe das gesamte Konzept zusammenzufallen – mit der Folge, dass die Lösung der wachsenden Probleme erneut vertagt würde.
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Angesichts der alternden Bevölkerung sehen die Ökonomen die Alterssicherung bereits heute »zunehmend unter Druck«. Jede weitere Verschiebung gehe zulasten der jüngeren Generationen, die schon jetzt steigende Belastungen schultern müssten.
Bereits bei der Vorstellung des Kommissionsberichts hatten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) von einer Umsetzung ohne Abstriche gesprochen. Bas sagte, bei dem Konzept handele es sich um ein »Gesamtkunstwerk«.
