Eigentlich hatte man erwartet, sechs bisher unidentifizierte Kriegstote auf dem Friedhof von Koserow auf der Insel Usedom zu finden, als die Umbetter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge dort ihre Arbeit aufnahmen. Dann fanden sie immer mehr, und am Ende entpuppte sich der vermeintliche Routineeinsatz als ungewöhnlich: 42 Menschen hatte man dort in drei länglichen Gruben verscharrt, »Schulter an Schulter«, wie es Grabungsleiter Joachim Kozlowski beschreibt. Die Umbetter des Volksbunds hatten ein Massengrab gefunden.
Der in staatlichem Auftrag handelnde Verein (Motto: »Gemeinsam für den Frieden«) sieht sich als humanitäre Organisation. Im In- und Ausland sucht er anonym begrabene Kriegstote, um sie würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen. Dabei hilft er teils auch, den Verbleib von Kriegsopfern aufzuklären. Anhand etwa der Erkennungsmarken könnten dann auch Anfragen, die von Angehörigen ans Bundesarchiv gestellt wurden, beantwortet werden.
Worum es nicht geht: Schuldfragen zu klären oder aufzuwerfen. »Alle, die nach Krieg schreien, sollten mich begleiten«, sagte Kozlowski der »Ostsee Zeitung« nach dem Fund.
Dass auf dem Friedhof von Koserow Kriegstote lagen, war bekannt. Vor Ort gibt es einen Grabstein mit der Aufschrift »Den unbekannten Opfern des Zweiten Weltkrieges«. Nicht auf jedem deutschen Friedhof, der per Gedenkstein an Kriegstote erinnert, werden die Umbetter auch fündig. Laut Kozlowski war in Koserow angenommen worden, dass es sich um sechs Tote handeln könne. »Dann gab es eine vage Aussage, dass es möglicherweise wohl auch mehr sein könnten. Aber dass es dann am Ende 42 wurden, also damit hat keiner von uns gerechnet.«
Beifunde: Persönliche Gegenstände, die mit den Leichen gefunden wurden
Foto: Stefan Sauer / dpaDas Alter der Opfer zum Zeitpunkt des Todes reicht laut Kozlowski vom Kindes- und Jugendlichenalter bis in den Bereich von 70 Jahren. Außerdem seien vergleichsweise viele Frauen dabei. Insgesamt seien zehn Erkennungsmarken gefunden worden, etwa die einer Marinehelferin.
Es gebe Hinweise auf Behandlungen in einem Lazarett. »Es gab Menschen mit frischen Amputationsverletzungen, wo man Gliedmaßen abgesägt hatte«, sagte Kozlowski. »Es waren durchweg sehr deutliche Zeichen dafür, dass es sich dabei zweifelsfrei um Kriegstote handelt.«
Neben Schussverletzungen sei die Schwere der Verletzungen an einigen Schädeln auffällig. »Es gab wirklich viele Rückschlüsse auf erhebliche stumpfe Gewalt gegen den Kopf«, erklärte der 54-Jährige. »Ich gehe davon aus, dass viele dieser Menschen tatsächlich erschlagen worden sind.«
Bis zu 300 Funde im Jahr
Jährlich werden laut Volksbund allein im Inland zwischen 250 und 300 Tote geborgen. Darunter seien Soldaten der Roten Armee, Wehrmachtsangehörige und gerade um Berlin herum das sogenannte letzte Aufgebot, Hitlerjungen und Volkssturmmänner, aber auch Zivilisten und Flüchtlinge.
Joachim Kozlowski begann als ehrenamtlicher Helfer und ist nun seit über 17 Jahren der einzige hauptamtliche Umbetter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die ersten sechs Jahre habe er im Ausland gearbeitet: Polen, Lettland, Litauen und Estland. In Deutschland komme er oft bei sogenannten Spontanfunden, etwa auf Baustellen, zum Einsatz. Dann arbeite er allein.
Anders sei es bei geplanten größeren Maßnahmen wie in Koserow. Dann hat er Helfer, vorrangig Feldjäger, also Bundeswehrangehörige, die Militärpolizisten sind, wie er erklärt. Bevor man in die Tiefe gehe, werde der Boden untersucht, etwa per Bodenradar oder mit Tiefensonden oder Sondiernadeln. Dann trage ein Bagger mit einer breiten zinkenlosen Schaufel in kleinen Schichten den Boden ab, bis die relevante Schicht erreicht wird. Dort ist dann Handarbeit gefragt.
Viel bleibt nicht: Was nach 81 Jahren von Menschen gefunden wird, passt in einen Mini-Sarg
Foto: Stefan Sauer / dpaKozlowski hat jeden Toten hinsichtlich Alter, Größe, Verletzungen oder Geschlecht einzeln untersucht. Die Gebeine seien dann in kleinen schwarzen Pappsärgen an anderer Stelle auf dem Friedhof wieder beigesetzt worden. Die Position sei markiert. Bis zum Volkstrauertag im November soll dort auch überirdisch eine neue Kriegsgräberstätte entstehen.
Die Funde in Koserow sind nicht die Einzigen, die Kozlowski und sein Team im Mai auf Usedom entdeckt haben. Nicht allzu weit weg, in Krummin, seien mehrere deutsche Soldaten gefunden worden. Bei zweien handelt es sich um Soldaten mit Erkennungsmarken, deren Verbleib bislang völlig unbekannt gewesen sei. Auch diese Toten sollen würdevoll beigesetzt und Angehörige über ihren Verbleib informiert werden, wenn möglich. Kozlowski: »Weil, Trauer braucht einen Ort.«
Auf dem Golm – mit 69 Metern die höchste Erhebung auf Usedom – befindet sich eine bedeutende Kriegsgräberstätte. Tausende Kriegsopfer sind hier beigesetzt, unter anderem Opfer von amerikanischen Luftangriffen auf das nahe gelegene Swinoujscie (Swinemünde) im März 1945. Der Ort war zu diesem Zeitpunkt ein wichtiger Wehrmachts- und U-Boot-Flottenstützpunkt, aber auch mit Flüchtlingen überfüllt.
Kozlowski kommt dem Grauen des Krieges näher als die meisten Menschen in Deutschland. »Wir müssen sämtliche Kriege einfach verhindern«, fordert er. »Das ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht. Ich dachte, wir wären schon lange über dieses Thema Krieg hinweg.«
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