Radiosendung (28.04.1986):
»Bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk in der Sowjetunion sind nach offiziellen Angaben mehrere Menschen zu Schaden gekommen.«
Radiosendung (06.05.1986):
»Bis jetzt haben wir noch keine genauen Zahlen, sondern immer nur Wischiwaschi.«
»Ich habe im Garten schon fast alles gesät. Kann man das dann nachher noch ernten?«
Am 26. April 1986 ereignet sich im Kernkraftwerk Tschernobyl das schwerste Unglück der zivilen Nutzung der Atomenergie.
Die Atomanlage mit vier Reaktorblöcken liegt rund 100 Kilometer nördlich von Kyjiw – auf dem Gebiet der heutigen Ukraine.
In Block 4 steigt an jenem April-Tag nach einem Sicherheitstest die Reaktorleistung unkontrolliert an. Die Ursache: Konstruktionsmängel und Bedienfehler durch die Betriebsmannschaft. Es kommt zu einer folgenschweren Explosion, einem Super-GAU.
Eine radioaktive Wolke zieht über Europa – bis nach Grönland und Nordafrika. Erster Regen wäscht die belasteten Partikel aus der Luft und spült sie auf den Boden. In den Tagen nach dem GAU fallen in Bayern, Baden-Württemberg und Teilen Brandenburgs teils heftige Schauer. Die Folgen sind bis heute messbar: In Bayern etwa zeigen etwa Wildschweine noch immer erhöhte Radioaktivitätswerte.
Zwei Wochen nach dem Unfall. Deutschland ist verunsichert. Es herrscht Angst vor radioaktivem Niederschlag. Gemüseernten werden vernichtet. Spielplätze sind gesperrt. Die Menschen decken sich mit Jodtabletten und Konserven ein. Straßenposten dekontaminieren Autos.
Hans Jochen Vogel, Fraktionsvorsitzender der SPD, in der Bundestagsdebatte am 14.05.1986:
»Selbst wenn jetzt, was wir alle hoffen, keine akute Bedrohung mehr besteht: Wer weiß denn wirklich, welche Langzeitwirkungen die Caesium- und Strontium-Ausschüttungen tatsächlich im Laufe der Jahre haben werden?«
Der GAU von Tschernobyl gibt der Anti-Atomkraftbewegung in Deutschland einen enormen Aufschwung und führt zur Gründung des Bundesumweltministeriums.
In der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks laufen derweil lebensgefährliche Aufräumarbeiten: In den Wochen und Monaten nach der Katastrophe sind hier mehr als 600.000 Menschen im Einsatz. Moskau will das Ausmaß des Unfalls vertuschen und die strahlenden Trümmer schnell unter Beton begraben.
Im Minutentakt werden die Arbeiter in der Strahlenzone ausgetauscht. Sie tragen einfachste Atemschutzmasken und Bleischürzen. Die gesundheitlichen Folgen dieser Arbeit werden zum Teil bis heute verschleiert. Experten sprechen von bis zu 125.000 Toten allein unter den sogenannten Liquidatoren, die einer extremen radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren.
In der Region rund um das Atomkraftwerk entstehen Sperrgebiete.
Die Stadt Prypjat wird erst an Tag zwei nach dem Super-GAU evakuiert – als viele Bewohnerinnen und Bewohner bereits Strahlung abbekommen haben. In den Jahren nach dem Unfall gibt es unter diesen Menschen einen massiven Anstieg von Schilddrüsenkrebs und anderen Krebsarten, es gibt Fehlbildungen bei Neugeborenen und eine generell erhöhte Sterblichkeit. Die Folgen der Reaktorkatastrophe werden noch lange spürbar bleiben.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist Tschernobyl mehrfach zum Kriegsschauplatz geworden. Diese Bilder etwa sollen einen russischen Drohnenangriff auf die Hülle von Reaktorblock 4 zeigen.
Block 1 bis 3 liefen nach der Katastrophe von 1986 teilweise weiter. Das Kraftwerk blieb bis 2000 am Netz. Noch heute lagern hier große Mengen radioaktiven Materials.