Jesse Marsch hat mit einem Interview für Aufsehen gesorgt. Marsch, US-Amerikaner und Trainer der kanadischen Fußballnationalmannschaft, äußerte sich im »Guardian« zur folgenlosen Roten Karte, die US-Stürmer Folarin Balogun bei der WM sah – und holte dann zu einer Generalkritik aus, in der es um seine amerikanische Heimat und ihr Selbstverständnis ging.
Einen solchen Vorgang, also die Aussetzung der automatischen Sperre für das nächste Spiel nach einem Platzverweis, könne es nur in einem Land geben, sagte Marsch. Das liege daran, wie man in den USA aufwachse.
Platzverweis gegen Folarin Balogun bei der WM
Foto: Martin Meissner / AP»Wir Amerikaner werden seit unserer Kindheit mit Propaganda überschüttet. Wir sind die Nummer eins der Welt, wir verdienen alles, wir dominieren alles, wir sind in jedem Lebensbereich die Nummer eins«, sagte Marsch. Wenn dann etwas geschehe wie ein vermeintlich unberechtigter Platzverweis gegen einen wichtigen Spieler, »dann haben wir das Gefühl, dass wir es verdienen, anders behandelt zu werden, weil wir Amerikaner sind.«
Marsch spielt in der Nacht auf Mittwoch gegen die USA
Angreifer Balogun war bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko ein Schlüsselspieler seiner Mannschaft, er erzielte drei Tore, ehe er im Sechzehntelfinale gegen Bosnien und Herzegowina die Rote Karte für ein Foul sah. Trotzdem durfte Balogun im Achtelfinale gegen Belgien (1:4) spielen – offenbar nach Intervention von Donald Trump. Der US-Präsident hatte von einem Telefonat mit Fifa-Boss Gianni Infantino berichtet, indem er für die Rücknahme der Sperre nach der Roten Karte geworben habe. Baloguns Strafe wurde dann tatsächlich zur Bewährung ausgesetzt.
»Das ist etwas, das den Rest der Welt so wütend über die Amerikaner macht. Und das wissen Amerikaner nicht, wenn sie ihr Land nie verlassen.«
Marsch, im US-Bundesstaat Wisconsin geboren und zweimaliger US-Nationalspieler, verließ das Land, er wechselte als Trainer nach Europa. Er arbeitete in Deutschland, Österreich und England, unter anderem war er Chefcoach von RB Leipzig in der Bundesliga. Seit 2024 trainiert er Kanadas Fußballer, mit denen er in der Nacht auf Mittwoch in einem Testspiel auf die USA trifft. Die Partie findet im US-Bundesstaat Minnesota statt.
»In keinem anderen Land der Welt« würde es eine solche Rücknahme geben, sagte Marsch: »Genau deshalb hasst die ganze Welt Amerika.«
