SpOn 02.10.2026
17:57 Uhr

Türkei: Tote Deutsche Sibel T. – war es doch eine natürliche Todesursache?


Am Mittwoch machte eine Meldung Schlagzeilen, in der Türkei sei eine deutsche Staatsanwältin unter verdächtigen Umständen gestorben. Nach SPIEGEL-Recherchen stellt sich der Fall im Wesentlichen nun anders dar.

Türkei: Tote Deutsche Sibel T. – war es doch eine natürliche Todesursache?

Es ist eine dieser Geschichten, bei denen drei, vier Schlagzeilen ausreichen, um aufhorchen zu lassen: Deutsche Staatsanwältin stirbt in der Türkei, Todesursache unbekannt, Polizei stuft die Umstände als verdächtig ein, Symptome: plötzliches Erbrechen und Übelkeit. So meldeten es zahlreiche deutsche Medien am Mittwoch dieser Woche, auch der SPIEGEL, unter Berufung auf türkische Medien. Neben einem Mordanschlag ebenfalls im Spekulationsbereich: Wurde Sibel T., 42, etwa Opfer einer Kakerlakenjagd, wie sie im November 2025 eine ganze Hamburger Familie im Türkeiurlaub das Leben gekostet hatte? Vater, Mutter, zwei Kinder waren gestorben, nachdem sie in einem Hotelzimmer übernachtet hatten, das vorher mit Ungeziefergift behandelt worden war.

Die Wahrheit im aktuellen Fall scheint nun deutlich weniger dramatisch: Zwar ist die Frau tot, gestorben am 13. September in Silivri, einer 230.000-Einwohner-Stadt bei Istanbul. Auch polizeiliche Untersuchungen zur Ursache laufen weiter, möglicherweise noch über Monate. Aber nach SPIEGEL-Recherchen war Sibel T. nach derzeitigem Stand weder Staatsanwältin, Polizistin oder sonst irgendeine Ermittlerin, noch machte sie Urlaub in einem Hotel. Stattdessen wohnte die Frau mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in einem Haus der Familie; auch Schädlingsbekämpfungsmittel sollen dort nicht großflächig zum Einsatz gekommen sein.

Stattdessen gibt es Indizien, die auf eine natürliche Todesursache hindeuten könnten. Aus türkischen Sicherheitskreisen heißt es, die Frau sei mit rund 170 Kilogramm stark übergewichtig und wegen eines langjährigen Bluthochdrucks grundsätzlich gefährdet gewesen. Sie habe schon eine Herzoperation hinter sich gehabt, sei in der Vergangenheit mehrfach ins Krankenhaus gekommen und habe unter einer ganzen Reihe von Gesundheitsproblemen gelitten.

Offenbar studierte Sibel T. Jura, war aber keine Staatsanwältin

Nach SPIEGEL-Informationen wurde Sibel T. 1984 in Hamburg geboren, hat hier offenbar 2004 an einer Stadtteilschule Abitur gemacht und, so ein Bruder gegenüber dem SPIEGEL, Jura studiert. Bei einer Staatsanwaltschaft habe sie aber nie gearbeitet. Er bestätigte damit Angaben der Hamburger Ermittlungsbehörde, dass man dort eine Frau dieses Namens nicht kenne, auch nicht unter Sibel P., ihrem Geburtsnamen. Vielmehr, so der Bruder, sei sie zwischen Hamburg und der Türkei gependelt, habe monatelang mal hier, mal dort gelebt und – soweit er das wisse – auch Menschen in der Türkei juristisch beraten. Die Nachbarin in Silivri bestätigt, dass Sibel T. schon seit April im Land gewesen sei; sie sei allerdings vor allem als Übersetzerin tätig gewesen.

In der Nacht zum 13. September war die Frau gegen 2.43 Uhr ins Krankenhaus gekommen, nachdem sie vier Tage lang über Übelkeit und Erbrechen geklagt hatte; zwei Stunden später starb sie. Hinweise in einer Polizeimeldung, sie sei Staatsanwältin, gingen offenbar auf ihren Mann oder ein Missverständnis zurück. Türkische Medien zeigten bei ihrer Berichterstattung außerdem das Foto einer Frau, bei der es sich nicht um Sibel T. handelte.

Aus türkischen Ermittlerkreisen hieß es gegenüber dem SPIEGEL, wenn eine so junge Frau sterbe und die Todesursache ungeklärt sei, gehöre es zum Standardverfahren, den Fall als verdächtigen Tod einzustufen. Das gelte auch, wenn es keine typischen Anzeichen für ein Fremdverschulden gebe. Sicherheit werde man erst haben, wenn der Bericht der Gerichtsmedizin vorliege, vermutlich in einigen Monaten. Bisher gebe es aber keinen Hinweis auf eine Vergiftung; auch dies müsse die Gerichtsmedizin klären. Eine Lebensmittelvergiftung schloss wiederum die Nachbarin weitgehend aus: Die Familie habe normalerweise selbst gekocht, am Tag vor ihrem Tod soll Sibel T. lediglich ein Eis gekauft haben. So wie der Rest der Familie, ohne dass Angehörige Symptome gezeigt hätten.

Der in Hamburg lebende Bruder von Sibel T. sagte, man warte die Ermittlungen ab. Die Familie trauere und wolle derzeit nicht mehr zu der Sache sagen.